• Ronald Keusch

Der Chronist aus Wien

Über „Menschen Mauern Mythen“ und andere deutsche Wende-Geschichten des Korrespondenten Ewald König




Ewald König im Haus der Bundespressekonferenz Foto korrespondenten.tv
Ewald König im Haus der Bundespressekonferenz

So manche Neigung, sich über den spannenden Ablauf der jüngeren deutschen Geschichte zu informieren, wird vielen Interessierten dadurch verleidet, dass ihnen Journalisten wie Buchautoren und jede Menge politische Besserwisser ideologisch vorgefertigte Sichtweisen aufdrängen wollen. Historische Fakten sind nur wichtig, wenn sie in den eigenen Propagandakanal passen. Aber es gibt auch Ausnahmen. Dazu muss man den Wiener Journalisten Ewald König zählen. Er gehörte in den Jahren 1985 bis 1990 zu den ganz wenigen Journalisten, die in beiden deutschen Staaten als Korrespondent akkreditiert waren. Damit hatte er auch die einzigartige Chance, eine der spannendsten Epochen in der deutschen Geschichte in Berlin und Bonn hautnah zu erleben und seinen Lesern des liberal-konservativem Blattes „Die Presse“ in Österreich darüber zu berichten. Und auch nach 1990 empfand sich der Korrespondent weder als Wessi noch als Ossi, sondern als Wiener, eben als ein Wiener Journalist, als Beobachter aus einem neutralen Land.



Logenplatz in der Leipziger Straße

Von dieser Zeit hat der Korrespondent vier Bücher mit insgesamt mehr als 1100 Seiten Text und unzähligen Fotos veröffentlicht. Er unternimmt eine Zeitreise beginnend vor und nach dem Fall der Mauer und weiter zur deutschen Einheit mit allen ihrem Jubel und auch den Merkwürdigkeiten und Verwerfungen. Dazu hatte König sein Quartier in Ost und West aufgeschlagen. Er bezog in Ostberlin einen Logenplatz: Eine Einraumwohnung in der zehnten Etage in der Leipziger Straße 60 in dem Plattenbau mit „scheuen Nachbarn“ (S. 33) und in Bonn/Bad Godesberg eine Doppelhaushälfte, mit ebenso merkwürdigen Nachbarn. Der Vorteil der Bücher besteht darin, dass sie keinen chronologischen Ablauf präsentieren, sondern inhaltliche Schwerpunkte ausloten und so ein eindrucksvolles Gesamtbild zeichnen. Das beginnt mit dem ersten Buch „Menschen Mauern Mythen“. Hier wird in drei größeren Kapiteln die Situation im Sommer und Herbst 1989 geschildert, die Demonstrationen, die berühmte Pressekonferenz und der Mauerfall mit teils kaum bekannten Fakten und Details.





Gesetz tritt ab sofort in Kraft: unverzüglich

Ein Dreh- und Angelpunkt ist sicherlich für die meisten Leser und auch für mich die vom Autor Ewald König vor Ort erlebte und geschilderte Pressekonferenz von Politbüromitglied Günter Schabowski am 9. November 1989 im internationalen Pressezentrum (S.179 ff.) Als der italienische Korrespondent Riccardo Ehrman nach dem hektisch neu aufgestellten Reisegesetz der DDR-Regierung fragt, erhält die internationale Presse die Antwort, dass „die vorliegende Regelung jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen.“ Allerdings hatte das Gesetz eine Anmeldung bei der Polizei vorgesehen und für diese Information zum neuen Reisegesetz gab es eine Sperrfrist um 4 Uhr morgens, wie König erläutert. Davon schien Schabowski nichts zu wissen. Darauf im Anschluss von dem deutschen Journalisten Peter Brinkmann die ergänzende Frage: „Ab wann tritt das in Kraft, ab sofort?“ Nun sagte Schabowski den berühmt gewordenen Satz: „Das tritt nach meiner Kenntnis - ist das sofort, unverzüglich.“



DDR öffnet Grenze

Viele Journalisten-Kollegen, die an der live gesendeten Pressekonferenz im Fernsehen der DDR teilnahmen, schienen anfangs nicht zu verstehen, was dieser Satz wirklich bedeutete. Da halfen dann die Tagesschau um 20 Uhr und Hanns Joachim Friedrichs in den Tagesthemen im BRD-Fernsehen nach. Es wurde verkündet „DDR öffnet Grenze.“ Daraufhin versammelten sich bekanntlich viele tausende Ostberliner am Grenzübergang in der Bornholmer Straße in Berlin-Pankow und erzwangen medienwirksam die Öffnung der Grenze.



