• Ronald Keusch

Schienenweg zum alpinen Olymp

Die Schweizer Jungfraubahn feiert ihr hundertjähriges Jubiläum




Das Sphinx-Observatorium auf dem Jungfraujoch mit dem Aletschgletscher (Foto: Jungfraubahnen Schweiz)
Das Sphinx-Observatorium auf dem Jungfraujoch mit dem Aletschgletscher

Das Etikett einzigartig und spektakulär wird in heutiger Zeit zunehmend inflationär benutzt und scheint oft nur noch als eine Worthülse zu bestehen. Aber es gibt noch wirklich DAS Einzigartige und DAS Spektakuläre. Dazu zählt eine weltbekannte Bahnstrecke im Berner Land in der Schweiz - die Jungfraubahn.


Umsteigen von Interlaken kommend in Grindelwald
Umsteigen von Interlaken kommend in Grindelwald

Auf Platz eins unter allen Bergbahnen


Im Jahr 1912 eröffnet, führt die Zahnradbahn von der Kleinen Scheidegg über 9,3 Streckenkilometer bis zum höchstgelegenen Bahnhof Europas auf sensationelle 3454 Meter Höhe zum Jungfraujoch.


Damit behauptet die Jungfraubahn, die insgesamt 1393 Höhenmeter überwindet, bis heute den ersten Platz unter allen europäischen Bergbahnen. Von hier oben ist die Gipfelwelt der Berner und Waliser Alpen aus nächster Nähe zu betrachten. Im Mittelpunkt steht das berühmte Dreigestirn Eiger, Mönch und Jungfrau sowie der längste Gletscher Europas - der Aletschgletscher.



Station Kleine Scheidegg mit Blick auf die Eigernordwand
Station Kleine Scheidegg mit Blick auf die Eigernordwand

Bahnziel: Touristen zum Jungfraujoch schaffen


Um die Fahrt auf den alpinen Olymp der stolzen Viertausender in voller Länge zu absolvieren, steige ich am Fuß der Jungfrau in Interlaken Ost in die berühmte Bahn. An diesem Sonnabend im März sind alle Sitzplätze in den neun Waggons gut gefüllt. Als am Anfang des 20. Jahrhunderts dieses Bahnprojekt geplant wurde, stellte es sich zuallererst das Ziel, die Touristen in die Höhe zu befördern. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Doch während noch im Jahr 1912 per Schiene 42.000 Gäste zum Jungfraujoch befördert wurden, stieg knapp hundert Jahre später die Zahl auf knapp 700.000. Das sind kaum vorstellbare Heerscharen. Ein kleiner Trost, es soll künftig ein Tageslimit von 5.000 Besuchern geben.


In Grindelwald steige ich in die Wengernalpbahn um und fahre zur Kleinen Scheidegg auf 2061 Meter Höhe. Zwischen den Orten Lauterbrunnen, Wengen, Grindelwald und der Kleinen Scheidegg fährt die längste durchgehende Zahnradbahn der Welt, mit einer Länge von gut 19 Kilometern.


Apres-Ski bei der Kleinen Scheidegg
Apres-Ski bei der Kleinen Scheidegg

Die Kleine Scheidegg ist Ende März noch tief verschneit. Für viele Besucher mit Skiern oder Snowboards ist hier Endstation und sie begeben sich auf eine der zahllosen Abfahrtspisten. Das Skigebiet hier ist das größte im Berner Oberland und man kann sogar die berühmte Lauberhornabfahrt befahren. Sie ist zwar in der Rennsaison vom Winteranfang bis etwa Ende Januar tabu für Freizeitsportler, aber dann können sich alle auf die leicht entschärfte Piste begeben, so sie sich denn trauen. Von der Kleinen Scheidegg führt ein Sessellift zum Start in einer Höhe von 2315 Metern, von wo aus die längste Abfahrtsstrecke im alpinen Rennsport 1000 Meter tiefer ins Tal führt. Zwischendurch und besonders am Abend vor der letzten Abfahrt lädt das Tipirama direkt bei der Bahnstation zum Après-Ski ein.



Wichtige Durchsagen in sieben Sprachen


Für mich ist die Kleine Scheidegg der letzte Umsteigepunkt in die Zahnradbahn zum Jungfraujoch. Zwei Mal wird auf dem Weg zum "Top of Europe" ein Stopp für je eine Fotopause eingelegt. Erster Halt an der Station Eigerwand auf 2885 Meter Höhe. An der Station Eismeer auf 3158 Meter eröffnet sich uns Reisenden eine bizarre Gletscherwelt.


