Bis ans Ende der Welt

Expeditions-Kreuzfahrt zu den unberührten Inseln Feuerlands, den Gletschern der südlichen Kordilleren und durch die Magellanstraße bis Kap Hoorn

Oktober 2015

Auf der Stella Australis durch Feuerland

Auf der Stella Australis durch Feuerland

Die chilenische Hafenstadt Punta Arenas an der Südspitze des Kontinents ist der übliche Ausgangspunkt einer Kreuzfahrt durch die Magellanstraße. Die Stadt mit derzeit 120.000 Einwohnern galt lange Zeit als der Vorposten der Zivilisation am Ende der Welt. Prächtige Paläste künden von dem Reichtum, den die Dynastien der aus Europa eingewanderten so genannten Schafs-Barone anhäuften. Auf dem großen zentral gelegenen Plaza Munoz Gomera steht das erhabene wie imposante Denkmal, das Hernando de Magellan ehrt.

Denkmal für Seefahrer Magellan

Hoch oben thront der portugiesische Seefahrer Magellan, der in spanischen Diensten als erster im Labyrinth der Inseln die Meerenge befahren hat, die den Atlantik mit dem Pazifischen Ozean verbindet. Er entdeckte den Seeweg zwischen den amerikanischen Kontinenten. Nachts erblickten die Seefahrer viele Feuer, die bei den Entdeckern dazu führten, dieser Gegend den Namen Feuerland zu geben. Der spanische Bildhauer Córdova, der zum 400jährigen Jubiläum der Magellan Straße dieses Werk schuf, fand auch einen Platz für die Ureinwohner, die Bewohner von Feuerland. Zwei von ihnen hocken unterwürfig am Sockel des Denkmals, während der Blick von Magellan in die Ferne schweift.

Denkmal Hernando de Magellan

Denkmal Hernando de Magellan

Im Hafen liegt das Kreuzfahrtschiff Stella Australis des chilenischen Unternehmens Cruceros Australis. Nur dieses Expeditions-Schiff mit maximal 200 Passagieren hat gemeinsam mit einem Schwesterschiff die Genehmigung der chilenischen Behörden, die Magellanstraße zu befahren. Damit entfällt jegliches Gedränge, was mitunter auf Wasserwegen auftreten kann wie an einigen Fjorden in Norwegen.

Das Berühren des Zehs des Ureinwohners sichert eine gesunde Weiterfahrt

Das Berühren des Zehs des Ureinwohners sichert eine gesunde Weiterfahrt

Besuch bei den Pinguinen

Erstes Ziel der Kreuzfahrt ist das Eisfeld der Darwin-Kordillere mit dem Marinelli-Gletscher, der sich in die Ainsworth-Bucht geschoben hat. Eine Wanderung führt durch ein mooriges Feuchtgebiet, auf dem sich Teppiche von unterschiedlichen Flechten ausbreiten. Wie haben hier vor hunderten von Jahren noch Menschen leben können? Im bergigen Gelände in einem dichten Wald finden sich die typischen Spuren von Bibern, die winzige Flussläufe zu Tümpeln und Teichen aufstauen. Über der menschenleeren Landschaft, in die jetzt kleine Gruppen von Touristen eindringen, kreist am Himmel ein Kondor.

Auch die nächste Station der Kreuzfahrt, die Tucker-Inseln, werden wieder mit Schlauchbooten, den Zodiac-Booten, erreicht. Mit diesen Booten, in denen 12 Touristen Platz haben, kann man sich bis auf ein paar Dutzend Meter einer Kolonie von Magellan-Pinguinen nähern sowie an einen riesigen Sammelplatz von Kormoranen heran kommen. Es beginnt das Trommelfeuer der klickenden Auslöser von Kameras in einem Dauer-Foto-Wettbewerb. Da das Boot manchmal schaukelt, verwackeln einige Aufnahmen. Auch ein turtelndes Kondor-Pärchen ist in der Entfernung zu beobachten.

