• Ronald Keusch

Medizin als Gelddruckmaschine

„Heile und herrsche. Eine gesundheitspolitische Tragödie“ von Bernd Hontschik aus dem Westend Verlag

Der Pulverqualm des Schlachtgetümmels um eine Impfpflicht (auch als Impfzwang bezeichnet) ist verraucht. Eine satte Mehrheit im Bundestag hat dagegen gestimmt. Karl Lauterbach und seine angeschlossenen Medienhäuser, die monatelang für die Impfpflicht getrommelt haben, tragen öffentliche Trauer. Sie haben gemeinsam doch vehement als wichtigste politische Aufgabe alles darangesetzt, dass sich die Menschen ihre „Piekse“ abholen, ohne ernsthaft nach der Wirkung der Impfstoffe und ihren Nebenwirkungen zu fragen. Während ihre Befürchtung wie Hoffnung darin besteht, dass im Herbst neue Virusvarianten den Pandemie-Kriegern eine siegreiche Neuauflage des Kampfes um die Impfpflicht ermöglichen, ist in den letzten Jahren mittlerweile das Gesundheitswesen in schweres Wetter geraten. Und viele Medienvertreter und unzählige Politiker, die die Impfung mit immer noch nicht regulär zugelassenen Impfstoffen als Pieks oder kleinen Stich verharmlosen, drücken damit auch ungewollt mangelnde Kenntnis an Basiswissen über das Gesundheitswesen aus. Aber gerade solch ein Wissen ist gefragt, um klare Sichten auf das selbst erkrankte Gesundheitssystem zu erhalten und etwas zum Guten zu verändern.


Eine Hilfe dabei kann der Arzt Bernd Hontschik anbieten. Er war jahrzehntelang an der Chirurgischen Klinik des Krankenhauses Frankfurt und bis 1991 als Oberarzt tätig und arbeitete bis 2015 in einer eigenen chirurgischen Praxis. Er schrieb den Bestseller „Körper, Seele, Mensch“, verfasst Kolumnen in der Frankfurter Rundschau und ist Mitglied in wissenschaftlichen Beiräten. Bernd Hontschik legt jetzt im Westend Verlag ein Buch vor mit dem Titel „Heile und herrsche ! Eine gesundheitspolitische Tragödie“.

Nun könnte der unvoreingenommene Leser meinen, heh heh, der Begriff Tragödie ist doch eher eine Zuspitzung, um für den Titel zu werben und Käufer anzulocken. Das handliche Buch belegt auf 136 Seiten recht eindrucksvoll und auch für den Laien verständlich, dass das Wort Tragödie nicht übertrieben, sondern zutreffend ist.


Den Ausgangspunkt der Überlegungen besteht darin, so der Autor, dass das Gesundheitssystem bislang ein Teil unseres Sozialsystems war und nach Sozialgesetzen funktionierte, die teilweise 120 Jahre alt sind. Vor wenigen Jahrzehnten entdeckte dann der Kapitalismus das Gesundheitswesen und wandelte es in kleinen Schritten zu einer Gesundheitswirtschaft. So weit so schlecht. Aber im Zuge der Corona-Bekämpfung wurde der nächste Schritt von der Gesundheitswirtschaft hin zu einem Gesundheitswesen vollzogen, dem politische Aufgaben zugeordnet wurden für die Ausübung politischer Macht. „Das hat mittlerweile Dimensionen erreicht, Dimensionen, die man bisher nur kennt aus mehr oder weniger hellsichtigen Science Fiktion Romanen.“ Im Zeichen der Corona-Pandemie wurden sämtliche eherne Gesetze des Gesundheitswesens und der Humanmedizin gebrochen. Die „Überlastung unseres Gesundheitswesens“ als Horrorvision wurde zur „alternativlosen“ Begründung für einschneidende Maßnahmen im Alltag. Und er zitiert wie viele andere Autoren den bekannten Journalisten Heribert Prantl mit seinen mutigen Sätzen über diese Wirklichkeit: „Aus dem Ausnahmezustand wird ein Normalzustand, aus den Notregeln werden Normalregeln. Das ist unnormal, unstatthaft und gesellschaftsschädlich.“ (Seite 14)


Insgesamt hat der Mediziner Hontschik in acht Kapiteln die derzeitige Situation mit vielen schlüssigen Fakten und eindrucksvollen Beispielen dargestellt. Zunächst macht er in dem Kapitel „Geld“ einen aufschlussreichen Ausflug in die Medizingeschichte. Der führt nach Mesopotamien, ins alte China und zum Stauferkaiser Friedrich II. im 13 Jahrhundert mit unterschiedlichen Honoraren und Gebührenordnungen. Schließlich gelangt der Autor in die Neuzeit mit den drei Bezahlsystemen. Dabei wird immer wieder die Grundfrage nach der Qualität der medizinischen Behandlung aufgeworfen (S. 29ff).