An der Station Eigerwand Blick auf den Gletscher an der Station Eismeer

Eine kurze Information dazu kommt in insgesamt sieben Sprachen aus dem Waggonlautsprecher, davon klingen drei asiatisch in meinen Ohren. Der Zugschaffner klärt mich auf, auch in japanisch, chinesisch und koreanisch wurde darauf verwiesen, dass die Fahrt in fünf Minuten fortgesetzt wird. Wenn Metropolen wie Berlin wirklich weltweit um Touristen werben und nach Maßstäben für Internationalität unter Einschluss von Asien suchen, hier in der Jungfraubahn werden sie fündig.


Die Terrasse auf der Bergspitze Sphinx
und das Observatorium sind in den Wolken
Die Terrasse auf der Bergspitze Sphinx und das Observatorium sind in den Wolken

Schönste Aussicht liegt in den Wolken


Nach insgesamt knapp zweieinhalb Stunden ist endlich der Bahnhof Jungfraujoch auf 3454 Metern erreicht. Die letzten Streckenabschnitte fährt der Zug überwiegend überdacht in Tunneln, um sicher die Höhe zu erreichen. Da war von der Wetterlage wenig zu sehen. Doch es deutete sich schon bei den letzten zwei Haltepunkten an, die den Reisenden freie Sicht boten, dass heute ein „Wetter-Unheil“ droht. Hier oben ist es nun Gewissheit. Der Spruch des Tages lautet „Wie du siehst, siehst du nichts“. Einzig aus den Wolken heraus tanzen noch einige Schneeflocken auf dem Bergsattel.




Neuer Erlebnisrundgang wird im April eröffnet


Die Veranstalter wollen vorsorgen und die Besucher bei jedem Wetter, das heißt bei keiner oder schlechter Sicht, auch bei Laune halten. Neben der bereits fertig gestellten Sphinx-Halle und dem Eispalast ist vorgesehen, noch weiter aufzurüsten.


Im Eispalast
Im Eispalast

Im April des Jubiläumsjahres wird ein 250 Meter langer Erlebnisrundgang eröffnet, wobei an steilen Stellen die Gäste per Rollband befördert werden. In so genannten Erlebnisnischen werden dann die Entwicklung der Alpen und die Geschichte der Jungfraubahn inszeniert.

In Anbetracht des schlechten Wetters draußen zieht es die Touristen heute in den Eispalast. Die eisigen Gänge wurden bereits in den dreißiger Jahren in den Gletscher gesägt und gehauen. Künstler schufen aus Eis filigrane und naturgetreue Gestalten: Zu bestaunen sind Pinguine, Adler, Bären, Robben und Iglus.


Im Eispalast


Mancher holt bei den Preisen der Bergbahn tief Luft


Es hat in der Vergangenheit auch Pläne gegeben, die Jungfraubahn bis auf die Bergspitze der Jungfrau zu bauen. Dazu sollte die Bahn unterirdisch bis unter den Jungfraugipfel geführt werden und die letzten 100 Meter sollte ein Aufzug die Besucher nach oben bringen.

Das Eiger-Massiv von Grindelwald aus gesehen
Das Eiger-Massiv von Grindelwald aus gesehen

Aus heutiger Sicht sind die Schweizer froh, dass die verbliebenen 700 Höhenmeter bis zum Gipfel nicht zu fahren, sondern nur zu erklettern sind. Gegenwärtig kostet die Fahrt ab der Kleinen Scheidegg zum Normalpreis 112 Franken, von Interlaken-Ost ist noch einiges drauf zu legen.


Übrigens erhält jeder Gast zum Jubiläumsjahr am Tag seines Geburtstages mit einer Begleitperson eine Ermäßigung von 50 Prozent, um zum Jungfraujoch zu fahren.

Das Jubiläumsfest der Bahn findet, wo sonst auch, auf dem Jungfraujoch statt und natürlich am 1. August 2012, zum Nationalfeiertag der Schweiz. Es wird auch eine Live-Schaltung zu den Olympischen Spielen nach London geben. Denn auch dort sucht und findet die Jungfraubahn für die nächsten Jahre ihre Fahrgäste.

https://www.jungfrau.ch/de-ch/