Schiffstour auf dem Jangtze

Unterwegs auf dem längsten Fluss Chinas bis nach Shanghai

Juni 2012

In den riesigen Schleusenkammern des Drei-Schluchten Staudamms

In den riesigen Schleusenkammern des Drei-Schluchten Staudamms

Die Stadt Chongqing liegt an der Einmündung des Jialing in den großen Strom Jangtze in bergiger Landschaft. Die ganze Stadt mit mehr als 3000 Jahren alter Geschichte wurde bergauf gebaut und nennt sich deshalb auch Bergstadt. Am Beginn der Monsunzeit liegt über Chongqing den ganzen Tag ein dichter Dunstschleier, hervorgerufen durch das feuchtheiße Klima und die Luftverschmutzung durch Industrieabgase.

 

Bekannt ist die Stadt als Ausgangspunkt für die Schiffe, die den Jangtze hinunter fahren zu den drei Schluchten und weiter bis nach Shanghai. Über der Stadt thront auf der Spitze des Eling-Berges der Eling-Park. „Eling“ in chinesischen Schriftzeichen heißt „Schwanenhals“ und wurde so benannt nach der Form der Bergspitze.

Das 100 Meter lange Gemälde vom Jangtze

 

Hier oben sind zwei kleine Museen untergebracht, die etwas gemeinsam haben. Das eine kleine Museum erinnert an den Aufenthalt von Chiang Kai-shek, der Chongqing von 1937 bis 1945 zur Hauptstadt kürte. Er kämpfte gemeinsam mit der CIA gegen die Kommunisten, musste sich dann aus dem Staub machen und rettete sich mit dem chinesischen Staatsschatz nach Taiwan. Damals beauftragte Chiang Kai-shek den US-Amerikaner John Lucian Savage, Chef-Konstrukteur des Hoover-Dammes auf der Grenze der Bundesstaaten Nevada und Arizona, eine Machbarkeitsstudie für einen Jangtze-Staudamm auszuarbeiten.

In dem zweiten Museum hat der chinesische Maler Liu Zuozhong, der seit mehr als 30 Jahren Bilder der berühmten Drei Schluchten des Jangtze fertigt, ein besonderes Werk ausgestellt. Er schuf seit Mitte der 90er Jahre in mehreren Etappen ein hundert Meter langes und zwei Meter hohes Wandbild, das alle Sehenswürdigkeiten und die elf Städte am Jangtze künstlerisch wie detailliert festhält. Der Künstler ist damit einer der bedeutenden Chronisten des Jangtze: Er zeigt sowohl die herrliche Landschaft des Jangtze, aber zugleich auch all das, was zu beträchtlichen Teilen für den Staudamm geopfert und für immer im Stausee versunken ist.

Dichter Nebel über Chongqing

Dichter Nebel über Chongqing

Eling-Park über Chongqing

Eling-Park über Chongqing

In seinem überdimensionalen Wandgemälde mit dem Titel „Tausend Meilen Drei Schluchten Bild“ zeigt eine gestrichelte Line, wie hoch das Wasser des entstandenen Stausees gestiegen ist. Außerdem führt er auf den Bildern darüber Buch, wie viele Bewohner der Städte am Ufer des Jangtze nach statistischen Angaben des Jahres 1992 umsiedeln mussten, aus Fengdu 54.582, aus Zhongxian 55.452, aus Wanschuan 159.333 … In den meisten Städten wie in Wushan wurde oberhalb der versunkenen Häuserzeilen eine neue Stadt gebaut. Den Vergleich zwischen dem bisherigen und dem neuen Zustand des Jangtze-Ufers kann der Besucher vielfach ziehen. Das „damals und heute“ der Ufer des Jangtze ist in Broschüren, Büchern und DVDs dokumentiert.

Wandgemälde vom Jangtze im Park

Wandgemälde vom Jangtze im Park

Ausschnitt des Wandgemäldes

Ausschnitt des Wandgemäldes

Die Vision von Mao in einem Gedicht

 

Die im Jahr 1993 gegründete Schifffahrtsgesellschaft Victoria Cruises des chinesischen Eigners James Pi mit Hauptsitz in New York betreibt acht neue Schiffe auf dem Jangtze. Auf dem Programm stehen Fahrten durch die Drei Schluchten in drei Tagen, bis nach Shanghai in sieben Tagen und ein ausführlicher Vortrag für die meist US-amerikanischen Touristen über den Drei-Schluchten-Staudamm. Die Information zum größten Wasserprojekt, das je auf der Welt gebaut wurde, übernimmt der chinesische Tourismus-Manager an Bord Aaron Jiang.