„Das wird der große Knüller“

Was manchem Zeitgenossen in Ost und West vielleicht noch in groben Zügen bekannt ist, kann er beim Wiener Korrespondenten in vielen Details nachlesen. Beispielsweise Hintergrundinformationen aus späteren Interviews mit dem damaligen Regierungssprecher der DDR Wolfgang Meyer oder mit einer der Hauptpersonen Günter Schabowski. Der erzählt ein Jahr später, dass er von Egon Krenz die Reisevorlage in die Hand gedrückt bekam mit den Worten: „Das wir der große Knüller“. Schabowski gestand dann erstens einen Irrtum ein, es war noch nicht regierungsoffiziell, zweitens einen Fehler, weil Sperrfrist vier Uhr morgens und drittens ein Missverständnis, weil die Polizei einen Stempel ausgeben musste. (S. 198) Auch solche Petitessen kann der Leser bestaunen, wie den Fakt, dass Schabowskis Originalzettel der Reisevorlage von der UNESCO neben dem Zwei-plus-vier-Vertrag im Weltregister „Memory of the World“ zum Weltkulturerbe erklärt worden ist. Schließlich werden von König auch Mythen des italienischen Journalisten Ehrman entlarvt, der jahrzehntelang eine Ego-Show als „Maueröffner“ abzieht und dabei ungeniert Geschichtsklitterung betreibt.



Die stillste Nacht von ADN

Kein Mythos hingegen ist an diesem Abend der Grenzöffnung in Berlin das Schweigen der offiziellen Nachrichtenagentur ADN. Während sich die Agenturen der Welt mit Meldungen über die Grenzöffnung überschlagen, ist bei ADN die stillste Nacht zu verzeichnen. Über diesen Totalausfall liefert König später vielsagende Gespräche und Interviews mit Beteiligten und Betroffenen von dem „Versagen aus Nichtbegreifen“. Da ADN nichts lieferte, „fand sich in den Zeitungen am nächsten Tag auch nichts zu dem Thema. Als hätte der Mauerfall nie stattgefunden.“ (S. 212) Immerhin bringt die Berliner Zeitung in der Wochenendausgabe vom 11./12. November 1989 als Zweitaufmacher das Ausreisethema mit der skurrilen wie genialen Überschrift: „Hunderttausende DDR-Bürger schauten sich Westberlin an“.



Großmutter, warum hast Du so große Zähne?

Aber allein in diesem Band werden entscheidende Wendepunkte der Historie mit den Augen des österreichischen Korrespondenten in Nahaufnahme betrachtet, beispielsweise unter der Überschrift Demonstrationen und Mauerfall. Wer kennt noch die Zahlen der Demonstranten, die auf dem Leipziger Ring in einer nicht genehmigten Demonstration auf die Straße gingen? 70.000 Menschen. Und wieviel haben sich am 4. November bei der von Ost-Berliner Künstlern organisierten und genehmigten Demonstration auf dem Berliner Alexanderplatz friedlich versammelt? Mindestens eine halbe Million Menschen oder sogar mehr. Der Chronist Ewald König registriert auch einige Transparente. Zu den bekanntesten zählte eine Karikatur vom neuen Regierungschef Egon Krenz mit der Unterzeile „Großmutter, warum hast Du so große Zähne?“ Welche Transparente mit Karikaturen werden im Herbst 2022 auf Demonstrationen in Berlin zu sehen sein?