Darwin Kordillere in der Ainsworth-Bucht

Darwin Kordillere in der Ainsworth-Bucht
Magellan-Pinguine
Kondor

Kondor

Magellan-Pinguine

Tucker-Inseln mit einer Kolonie Blauaugen-Kormorane

Tucker-Inseln mit einer Kolonie Blauaugen-Kormorane

Blauaugen-Kormorane

Blauaugen-Kormorane

Allee der Gletscher

Weiter geht es mit der Stella Australis auf dem Beagle-Kanal, die Ufer sind nahe an die Reling herangerückt. Dieser Kanal wurde von dem englischen Kapitän Fitz Roy nach seinem Forschungsschiff benannt. Wir fahren in den Pia-Fjord und unternehmen eine Wanderung am Pia-Gletscher. Anschließend steuert das Schiff in die sogenannte Gletscher-Allee hinein. Unberührte Landschaften ziehen vorbei. Keine Häuser, keine Schiffe und Boote, nur Natur pur.

Pia Gletscher am Ende des Pia-Fjords

Pia Gletscher am Ende des Pia-Fjords

Wanderung am Pia-Gletscher

Wanderung am Pia-Gletscher

Dann tauchen die Gletscher auf, die alle einen Ländernamen tragen. Die Bordküche lässt sich inspirieren und serviert den Passagieren, die die in Abständen auftauchenden Eis-Massen bestaunen, kleine kulinarische Häppchen. Beim Gletscher Italia winzige Pizza-Stückchen, beim Gletscher France Käse mit Champagner, beim Gletscher Holandia Quark-Bällchen und schließlich beim Gletscher Aleman die unvermeidlichen kleinen Würstchen mit Bier. An den Ufern sind viele kleine Wasserfälle zu sehen, Kormorane schwimmen hier und tauchen dann blitzschnell ab - wie bei uns zu Hause in den Brandenburger Seen die Haubentaucher, um sich Fische zu fangen.

Aleman-Gletscher in der Gletscher-Allee

Aleman-Gletscher in der Gletscher-Allee

Der Albatros auf Kap Hoorn

 

Die Stella Australis ist am südlichsten Zipfel von Amerika angekommen mit den Koordinaten S 55 Grad 56' und W 67 Grad 19' - am Sagen umwobenen Kap Hoorn. Die Mannschaft lässt die Schlauchboote zu Wasser. Hier an der Wasserscheide zwischen Pazifik und Atlantik herrscht eine permanent hohe Windstärke mit 5 bis 6 Knoten und zeitweise noch viel mehr. Für den Landgang liegt die Windstärke noch in der Norm und auch der Wellengang am Schiff zeigt Messdaten unter 1.50 Meter - also auf geht`s.

Nach dem Erreichen des Felseninsel Isla Hornos führt der Weg über viele Holztreppen und einen Pfad aus Holzplanken auf die Anhöhe. Auf dem höchsten Punkt hat der Chilene José Balcells Eyquem aus zwei 2x5 Meter großen Stahlplatten ein Kunstwerk geschaffen. Es zeigt die Silhouette eines Albatros mit seinen ausgebreiteten Schwingen. Die unerlässliche Bedingung des Monuments: Es muss Windgeschwindigkeiten von 200 Kilometern pro Stunden trotzen. Nach Zerstörungen durch Sturmböen im November 2014 wurde der Albatros im Oktober 2015 wieder erneuert und unsere Touristengruppe war die erste, die es in wiedererstandener Schönheit bewundern durfte.