Ein besonderer kritischer Blick erfolgt dann in den Kapiteln Krankenkasse und Krankenhäuser. Die Krankenkasse mit ihren zwei Grundpfeilern - der Versicherungspflicht und dem Solidaritätsprinzip - steht vor einigen ganz substanziellen Fragen. So wurde beispielsweise vor 15 Jahren im Rahmen einer von vielen Gesundheitsreformen die Kategorie der „selbst verschuldeten“ Krankheiten eingeführt. Und der erfahrene Chirurg kommt zu dem Schluss: Das Schuldprinzip ist der Totengräber des Solidaritätsprinzips. Mit seiner Einführung im Gesundheitswesen und in der Medizin brechen Dämme, die nie wieder geschlossen werden können (S. 38). Auch bei den Beitragsbemessungsgrenzen ist das Solidaritätsprinzip durchlöchert. Und schließlich widmet er sich auch dem ganz großen Thema: Der seit Jahren versprochenen Umgestaltung der Krankenkassen. Und in diesem Zusammenhang stellt der Buchautor die sich geradezu aufdrängende Frage, warum es so viele Krankenkassen im Lande braucht, die doch alle den gleichen Auftrag zu erfüllen haben (S. 54ff). In anderen europäischen Ländern wie Österreich, Holland oder Italien ist das Prinzip der zentralen Krankenkassen verwirklicht und die Zustände sind keineswegs schlechter als bei uns, so der Autor.


Während in der medizinischen Welt Gewinnstreben und Profitorientierung bei Pharmafirmen nichts Neues sind, gibt es seit einigen Jahrzehnten auch den Trend bei Konzernen, sowohl Krankenhäuser aufzukaufen als auch Arztpraxen als so genannte Medizinische Versorgungszentren zu betreiben. Jetzt wird im Buch die Spur der Privatisierung akribisch verfolgt, die dann in die grundlegende Umstellung der Krankenhausfinanzierung per Gesetz mündete. Es wurden Diagnosis Related Groups (DRG) eingeführt. Bis dahin wurden die laufenden Unterhaltskosten der Krankenhäuser mit Tagessätzen finanziert. Für jeden Tag Liegezeit erhielt das Krankenhaus eine bestimmte Pauschale, den Tagessatz, ausgehandelt mit den Krankenkassen. Dieses System wurde vor 20 Jahren schrittweise abgelöst. Von da an wurden die Krankenhäuser nach Zahl und Schwere der behandelten Fälle bezahlt. Hier wie an anderen Stellen des Buches werden die ganz praktischen Erfahrungen des Autors, zum Beispiel in der Intensivmedizin, öffentlich gemacht, die ihn das gesamte berufliche Leben begleiteten: Eine fortschreitende Deformation der ärztlichen Arbeit unter dem Druck der DRG ! Das bedeutete in Krankenhäusern die Verkürzung der Liegezeiten, die Erhöhung der Fälle, das Anwachsen des Arbeitsdrucks, Stellenstreichungen, eine „Fluchtbewegung von Zehntausenden von Pflegekräften“, um nur einige aufgeführte Auswirkungen zu nennen. Und Hontschik nennt knallhart die Konsequenzen: „Nur das Krankenhaus also, das mit möglichst geringen Kosten möglichst viele Kranke in möglichst kurzer Zeit behandeln konnte, machte nun Gewinne. Wer sich auf zeitraubende empathische Medizin einließ, machte Verluste.“ (S. 65)


Zum Resümee gehört, dass Deutschland inzwischen den weltweit höchsten Anteil von Krankenhausbetten im Besitz privater Gesundheitskonzerne hat. Und es ist überhaupt keine Übertreibung zu sagen, dass die Krankenhausmedizin zu einer „Art von getaktetem Fließbandbetrieb“ geworden ist und auch zunehmend Arztpraxen betroffen sind. Jeder kann sich ausrechnen, wie sich die Halbierung der Liegezeit, also Verdopplung der Fallzahlen und gleichzeitig eine massive Betten- und Stellenstreichung auf die Arbeitsbelastung des Personals auswirkt. Auch bei der Ausdehnung der Privatisierung auf die ambulante Medizin und der Bildung medizinischer Versorgungszentren, bereits jeder dritte Arzt arbeitet hier als Angestellter, ist der Trend unverkennbar. Nicht medizinische Notwendigkeiten oder der regionale Bedarf sind entscheidend, sondern einzig die Rendite. (S. 71)


