• Ronald Keusch

Der Urwald ruft

Besuch im Urlaubsort Bodenmais im Bayerischen Wald




Glaskunst vor der Joska Glasbläserei
Glaskunst vor der Joska Glasbläserei


„Wir haben ein wirkliches Urwaldprodukt kreiert. Das ist nicht austauschbar mit anderen Mittelgebirgsregionen. Hier befindet sich der letzte Urwald in Mitteleuropa, den man live erleben kann. 120 Jahre ist an manchen Stellen kein Baum mehr gefällt worden …“ Die angenehme Stimme des jungen Mannes hallt durch den großen Empfangsraum des Rathauses. Er ist mit einem Anzug bekleidet, trägt einen knalligen Business-Schlips und hat seiner kurz geschnittenen Frisur eine gegelte Haartolle verpasst. Er spricht sehr schnell, als ob ihm die Zeit davonläuft. „Wir wollen unseren Besuchern Urlaub mit Emotionen liefern, spannende Geschichten erzählen, gerade für Familien mit Kindern, für Kinder gibt es auch Nachtwanderungen…“ Michael Adam muss in seinem Redefluss kurz verschnaufen. Wie ein perfekter Verkäufer preist er den Touristenort Bodenmais an, der mitten im Bayerischen Wald liegt mit seinem Nationalpark und für den ordentlich poppig geworben werden muss.

„Urwald, Leute, das klingt doch wie Yellowstone oder Serengeti“.


Bürgermeister Michael Adam vor "seinem" Rathaus in Bodenmais
Bürgermeister Michael Adam vor "seinem" Rathaus in Bodenmais

Der jüngste Bürgermeister Deutschlands


Im Ort Bodenmais mit seinen 3.400 Bewohnern und 7.000 Urlaubsbetten kennt ihn jeder. Vor knapp zwei Jahren wurde Michael Adam zum 1. Bürgermeister von Bodenmais gewählt, der jüngste Bürgermeister in Deutschland. Vier Gründe sprachen gegen seine Wahl, sein damaliges Alter von 23 Jahren, er ist im katholischen CSU-Stammland evangelisch und Mitglied der SPD und er ist homosexuell. Auf die Frage, wie dieses Wunder zu erklären sei, übt sich der junge Bürgermeister in der Position von Understatement. Die Wähler wollten nach 18 Jahren seinen Vorgänger nicht mehr und da war er halt da, so seine bescheidene Begründung. Er erhielt 12 Prozentpunkte mehr als sein 18 Jahre regierender Vorgänger. Der Student für Politikwissenschaft Adam an der Universität in Regensburg siegte über den Politprofi.


Hotel Bodenmaiser Hof
Hotel Bodenmaiser Hof

Komplimente für den jungen Politiker


Geboren ist Michael Adam in Zwiesel, einem Ort im bayerischen Landkreis Regen, nicht weit entfernt von Bodenmais. Beide Eltern sind Sozialdemokraten, sein Vater Schweißer und die Mutter Hausfrau. Er hatte sich schon früh für Politik interessiert und einige politische Ämter inne. So war er Vorsitzender des Juso-Bezirksverbands Niederbayern. Seine Kompetenz, seine Offenheit im Auftreten, auch im Umgang mit seiner Homosexualität und das ehrliche Ansprechen von Problemen der Gemeinde brachten ihm viel Anerkennung und Lob ein. Durchaus typisch ist die Meinung von Wolfgang Geiger, der mit seiner Frau und Tochter in der dritten Generation das renommierte, 4-Sterne-Hotel „Bodenmaiser Hof“ betreibt. „Wir Unternehmer haben bei der Wahl in Bodenmais kaum auf Parteipolitik, dafür auf die Persönlichkeit der Kandidaten geschaut. Und Michael Adam ist ein junger und energievoller Politiker, der die Probleme unserer Gemeinde an der Wurzel anpackt.“ Und seine Frau ergänzt, dass der junge Bürgermeister im Interesse von Bodenmais erstaunlich geschäftstüchtig sei, er agiere nicht wie die meisten Politiker, sondern wie ein Geschäftsmann und kompetent, das sei für die Gemeinde ganz wichtig. Solche Komplimente wünscht sich mancher Politiker nicht nur in Bayern.


