• Ronald Keusch

Der Brocken ist ein Deutscher

Eine Harzreise mit der Schmalspurbahn auf den Brocken




Mit der Schmalspurbahn von Wernigerode auf den Brocken
Mit der Schmalspurbahn von Wernigerode auf den Brocken



Lebet wohl, ihr glatten Säle!

Glatte Herren! Glatte Frauen!

Auf die Berge will ich steigen,

Lachend auf euch niederschauen.

Heinrich Heine, Die Harzreise


Als der 27jährige Heine poetisch und respektlos die Harzlandschaft beschrieb und den Brocken hinaufstieg, entdeckte er den Charakter des Berges. „Dieser Charakter ist deutsch“, so befand er, „sowohl in Hinsicht seiner Fehler, aber auch seiner Vorzüge.“ Dass die Schlussfolgerung Heines: „Der Brocken ist ein Deutscher“ als Zitat heutzutage in keinem Prospekt fehlt, ließe ihn sicher schmunzeln. Richtig ist damals wie heute, dass es im nördlichsten Mittelgebirge Deutschlands faszinierende Natur und jede Menge Kultur und Mythen (wieder) zu entdecken gibt.




Mit Dampf auf den Berg

Bevor der Besucher den Harz durchwandert, lässt er sich standesgemäß und gemütlich auf der schmalen Schiene fahren. Im Jahr 1898 wurde die Strecke Drei Annen Hohne, Bahnhof Schierke bis hoch zum 1124 Meter hohen Brocken eingeweiht. Heute verfügt die Harzer Schmalspurbahn über 140 Kilometer Streckennetz, das längste zusammenhängende Netz in Europa. Die 700 Pferdestärken der Dampflok schnaufen und zischen und verbreiten das Flair vergangener Zeiten. Die Schaffnerin nimmt sich derweil die Zeit, den Fremdenführer zu spielen. „Dort drüben sehen sie die Wurmbergschanze in Braunlage.“ Nebenbei verteilt sie auch schon kleine Fläschchen pro Stück zum Preis von zwei Euro, den Kräuterschnaps Schierker Feuerstein oder man wählt aus zwischen Heizer-, Bahner- oder Schaffner-Schluck. Da kann schnell familiäre Atmosphäre aufkommen. Der Fahrgast stellt sich mit dem Fotoapparat auf die Plattform, es rattert rhythmisch, der Schlauch der Heizleitung zwischen den Waggons dampft, die Dampflok pfeift. Weißgraue Dampfschwaden ziehen vorbei und geben den Blick frei auf den rechts und links auftauchenden Waldrand und dann tut sich wieder ein hinreißendes Panorama auf.


Brockenhaus auf dem Brocken
Brockenhaus auf dem Brocken

Nach 50 Minuten Fahrt erreicht die Bahn das Brockenplateau. Die Sage erzählt, dass hier in der Walpurgis-Nacht vom 30. April zum 1. Mai die Hexen auf dem Besen angeflogen kommen. Bis dahin sind sie tagtäglich im handlichen Format in den Souvenirläden erhältlich. Die beste Aussicht bietet die siebente Etage des im Jahr 2000 renovierten Hotels Brockenwirt & Sohn. Im gleichen Jahr wurde gleich daneben das Brockenhaus eröffnet. Es beherbergt in seinen drei Etagen ein Museum, das den Brocken auch als ein Symbol der deutschen Teilung zeigt. Keine Teilung bleibt ewig, das zeigen beispielhaft auch die nach der Wende entstandenen Nationalparks West-Harz und Ost-Harz. Auch sie haben sich mit etwas Verspätung endlich vor zwei Jahren zum einheitlichen Nationalpark Harz zusammengefunden. Die Aussicht vom Brocken soll bis zu 230 Kilometer weit ins Land gehen, allerdings hat der Brocken, so ist zu erfahren, auch schon mal 300 Nebeltage im Jahr.


Blick vom Brocken
Blick vom Brocken


Viele Auftrittsorte für Hexen

Die Hochburg der Sagen und Mythen liegt in Thale. Die promovierte Biologin Dr. Evelyn Kunz mit Sitz im Rathaus Thale ist hier für die zarte pflegebedürftige Pflanze Tourismus zuständig. Sie steht einer Abteilung von drei jungen Mitarbeiterinnen vor, die bei vielen passenden Gelegenheiten für die Besucher ins Hexenkostüm schlüpfen.

Wanderparadies Harz
Wanderparadies Harz

Auftrittsorte gibt es genug. An erster Stelle stehen die Walpurgishalle und der Mythenpavillon auf dem Hexentanzplatz. Vor drei Jahren wurde begonnen, einen Mythenweg anzulegen, der von der Talstation durch den Ort führt. Er wird mit 12 von Künstlern gestalteten Figuren aus der germanischen Mythologie geschmückt. Bereits fünf der Figuren des Weges sind fertig gestellt. Die Huldigung der heidnischen Götterwelt wirkt ausgesprochen locker, modern und sympathisch, kein protziger „Germanen-Pathos“ stört. Mittlerweile ist der Mythenweg zusätzlich durch in den Boden eingelassene Hufeisen gekennzeichnet und gut zu finden. Der Götterkönig Wotan mit seinen beiden Raben Hugin und Munin schaut väterlich auf die Besucher, Wotans Pferd Sleipnir und der Neiddrachen Nidhögg glänzen metallisch, der Himmelswächter Heimdall ist ganz aus Stein und die streng blickende Schlange Midgard aus Eichenholz steht vor der Talstation der Kabinenbahn. Die Bahn schwebt mit 4er Gondeln auf 431 Meter Höhe zum Hexentanzplatz.



Im Bodetal
Im Bodetal

Ganz in der Nähe führt ein Sessellift zu einem berühmten Bergmassiv, über das die tolle Geschichte der schönen Prinzessin Brunhilde erzählt wird, die vor dem ungeliebten Ritter Bodo floh. Ein gewaltiger Sprung mit ihrem Ross rettet sie und hinterließ einen tiefen Hufabdruck im Gestein – die Roßtrappe. Für Bodo endete die wilde Jagd nicht so glücklich. Er stürzte in den Fluss, wird Namensgeber und muss seitdem in Gestalt eines schwarzen Hundes die Königskrone der Prinzessin bewachen.

Noch vor zweihundert Jahren fast unpassierbar, schlängelt sich heute ein elf Kilometer langer Wanderweg durch das Tal der Bode mit wildromantischen Felsenschluchten. Hier ist inmitten Deutschlands eine einmalige Vielfalt an kleinen Naturwundern zu bestaunen. Und wenn man im Harz wandert, mit guter Laune und dem richtigen Weggefährten, dann kann man wie Heinrich Heine im Jahr 1824 „das ruhige Herzklopfen des Berges belauschen…die Vögel singen abgebrochene Sehnsuchtslaute“ und „die Bäume flüstern wie mit tausend Mädchenzungen…“