Landung mit den Zodiac-Booten auf Kap Hoorn bei 1.50 m Wellengang

Landung mit den Zodiac-Booten auf Kap Hoorn bei 1.50 m Wellengang

Touristen auf dem Weg zum Albatros-Denkmal
Das restaurierte Albatros-Denkmal
Leuchtturm und Leuchtturmwärter-Haus

Touristen auf dem Weg zum Albatros-Denkmal

Das restaurierte Albatros-Denkmal

Leuchtturm und Leuchtturmwärter-Haus

Größter Schiffs-Friedhof der Welt

 

Auf der Anhöhe befindet sich auch ein Leuchtturm. Hier lebt jeweils für ein Jahr ein Leuchtturmwärter mit seiner Familie, für die der Besuch von Touristen eine willkommene Abwechslung und Umsatz im Souvenir-Laden bedeutet. Der unablässige stürmische Wind lässt erahnen, dass die Umrundung von Kap Hoorn bis heute zu den gefürchtetsten Schiffspassagen zählt. Im Seegebiet um Kap Hoorn sollen mehr als 800 Schiffe gesunken sein. Damit befindet sich hier der größte Schiffs-Friedhof der Welt. Zum Gedenken an die mehr als zehntausend Opfer erinnert ein Gedicht am Fuß des Denkmals, das mit den Zeilen beginnt: 

 

Ich bin der Albatros, der auf dich wartet am Ende der Welt, Ich bin die vergessene Seele der toten Seefahrer, die über alle Meere der Erde kamen, Kap Horn zu umsegeln...

Charles Darwin an Bord
 

Auf der Route durch die Inselwelt von Feuerland geht die Stella Australis in der Wulaia-Bucht vor Anker. Ein Wanderweg in hügeligem Gelände führt durch Wälder und mündet in einen Pfad, der in den Bergen auf einen Biber-Damm stößt. Hier wurden auch Überreste von Siedlungen der Ureinwohner, der Yagan, gefunden. Unten am Ufer der Bucht steht ein Haus, das einstmals zu einem Stützpunkt des chilenischen Militärs gehörte. Für die heutige Zeit hat der Reiseveranstalter Stella Australis für seine Touristen hier in mehreren Räumen ein sehr informatives Museum eingerichtet. Ein Thema im Museum war auch die zweite Schiffs-Expedition von Fitz Roy mit drei Passagieren an Bord. Darunter war ein gerade von der Universität kommender junger Naturkundler - ein gewisser Charles Darwin. Die Ergebnisse seiner Studien in Feuerland flossen auch in die von ihm begründete Evolutionstheorie ein.

Unberührte Natur in Wulaia

Unberührte Natur in Wulaia

Blick auf die Wulaia-Bucht und das Museum
Biber-Spuren

Blick auf die Wulaia-Bucht und das Museum

Biber-Spuren

Borniertheit gegenüber Eingeborenen

 

Ein großer Teil der Ausstellung ist den Begegnungen der Seefahrer mit den Eingeborenen, den Yámana eingeräumt. Schon bei den allerersten europäischen Seefahrern zeigte sich die ganze Borniertheit und Arroganz gegenüber den Ureinwohnern. Der große und stolze Entdecker und Kapitän Fitz Roy glaubte, so belegen historische Tagebücher und Schriften, dass die Eingeborenen nur einhundert Wörter kennen und Kannibalen sind. Spätere wissenschaftliche Untersuchungen widerlegen diese Vorurteile. Es existierte kein Kannibalismus. Der Wortschatz der Ureinwohner lag etwa bei 32.000 Wörtern und es wurde dazu sogar ein Wörterbuch herausgegeben.

 

In der Ausstellung wird auch über ein Massaker an den Eingeborenen berichtet, das nach Konflikten mit den Seefahrern stattfand. Von den 3000 Ureinwohnern, die bei Ankunft der Weißen hier siedelten, überlebten nach einigen Jahren nur einhundert. Heute gibt es noch eine reinrassige Frau dieses Stammes, die 77 jährige Cristina Calderón, die als eine der letzten bekannten Vertreter noch die Sprache der Yámana beherrscht. Per Videobotschaft spricht sie in Museen über die Situation der Ureinwohner von Feuerland.