In dem Kapitel „Gier“ nimmt das Buch richtig Fahrt auf, wenn es hier um die Beurteilung der Pharmaindustrie geht. Grundsätzlich werden die Begriffe Medizin mit dem Medikament gleichgesetzt. Man nimmt seine Medizin ein. Um die Medizin, das Medikament dreht sich alles. Die Heilkunde wird auf das Medikament reduziert. Ein Hauptgrund für die Macht der Pharmaindustrie, man ist ihr ausgeliefert. Bei ihrer Einschätzung durch den Autor bleibt kein Auge trocken und er spricht vieles sehr klar an. Es wird eine lange Liste aufgemacht mit solchen Urteilen: „Es gibt kein Verbrechen, dessen sich die Pharmaindustrie noch nicht schuldig gemacht hat.“ Und „Zwei Drittel alles Pharmafirmen sind von Wirtschaftskriminalität betroffen“. Die Strafzahlungen beliefen sich allein in den USA auf 33 Milliarden Dollar (S. 73). Eine erkleckliche Zahl von Fällen beginnend mit dem Contergan-Skandal wird aufgelistet.


In der Neuzeit wird mit Corona ein neues Kapitel aufgeschlagen. Hier konstatiert der Autor schon heute eine zerstörerische Hinterlassenschaft: Schnellverfahren bei Arzneimittelzulassung, intransparente Konflikte zwischen Forschern und Herstellern, exorbitante private Gewinne durch staatliche Subventionen, Patentblockaden auf Kosten der Armen in der Welt und eine nie zuvor gegebene Haftungsbefreiung der Pharmafirmen (S. 89). Schließlich gehört nicht zuletzt das Thema Positivliste in dieses Kapitel, bei der mit Patent geschützte Arzneimittel auf ihren tatsächlichen Nutzen untersucht werden. Eine Positivliste führt offiziell Medikamente auf, deren Nutzen unbestritten und deren Kosten vertretbar sind. Eine solche Liste gibt es in Deutschland nicht.


Am Schluss des Buches kehrt der Autor noch einmal zurück zur Überschrift seines Buches „Heile und herrsche“. Die Gesundheitswirtschaft an sich ist schon eine Katastrophe genug. Aber mit der Corona-Pandemie hat sich ein Prozess in Gang gesetzt, der aus der Sicht der Medizin das Ausmaß einer Tragödie hat. Die Gesundheitswirtschaft wird zur Ausübung von Macht und Herrschaft missbraucht. Der Autor nennt dazu zwei Fälle, den Leiter des Gesundheitsamtes in Schwaben Friedrich Pürner und das Mitglied des bayrischen Ethikrates Christoph Lütge, die aufgrund ihrer öffentlichen Kritik von ihren Posten entfernt wurden. Ein weiteres Beispiel ist der Umgang mit der Ständigen Impfkommission (StIKo). Es standen mehrere Impfstoffe zur Verfügung. Das war die Stunde der StIKo, die nun prüfen und Empfehlungen aussprechen sollte. Sie braucht normalerweise zwei Jahre, um ihre Arbeit zu tun, erst recht, wenn es sich um Impfstoffe mit einer völlig neuen Technologie handelt. Sie wurde wegen ihrer Trägheit von Politikern scharf kritisiert und unter Druck gesetzt. Die Wissenschaft wurde und wird von der Politik seit Corona an die Wand gedrückt und überrollt, sofern sie dem politischen Kalkül im Wege steht. Unverhandelbare Kriterien normaler wissenschaftlicher Arbeit wurden und werden mehr und mehr missachtet (S. 129). Fazit des Autors: Bei einer solchen Gesundheitsherrschaft geht es nicht nur um Medizin, um Kranke und Krankheiten. Dann ist eines der wichtigsten Fundamente unserer Gesellschaft bedroht (S. 131).


Ein konkreter Forderungskatalog des Mediziners steht auf wenigen Seiten knapp am Schluss des Buches. Er enthält die Abschaffung der Diagnosegestützten Bezahlsysteme (DRGs), die längst überfällige Einführung einer verbindlichen Positivliste, angemessene Bezahlung des medizinischen Personals und anderes mehr. Wie realistisch ist es, diese Forderungen wirklich durchzusetzen? Etwas Mut machen die vom Autor auf zwei Seiten aufgeführten Gruppen und Organisationen mit ihrer Homepage, die das Anliegen zukunftsorientiert und sympathisch verfolgen.


Buch Bernd Hontschik: „Heile und herrsche. Eine gesundheitspolitische Tragödie“.

Westend Verlag, 1. Auflage, Erscheinungsdatum 02.05.2022