Weinfelder und Wale

Auf der legendären Garden-Route rund um Kapstadt

September/ Oktober 2014

Strandhäuschen von Muizenberg

Strandhäuschen von Muizenberg

Was haben der deutsche Urheber der Reformation Martin Luther, die französischen Calvinisten und ihre katholischen Widersacher sowie die holländische Handelsorganisation Ostindien mit ihren Schiffslinien gemeinsam? Sie alle sorgten in unterschiedlicher Weise dafür, dass vor etwa 300 Jahren im Süden Afrikas, ein paar Dutzend Kilometer von Kapstadt entfernt, eines der weltweit berühmtesten Weinanbaugebiete entstanden ist.

Die calvinistischen Weinbauern

Im Zeitraum zwischen 1688 und 1720 kamen 270 Hugenotten auf der Flucht aus Frankreich mit den Schiffen der Ostindischen Kompanie zum Kap, um hier ein neues Leben zu beginnen. Eigentlich sollten sie als Farmer helfen, die vorbeifahrenden Schiffe mit Proviant zu versorgen. Viele hatten nichts als ihr nacktes Leben gerettet, besaßen nur ihren protestantischen Glauben und einige von ihnen waren Weinbauern. Viele ließen sich östlich von Kapstadt in den fruchtbaren Landschaften entlang der Drakensteinberge nieder. Die entstehende kleine Stadt trägt den Namen Franschhoek, zu deutsch „Französisches Eck“. Der kleine Ort mit heute 4.000 Einwohnern konnte mit Galerien, Cafes, kleinen Herbergen und Restaurants seinen Charakter bewahren. Er ist seit langem ein Markenzeichen für erstklassige Weine.

Mit Bus und Tram zur Weinprobe

Der bequemste Weg für die Besucher, in der nahen Umgebung von Franschhoek zu den ältesten und berühmtesten Weingütern Südafrikas zu gelangen, sind so genannte Weinrouten.

Weingut La Motte bei Franschhoek

Weingut La Motte bei Franschhoek

Die Wein-Tram

Die Wein-Tram

Nach dem Hop-on Hop-off Prinzip von Sightseeing-Bussen in Großstädten können die Fahrgäste an Stationen der einzelnen Weinresorts aussteigen, Weine probieren, in den Weingütern spazieren gehen und zum nächsten Weingut fahren. Seit zwei Jahren werden zwei unterschiedliche Weinrouten eines Busses noch durch eine Wein-Tram ergänzt. Dazu haben die Weinbauern im Franschhoek-Valley Teile einer 1904 eröffneten Bahnlinie durch das Tal samt der offenen Brill-Tramwagen wieder flott gemacht. Zur Freude der Touristen zuckeln nun mit gemächlichen 18 km/h Geschwindigkeit die mehr als hundert Jahre alten Wagen auf Gleisen durch die Weinfelder.

Weingut Rickety Bridge

Weingut Rickety Bridge

Die schwarze Madonna

 

Jedes der sieben Weingüter auf der blauen und auf der roten Weinroute hat bei den Weinproben seine speziellen Weinsorten und darüber hinaus auch immer etwas Eigenständiges zu bieten.  

Das Weingut Holden und Manz präsentiert sich mit einem Picknick-Korb, der französische Qualitäten an Leberpastete, Rochefort Käse und selbst gebackenes Olivenbrot sowie eine Flasche Shiraz eigener Produktion enthält. Die Kulisse im Hintergrund bilden die Drakensberge. Das Weingut La Bourgogne hat sich auf Weißweine und feinstes Olivenöl spezialisiert. Im Weinresort Rickety Bridge werden die Gäste an der Tram-Station zur Weinprobe auf einen Anhänger platziert, den ein Traktor zur Weinprobe tuckert.