 

Schon im Jahr 1953 machte sich das junge kommunistische China ebenfalls Gedanken über den Bau eines Staudamms. Drei Jahre später durchschwimmt Mao bei Wushan den Jangtze, um den Startschuss für das Projekt zu geben. In einem Gedicht von Mao unter dem Titel „Schwimmen“ beschreibt er seine Vision des Staudamms:

 

Steinmauern werden im Westen stromaufwärts stehen
Um Wushan's Wolken und Regen zurückzuhalten
Bis in den engen Schluchten ein stiller See entsteht.

 

Aufgrund des misslungenen „großen Sprunges“ der Mao-Politik und gewaltiger Hungerjahre mit Millionen von Toten musste das Projekt verschoben werden. Die Kulturrevolution von 1966 bis 1976 sorgte für einen weiteren Aufschub.

Eingang in die Tempelanlage und Geisterstadtvon Fengdu

Eingang in die Tempelanlage von Fengdu, einer Geisterstadt, die dem Totenkult der Chinesischen Mythologie gewidmet ist

Dachformen in Fengdu

Dachformen in Fengdu am Jangtze

Nur Zweidrittel Mehrheit für den Damm

 

Erst unter Zhou Enlei gab es schließlich das Comeback des Projekts. In den 80er Jahren wurde zunächst stromabwärts ein viel kleinerer Experimental-Staudamm, der Gezhouba Damm errichtet. Doch auch dieser kleinere Damm konnte eine erneute Hochwasser-Katastrophe nicht verhindern, die wieder tausende Todesopfer forderte. Damit war die Entscheidung durch die chinesische Führung gefallen. Das Drei Schluchten Projekt wurde gestartet. Allerdings erhielt das Projekt bei einer Abstimmung im chinesischen Volkskongress, die veröffentlicht wurde, nur eine Zweidrittel Mehrheit der Stimmen der Abgeordneten. Denn der Bau des Staudamms hatte ganz ernsthafte unerwünschte Auswirkungen. Viele glaubten auch, dass dieses Bauwerk für China undurchführbar sei. Obwohl dann auch große westliche Konzerne wie General Electric Canada, ABB Schweiz, Alstom aus Frankreich und Siemens aus Deutschland später mitwirkten.

Fahrt durch die drei Schluchten Qutang, Wu und Xiling

Fahrt durch die drei Schluchten Qutang, Wu und Xiling

Schutz der Menschen am Fluss

 

Im Jahr 2003 wurde der Damm fertig gestellt und gefüllt und im Jahr 2009 komplett in Betrieb genommen. Der Drei-Schluchten-Staudamm ist der größte Staudamm der Welt, auch wenn es anderswo höhere Staumauern oder längere Talsperren oder größere Stauseen gibt. Das Resümee fällt für die übergroße Mehrheit der Chinesen äußerst positiv aus, wie mir Gespräche mit chinesischen Reiseführern und auch mit der Managerin des Schiffes von Victoria Cruises Monika Pichler bestätigten.

Durch die drei Schluchten
Durch die drei Schluchten

Durch die drei Schluchten

Auf der Plusseite steht an erster Stelle die Kontrolle des Hochwassers und Sicherung von Menschenleben. Zweitens die gewaltige Erzeugung von sauberer Energie. Der Drei-Schluchten-Damm ist der leistungsfähigste Staudamm der Welt. Seine Turbinen produzieren eine Generatorleistung von 18,2 Gigawatt. Das entspricht der Leistung von 12 Atomkraftwerken. Drittens treten durch den 600 Kilometer langen Stausee viel geringere Strömungen auf, die Flussbreite ist erweitert und die Navigation für die Schiffe erleichtert. Früher gab es sehr viele Unfälle. Viertens kann damit der Transportweg per Schiff von bisher 2.000 auf 5.000 Kilometer Schiffsweg wesentlich erhöht werden.

Maximale Fluthöhe

Maximale Fluthöhe

Staudamm provoziert Meinungsstreit

 

Das größte Wasserkraftwerk der Welt hat auch weltweit vor der Fertigstellung jahrelang den größten Meinungsstreit hervorgerufen. Mit Schlagzeilen wie „Chinas Größenwahn am Jangtze“, „Ein Symbol der Macht“, „Etwa sechs Millionen Menschen müssen ihre Heimat verlassen“, „Aus dem Fluss wird eine stinkende Kloake“, „Erdrutsche an den Hängen nehmen bedrohlich zu“ wurde in ausländischen Medien während des Baus eine verbissene Debatte geführt. Scheinbar saßen die weltbesten Experten in Redaktionen und Verlagen, während chinesische Fachleute auf diesem Gebiet in den Jahren 1949 bis 1980 etwa 80.000 Staudämme und Stromkraftwerke errichteten und im nächsten Jahr wird das drittgrößte Wasserkraftwerk in Xiloudu an den Flüssen Jinsha und Jiang eröffnet werden.