Die Europäer waren die Barbaren

Angesichts dieser deprimierenden historischen Tatsachen kommt mir der kühne Seefahrer Magellan und sein pompöses Denkmal in Punta Arenas in den Sinn. Als der große Entdecker Magellan diese Küste erreichte, nannte er die Bewohner Aonikenks, was so viel bedeuten soll wie Barbaren. Aber in Wahrheit waren die „zivilisierten“ Europäer die Barbaren. So werden beispielsweise elf „Aonikenk“ Eingeborene 1889 zur Weltausstellung nach Paris gebracht und dort als Kannibalen herumgezeigt. Besonders bewegend ist die Geschichte des letzten großen Führers der Aonikenk. Er erhielt für seine Familie und seinen Stamm 10.000 Hektar Land übertragen, das eigentlich schon ihnen gehörte. Schließlich lebte ihr Volk tausende Jahre hier in dieser Region. Doch die Eingeborenen wurden von Landspekulanten aus dem Rio Zurdo Valley vertrieben. Sie beschwerten sich vergeblich in Santiago bei der Regierung und viele fanden Wochen später den Tod.

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Bilder der "Aonikenk" im Regionalmuseum und im Museo Braun Menendez in Punta Arenas

Genozid und Landraub

In einem Begleittext zum Museum sprechen die Autoren wie Professor Luis Alfonso Calleja von der Nationalen Universität La Plata unverhohlen von einem Genozid, der stattgefunden hat. Kritisch betrachtet wird auch der kriminelle Landraub einiger weniger aus Europa eingewanderter Familien, denen wiederum zuallererst auch Eingeborene zum Opfer fielen. Trotz dieser Politik der Ausrottung ist es umso erstaunlicher, so die Autoren, dass heute bei den Argentiniern 52 Prozent indianisches Blut in ihren Adern fließt.

www.museoyamana.com

Ruta Nummer 3 führt ans Ende der Welt

 

Die Kreuzfahrt der Stella Australis endet in Ushuaia in Argentinien, eine der wichtigsten Städte auf Feuerland mit heute 65.000 Einwohnern. Vor 25.000 Jahren war diese Region von Ushuaia noch mit einer Eis-Schicht von 1200 Metern bedeckt. Ushuaia war auch einer der ersten Orte, an dem die Kultur der Yámana auf die englischen Missionare stieß. Nur ein knappes dutzend Kilometer entfernt befindet sich der Nationalpark Tierra del Fuego, einfach erreichbar immer am Rio Lapataia entlang. Eine Schmalspurbahn, vor mehr als 100 Jahren von Strafgefangenen errichtet, die hier in der Einöde leben mussten, wurde 1994 für die Besucher wieder belebt und tuckelt quer durch den Park. Die Betreiber lassen es sich nicht nehmen, ihre Bahn als Zug am Ende der Welt zu bezeichnen; „El Tren del Fin del Mondo“. Und der nahe Golfclub mit dem 9-Loch Golfplatz wirbt mit dem Slogan: “Golfen am Ende der Welt“.

Blick auf Ushuaia

Blick auf Ushuaia

Lago Roca im Nationalpark Tierra del Fuego

Lago Roca im Nationalpark Tierra del Fuego

Der Naturpark bietet für Argentinien eine einmalige Mixtur von Schnee bedeckten Bergen, dicht bewachsenen Wäldern und dem Meer. Und natürlich sind hier viele endemische Pflanzen und Tiere aus dieser Region zu finden wie die Baumsorten Canelo, Guindo, Nire und Lengra oder Tierarten wie die Caranca-Gänse und natürlich die Guanakos.

Im Naturpark gibt es eine weitere Besonderheit. Die berühmte Ruta Nr. 3 in Argentinien, die in Buenos Aires beginnt, benötigt bis ins Seengebiet des Parks insgesamt 3079 Kilometer. Auch sie führt ans Ende der Welt.

Der Zug zum Ende der Welt
Der Zug zum Ende der Welt

Der Zug zum Ende der Welt

Sehnsüchtiger Blick auf einen Lammbraten

Sehnsüchtiger Blick auf einen Lammbraten