Wäre Mauerfall wegen schlechtem Wetter ausgefallen?

Und auch seine Reminiszenzen zu den Tagen rund um den Mauerfall sind kompakt aufgelistet und recht beeindruckend. Am ersten Wochenende nach dem Mauerfall sollen nach Schätzungen allein am Sonntag eine Million Menschen aus Ostberlin und der DDR nach Westberlin geströmt sein. Und etwas augenzwinkernd stellt der Österreicher den Deutschen die Frage, was wäre, wenn…es keinen relativ milden Winter im Herbst 1989 gegeben hätte, sondern peitschende Regengüsse oder extremen Frost und Schneemassen? Hätten nur ein paar tausend auf dem Alexanderplatz in Regenfluten demonstriert und hätten nur wenige hundert auf der Bornholmer Straße Kälte und Schneewehen getrotzt? Die Sätze von Hanns Joachim Friedrichs über die geöffnete Grenze wären nie gesagt worden. Wären dann Demonstrationen, Mauerfall und Einheit ausgefallen wegen Wetterunbilden?



Ewald König im Haus der Bundespressekonferenz Foto korrespondenten.tv
Ewald König im Haus der Bundespressekonferenz

Woher kamen die bundesdeutschen Fahnen?

Auch die drei weiteren Bücher von Ewald König bieten fesselnde Fakten. Das Buch „Kohls Einheit unter Drei“ signalisierte schon im Titel einiges Hintergründiges. „Unter drei bedeutete damals im politischen Betrieb: Hintergrundinformation! Nicht zur Veröffentlichung bestimmt.“ Und der Autor folgert: „All das Bizarre, das zur Wendezeit hinter den Kulissen passiert, hilft zu verstehen, was sich vor den Kulissen ereignet.“ (S. 9) Da erlebte Bundeskanzler Kohl, angereist aus Warschau, am 10. November in Berlin vor dem Schöneberger Rathaus nur einen Tag nach dem Mauerfall ein gellendes Pfeifkonzert und damit seinen schlimmsten Berlin-Trip. (S. 96) Die polnische Seite nimmt es Bundeskanzler Kohl sehr lange übel, dass er sich nicht von Anfang an klar zur Oder-Neiße-Grenze geäußert hat, vermutlich aus Wahlrücksichten gegenüber den Vertriebenen. Und Merkwürdigkeiten begleiten die Reise am 19. Dezember von Kohl nach Dresden und seine Rede. Ewald König erlebt in den ersten Reihen viele große blonde Männer, bestellte Einpeitscher der Losung „Deutschland einig Vaterland“, weiter hinten standen schweigsame Bürger. „Merkwürdig kamen mir auch die vielen Fahnen vor…die unzähligen großformatigen Fahnen in bundesdeutschem Schwarz-Rot-Gold (also ohne DDR-Emblem): Woher hatten die DDR-Bürger plötzlich all diese fabrikneuen ‚Wink Elemente‘?“, und er resümiert sarkastisch: „Es gab sie in Dresden nicht einfach am Marktstand zu kaufen.“ (S. 137ff.)



Angela Merkel als Wohnungsbesetzerin

Der nächste Band erschien 2015 und trägt den Titel: „Merkels Welt zur Wendezeit“. Er beginnt mit den Worten: „Dafür, dass sie mit der CDU eigentlich nichts zu tun haben wollte, hat sie mit der CDU viel zu tun: Generalsekretärin, seit 2000 Parteivorsitzende, seit 2005 Bundeskanzlerin auf CDU-Ticket.“ (S. 7) Dann werden in der Wendezeit von dem Wiener Korrespondenten einige der Merkel-Stationen aufgelistet. Auch hier findet der Leser viele historische Fakten und Anekdötchen. wie beispielsweise Anfang der 80er Jahre, als die Studentin Angela Merkel wegen dem Mangel an Wohnraum in der DDR eine Wohnung besetzte und einzog, in der damals heruntergekommenen Marienstraße in Berlin Mitte. Zumindest soll damals ihr FDJ-Sekretär beim Besetzen und Renovieren geholfen haben. In ihrer alten Wohnung, so der Chronist, ließ sie ihren geschiedenen Ehemann zurück. „Wenn man so will, war er der erste Mann, den sie in die Wüste geschickt hat. In ihrer späteren politischen Karriere sollten noch etliche folgen.“ (S. 158ff.)