Negative Auswirkungen offen angesprochen

 

Der Drei-Schluchten-Damm hat wie die allermeisten Großprojekte auch eine Reihe wesentlicher negativer Auswirkungen. Manager Aaron Jiang geht in erstaunlicher Offenheit sehr ausführlich darauf ein, Ausdruck von gewachsenem Selbstbewusstsein und Souveränität.

 

Problematisch ist die Versandung der Flussabschnitte durch den Damm. Dementsprechend muss ein recht hoher Aufwand mit dem Ausbaggern des Flussuntergrunds betrieben werden. Bis 2015 soll deshalb ein weiterer Staudamm weiter oberhalb des 6380 Kilometer langen Jangtze die Versandung eindämmen und verlagern.

 

Um einen Staudamm mit einem Reservoir von 600 Kilometer Länge anzulegen, mussten insgesamt nach offiziellen Angaben 1,13 Millionen Menschen, die unter anderem in 13 größeren Städten lebten, in neue Häuser und Städte umgesiedelt werden. Besonders problematisch war das für über 400.000 Bauern, von denen knapp die Hälfte in andere Regionen Chinas zogen. Mehr als die Hälfte aller Kosten, die der Staudamm verschlang, entfiel auf Folgen der Aussiedelung, vor allem auf Neubauten. Doch die Mehrheit der Umgesiedelten darunter vor allem die jungen Leute, sollen das Projekt durchweg positiv bewertet haben.

Verluste sind ebenfalls im Kulturerbe der abgetragenen und zerstörten Städte und Häuser zu beklagen. Es konnten nicht alle Kulturgüter gerettet und umgezogen werden, wie z.B. auch einige der so genannten „Hängenden Särge“ in einigen Flussabschnitten.

Anstehen an einer der Schleusen der fünfstufigen Schleusenanlage am Drei-Schluchten-Damm

Fischer am MaDu Fluss 

Fischer am MaDu Fluss 

Felshöhlen der "Hängenden Särge"

Felshöhlen der "Hängenden Särge"

Schleuse der fünfstufigen Schleusentreppe am Drei-Schluchten-Damm

Damm bestand Bewährungsprobe

 

Vor 15 Jahren erreichte die Flut am Jangtse 50.000 Kubikmeter pro Sekunde. Damals riss das Hochwasser 4150 Menschen in den Tod, 18 Millionen Chinesen mussten in Sicherheit gebracht werden. Im Jahr 2010 hat der Drei-Schluchten-Damm den größten Belastungstest seit seiner Fertigstellung im Jahr 2009 gemeistert. Nach schweren Unwettern habe die Flut 70.000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde oberhalb des Dammes am Jangtse erreicht, wie chinesische Medien berichteten. Der Scheitelpunkt der Hochwasserwelle auf dem Fluss habe das Bauwerk passiert. Damit habe es dem höchsten bisher dort gemessenen Wasserstand standgehalten.

Die mächtigen Schleusenkammern am Drei-Schluchten-Damm

Die mächtigen Schleusenkammern am Drei-Schluchten-Damm

Die mächtigen Schleusenkammern am Drei-Schluchten-Damm

Das Bauen am Drei-Schluchten-Staudamm hat noch kein Ende gefunden. Bis zum Jahr 2015 soll ein neues Schiffshebewerk, sozusagen ein „Lift für Schiffe“ eröffnet werden, der für kleinere Schiffe eingerichtet ist und die bisherige Schleusung entlastet. Außerdem werden noch leistungsfähigere Turbinen eingesetzt. Dieser Staudamm, so mein Eindruck, steht symbolhaft für den Aufstieg von China zu einem Wirtschaftsriesen und zu einer Weltmacht. In nur 20 Jahren einer kapitalistischen Marktwirtschaft a la China wurden für die Gesellschaft und für die Menschen unglaubliche Fortschritte erreicht.

Staudamm als Ausflugsziel

 

Am Abend erreicht das Schiff der Victoria Cruises nach dreitägiger Fahrt von Chongqing den Staudamm. Die riesigen Schleusenkammern, in denen sogar Kreuzfahrtschiffe Platz finden, öffnen sich und das Flussschiff fährt hinein. Schließlich ist direkt hier vor Ort ein weiterer Vorteil des Staudamms zu besichtigen. Aberhunderte von Touristen aus China und aller Welt, die Tag für Tag den Jangtze befahren, bestaunen das Bauwerk. Für sie wurden sogar lange Rolltreppen auf die Ebene des 180 Meter hohen Dammes eingerichtet. Das Projekt gibt auch dem Tourismus einen gewaltigen Schub.