Und schließlich stellt das große historische Weingut Grande Provence in mehreren Räumen Skulpturen und Gemälde aus. Das Gemälde „Black Madonna“ von Claude Jammet sprach mich besonders an. Darauf zeigt der Künstler eine junge schwarze Frau mit nacktem Oberkörper und einem Baby auf dem Arm. Sie hat ein Tuch um den Kopf und einen Topf in der Hand. Sie ist eng umringt von schwarzen Frauen-Gesichtern, deren Körper total in weiße Madonnen-Gewänder gehüllt sind. Der Ausdruck ihrer Gesichter ist gleichgültig und irgendwie künstlich. Der Gesichtsausdruck der schwarzen jungen Frau ist etwas ängstlich und anklagend, aber auch selbstbewusst. Eine Momentaufnahme der gespaltenen Gesellschaft und der Selbstbehauptung der Frauen in Südafrika.

Black Madonna

Weingut Dieu Donné

Weingut Dieu Donné

Black Madonna

Familiengeschichten der Hugenotten

Der Weinort Franschhoek ist stolz auf seine Vergangenheit und hat ein Hugenotten-Museum mit einem Haupthaus, das im Kapstädter Baustil des 18. Jahrhunderts errichtet wurde. Hier erzählen Bilder und Schriftstücke Familiengeschichten der Hugenotten. Ihre Namen, die Cordier und die Du Buisson, die Theron und Roux sind überall in Südafrika anzutreffen.

Auf dem Garten-Gelände des Museums steht ein Denkmal für die Hugenotten mit der Inschrift: „Post Tenebras Lux“ („Nach der Dunkelheit kommt das Licht“). Dieser Spruch über die Vertreibung und Diskriminierung der Hugenotten kann auch für die zumindest offizielle Abschaffung der Apartheid-Politik in Südafrika gelten.

Hugenotten-Denkmal und Museum vor den Franschhoek-Bergen

Hugenotten-Denkmal und Museum vor den Franschhoek-Bergen

Die Küste der Wale

Für die Besucher der Metropole Kapstadt gehört zu den ersten Ausflugszielen das 45 Kilometer südlich auf einer Halbinsel liegende Kap der guten Hoffnung. Die erste größere Station ist Hout Bay, ein Fischerei- und Touristenort. Dann führt die Straße an der Küste entlang, vorbei an vielen einsamen Sandstränden. Weiter geht es auf dem Chapman‘s Peak Drive, einer zehn Kilometer langen Strecke, die sich nur 150 Meter über dem Meer, dicht an den Felsen entlang schlängelt.

Chapman's Peak Drive
Hout Bay mit Hausberg Sentinel

Hout Bay mit Hausberg Sentinel

Chapman's Peak Drive

Nach der Bergstrecke öffnet sich wieder die Landschaft der Küste. Kilometerlange Strände, teilweise hohe Wellen, deren weiße Gischt in der Sonne aufblitzt. Einige wenige Spaziergänger am Strand verlieren sich auf den lang ausgestreckten Lagunen nahe des kleinen Ortes Nordhoek.

Nordhoek-Bucht

Nordhoek-Bucht

Die Schaumkronen der Wale

Hier von der Küstenstraße kann man sie beobachten: die Wale. Sie tauchen in unregelmäßigen Abständen immer wieder im Meer auf und erzeugen kleine Schaumkronen. Es sind tatsächlich mehrere Wale, die sich nur wenige hundert Meter vom Strand tummeln. Die immer wieder auftauchenden Rücken und Schwanzflossen der Wale ziehen alle Aufmerksamkeit auf sich.

Gegen die Show der Wale hat das Kap der Guten Hoffnung, das sich recht unscheinbar am Strand nahe einem kleinen Parkplatz befindet, gerade mal ein Fotomotiv zu bieten. Umstritten ist auch, ob gerade hier der Atlantische und der Indische Ozean zusammentreffen. Klar ist nur, dass das bekannte Kap der guten Hoffnung auf keinen Fall die südlichste Stelle von Afrika darstellt. Diesen Titel beansprucht ein etwa 150 Kilometer östlicher und vor allem etwa 53 Kilometer südlicher gelegener Platz - das Kap Agulhas.