Das politische Erbe nach 17 Regierungsjahren

Interessant auch das letzte Kapitel dieses Bandes, in dem der Autor der Versuchung erliegt, ein bisschen Vision zu betreiben und die Frage aufzuwerfen, was wohl Angela Merkel bevorstehen mag. Wohlgemerkt im Jahr 2015. Sie verursacht keine Skandale, bleibt weiter uneitel, geht nicht in die Privatwirtschaft oder auf die globale Bühne, lässt sich 2017 wieder wählen, bestimmt ihren Rückzugstermin ins Private selbst, der vermutlich in den Garten in der Uckermark oder auf Reisen führt. Soweit liegt Ewald König goldrichtig. Aber einen Aspekt hat er vor sieben Jahren nicht vorausgesehen. Nur ein Jahr nach ihrem Rücktritt darf Angela Merkel miterleben, wie ihr das politische Werk und Erbe von 17 Jahren als Bundeskanzlerin um die Ohren fliegt - und natürlich auch uns allen - mit dem übereilten Atomausstieg, der bedingungslosen Grenzöffnung, der fehlenden Unterstützung des Minsker Abkommens samt der ungeheuren Abhängigkeit von Energieimporten aus Russland.


Versprechen keine Osterweiterung der NATO

Der letzte Band trägt den Titel „Die DDR und der Rest der Welt“ und behandelt viele unbekannte Einflüsse der deutschen Wende auf internationaler Bühne. Da wird in großen Themenblöcken an den Abzug der sechs russischen Armeen der Westgruppe aus Deutschland im Jahr 1994 erinnert und an die Versprechen, keine Ost-Erweiterung der NATO vorzunehmen und nie wieder wird es eine Bedrohung Russlands von deutschem Boden geben. (S. 98 ff.) Besonders erschütternd und wenig bekannt ist die totale Ausgrenzung aller 1446 Mitarbeiter im diplomatischen Dienst der DDR, die sogar die Vertreibung vieler hochrangiger Spitzen-Wissenschaftler aus der Akademie der Wissenschaften und aus Universitäten noch übertrifft. Der Chronist Ewald König wird durch die Schilderung der maßlosen Arroganz von Außenminister Genscher „Von denen nehmen wir keinen“ zu ihrem Anwalt. (S. 381 ff.)



Journalistenkollege vor 150 Jahren aus London

Ganz sicher wird mancher Leser, egal welcher politischer Couleur, verschiedene Themen und Wertungen finden, mit denen er aus der Sicht seiner eigenen Erfahrungen und Anschauungen nicht mit dem Autor übereinstimmt. In seiner Londoner Zeit schrieb Karl Marx, oft finanziell klamm, für das 1848 gegründete Blatt „Die Presse“ Artikel für Honorar. Damals wie heute hat die langjährige Heimat-Zeitung des Journalisten Ewald König einen konservativen Grundton. Dennoch sind diese Bücher eines Korrespondenten und Chronisten der deutschen Einheit in jedem Fall eine Richtschnur, um mehr über deutsche Geschichte zu erfahren und im besten Fall, aus ihr zu lernen.



Die Bücher von Ewald König sind im Berliner Korrespondentenbüro zu beziehen. Einfach E-Mail schreiben an: buecher@korrespondenten.com

oder telefonisch: 0151 2162 7154


Jedes Buch kann einzeln erworben werden:

1. Buch: Menschen Mauer Mythen 15 €

2. Buch: Kohls Einheit unter drei 15 €

3. Buch: Merkels Welt zur Wendezeit 15 €

4. Buch: Die DDR und der Rest der Welt 20 €

Die Leser dieser Website können als exklusives Angebot alle vier Bücher für 50 € (statt 65 €) erwerben.