Der Drei-Schluchten-Damm

Der Drei-Schluchten-Damm

Besucherzentrum am Drei-Schluchten-Damm

Besucherzentrum am Drei-Schluchten-Damm

In Landesteilen mit wenig Touristen unterwegs

 

Während für die allermeisten Touristen hier die Schifffahrt auf dem Jangtze nach drei Tagen endet, geht für mich die Reise auf dem Fluss bis nach Shanghai zur Einmündung ins gelbe Meer weiter. Das chinesisch-US-amerikanische Unternehmen Victoria Cruises ist eine der ganz wenigen Gesellschaften, die in sieben Tagen von Chongqing bis nach Shanghai fahren. Auch deutsche Reiseveranstalter haben diese längere Tour nicht im Programm. Doch gerade im zweiten Teil der Jangtze-Fahrt auf dem immer breiter werdenden Strom tauchen die Passagiere in typische Landesteile Chinas ein, die von ausländischen Touristen kaum besucht werden.

Eine Station ist Wuhan am Zusammenfluss vom Jangtze mit dem Han-Fluss, die Stadt der Brücken und Seen.

Das dort befindliche Hubei Provinzmuseum gehört zu den bedeutendsten Museen in China und beherbergt eine archäologische Kostbarkeit - die Grabschätze des Marquis Yi von Zeng aus der Zeit um 400 v. Chr. Der Marquis muss ein großer Musikliebhaber gewesen sein. Neben dem kompletten Hausstand enthielt sein Grab die verschiedensten Musikinstrumente, Trommeln, Blasinstrumente, Saiteninstrumente, ein Klangstein-Spiel mit 32 Klangsteinen - und als einmalige Rarität: Ein Glockenspiel mit 64 Bronze-Glocken.

Eine Überlandfahrt von 120 Kilometern zum berühmten Gelben Berg, Huang-Shan, mit seinen bizarren Felsen und tiefen Schluchten führt durch fruchtbare Gebiete. Hier werden drei Mal im Jahr Reis- und Gemüse-Ernten eingebracht, Garnelen gezüchtet und Lotosblumen angebaut.

Das Glockenspiel des Marquis Yi von Zeng

Das Glockenspiel des Marquis Yi von Zeng
Am Gelben Berg

Am Gelben Berg

Konfuzius-Tempel mit der größten Statue von Konfuzius in Nanjing

Konfuzius-Tempel mit der größten Statue von Konfuzius in Nanjing

Die Millionen-Stadt Nanjing ist eine der ältesten Städte Chinas mit einer über 2500 jährigen Geschichte. Mehrfach war sie auch Hauptstadt des Riesenreiches. Sie hat eine sehenswerte Altstadt mit einem der bedeutendsten Konfuzius-Tempel Chinas. In ihm steht die größte Konfuzius-Statue Chinas.

Im Konfuzius-Tempel
In der Altstadt von Nanjing

Im Konfuzius-Tempel

In der Altstadt von Nanjing

Vor den Toren Nanjings besuche ich das in einem riesigen Park in den Purpurbergen angelegte auf einer Anhöhe gebaute Mausoleum für Dr. Sun Yat Sen, dem ersten nur kurzzeitigen Präsidenten der Republik China vor 100 Jahren. Unter seiner Regentschaft war Nanjing auch kurzzeitig Hauptstadt von China.

 

Es ist ein Wallfahrtsort für zehntausende von Chinesen aus allen Landesteilen zu dem allseits beliebten Politiker. Eine breite Marmortreppe führt 392 Stufen hinauf zur Gedenkhalle, in der eine fünf Meter hohe Statue des Politikers steht. Von oben bietet sich ein weiter Blick auf die grünen, baumbestandenen Hügel der Purpurberge.

Statue von Sun Yat Sen

Statue von Sun Yat Sen

Marmortreppe zum Mausoleum

Marmortreppe zum Mausoleum

Plötzlich stupst mich ein breit lächelnder junger Chinese an, lächelt gewinnend und zeigt auf einen Fotoapparat. Aber nicht ich soll ihn mit seiner Freundin fotografieren, sondern ich soll mit ihm zusammen selbst das Fotomotiv sein. Er umfasst meine Schulter und eine junge Chinesin macht mehrere Fotos. Nun kann er zu Hause per Bild beweisen, dass er eine „Langnase“, wie im Norden Chinas die Ausländer genannt werden, getroffen hat. 

Sonnenuntergang am Unterlauf des Jangtze 

Sonnenuntergang am Unterlauf des Jangtze