Wale unmittelbar an der Küste

Wale unmittelbar an der Küste

Kap der Guten Hoffnung

Kap der Guten Hoffnung

Strauße auf der Straße

Strauße auf der Straße

Kap Agulhas, der südlichste Punkt Afrikas

Kap Agulhas, der südlichste Punkt Afrikas

Tristesse am Cap Agulhas

Ein Weg zu diesem geographischen Highlight führt von der drittältesten Stadt Südafrikas Swellendam über eine lange Strecke an schier endlosen Weizenfeldern und Viehkoppeln entlang, alles ordentlich eingezäunt. Bis hierher schaffen es nur wenige Touristen. Die Reisenden in Bussen wie auch im Mietwagen scheuen den langen Weg. Denn am Kap Agulhas selbst steht einzig ein einsamer Leuchtturm. Seine oberste Plattform kann der Besucher nur mühsam über Dutzende Sprossen von Metall-Leitern erreichen. Ein stetig wehender böiger Wind und der mit skurrilen Steinen und Felsen belegte Strand verbreiten Tristesse.

Leuchtturm auf Kap Agulhas

Leuchtturm auf Kap Agulhas

Wale all überall

Eine ganz andere Stimmung erlebt der Besucher, wenn er sich direkt auf der Küstenstraße wieder in Richtung Kapstadt begibt. Der Slogan des kleinen Fischerei- und Touristenstädtchens Gansbaai an der Küste bewahrheitet sich: Wir sind der Ort für Wal-Watching. Überall locken Hinweisschilder die Touristen, per Motorboot und in kleinen Schiffen den Walen auf die Pelle zu rücken. Aber die größten Meeres-Säugetiere der Welt benehmen sich recht geschäftsschädigend für die vielen Wal-Kapitäne. Denn sie schwimmen oft nahe am Ufer, so dass es keiner Bootstour bedarf, um sie ausgiebig zu beobachten. Allerdings zeigt der Wal - zumindest für den ungeübten Fotografen - sehr wenig seiner Wal-Haut. In dem nächsten Örtchen de Kelders kann der Wal-Gucker sogar auf der Terrasse in der ersten Etage des Cafe on the Rock sitzen und beim Rühren im Cafe Latte ganz entspannt dem Treiben der Meeressäuger zuschauen.

Küste bei de Kelders

Küste bei de Kelders

Küste bei de Kelders

Küste bei de Kelders

Vuvuzela meldet: Wale in Sicht

 

Nichts anderes spielt sich in dem größeren Badeort Hermanus ab. Hier versammeln sich viele hunderte Besucher, um von unterschiedlichsten Aussichtspunkten an der Promenade die Wale zu beobachten, die teilweise bis in die Bucht hineinkommen, oft nur 100 Meter vom Strand entfernt. Zum Wal-Spektakel in den Monaten September bis November gehört auch ein Wal-Melder („Whale Crier“). Er ist bunt und auffällig kostümiert mit einem kecken Hut. Sein Markenzeichen ist eine Vuvuzela, ein Blasinstrument, das zur Fußball-WM in Südafrika eine unüberhörbare Bekanntheit erlangt hat. Auch mit dem Wal-Melder und den Touristen hatten die Meeressäuger kein Erbarmen. Sie zeigten sich ständig und die Vuvuzela kam nicht zur Ruhe.

Blick auf Hermanus

Blick auf Hermanus

Gesang der sanften Riesen

Wer nicht nur den breiten Rücken und die Schwanzflossen vom größten Meeressäugetier sehen will, besucht das National-Museum Iziko, gelegen in den Company Gardens in Kapstadt. Ein großer Bereich zeigte die Tierwelt im Süden Afrikas. In den riesigen Ausstellungshallen finden auch die überdimensionalen Skelette von Walen einen Platz. Wenn der Besucher das 20 Meter lange Knochengerüst eines Blauwals, der 180.000 Kilogramm gewogen haben soll, gemessen abschreitet, werden über Lautsprecher Gesänge der Wale in einer Endlos-Schleife abgespielt. Die Töne der sanften Riesen sind faszinierend und geheimnisvoll zugleich und zeigen uns, wie wenig wir von den Walen und ihrem Leben wissen. Eine wunderbare maritime Tierwelt, die wir hier direkt an der Küste Südafrikas mit eigenen Augen beobachten können.

Skelett vom Blauwal im National-Museum

Skelett vom Blauwal im National-Museum