Marktplatz und Pfarrkirche von Bodenmais
Marktplatz und Pfarrkirche von Bodenmais


Alles hängt am Tourismus


Die Wähler in Bodenmais sind von ihrem jungen Bürgermeister nicht enttäuscht worden. Die seit Ende der 90er Jahre mit sinkenden Gästezahlen und wachsenden Schulden in die Krise geratene Gemeinde ist wieder auf Erfolgskurs. An der Fassade des Dienstsitzes vom Bürgermeister steht gleichberechtigt in gleicher Höhe und Größe neben der Inschrift Rathaus auch Tourismus. Schon von weitem im Blickfeld, ist es wie ein Programm. Das ganze Jahr ist Saison.

„Wir haben keine klassische Kurverwaltung mehr, sondern Ende 2007 eine Tourismus GmbH gegründet und keinen Kurdirektor, sondern einen Geschäftsführer.“ Jetzt gehören Gemeinderatssitzungen der Vergangenheit an, auf denen zwei Stunden über Fotos in einem Prospekt über Bodenmais diskutiert wird. Entscheidungswege werden abgekürzt. Ein Aufsichtsrat aus Vertretern des Gemeinderates und der Wirtschaft verwaltet nicht den Tourismus, sondern nimmt aktiv teil, übernimmt Verantwortung. „Natürlich muss alles auch kommunalrechtlich eingefädelt werden, das macht viel Arbeit, aber auch Freude und Spaß“, bekennt Michael Adam. Es ist ein Fulltime-Job und so musste er sein Studium in Regensburg unterbrechen.


Wegweiser zu nahen und fernen Zielen und zum nächsten Bier
Wegweiser zu nahen und fernen Zielen und zum nächsten Bier

Volks-Wellness mit WellSportAktiv


Für kreative, zündende Ideen im Tourismus hat der junge Bürgermeister von Anfang an einen idealen Partner gefunden, den erfahrenen PR-Mann Andreas Lambeck aus der Industrie im Ruhrgebiet. „Der Bürgermeister und der Tourismuschef Lambeck, die sind mittlerweile ein eingespieltes Team“, urteilt anerkennend Hotelier Geiger. So empfinden viele in Bodenmais. Mit den neuen Strukturen kommen viele Ideen zum Tragen. In Bodenmais wird ein Dorfclub gegründet. Attraktive Inklusivleistungen, die sich besonders an Urlauber-Familien richten, werden hier nachgefragt und gebucht. Da sind beispielsweise Tennis oder Wanderungen im Preis inklusive wie die Vollpension für die Gäste ausgewählter Hotels und Ferienwohnungen.

Weiterhin ist seit mehr als einem Jahr das WellSportAktiv Programm eingeführt. Die Gäste der Hotels, Ferienwohnungen und Pensionen in Bodenmais können die neuen Bade- und Saunaparks und das örtliche Fitnessstudio inklusive nutzen. Damit will der junge Bürgermeister versuchen, den Luxus, den man aus Hotels mit Wellnessbädern kennt, auch zu den Gästen der Ferienwohnungen zu bringen. Michael Adam nennt es schmunzelnd Volks-Wellness. So etwas hat kein anderer Ort im Mittelgebirge zu bieten.



Neue Vertriebswege durch eigenen Reiseveranstalter


Revolutionär waren vor allem neu eingeführte Vermarktungskonzepte und Vertriebswege wie der Onlinevertrieb. „Bisher konnte der Gast Bodenmais nur buchen, wenn er aktiv danach gesucht hat. Aber so läuft das heute nicht mehr, schon gar nicht bei der jungen und mittleren Generation“, weiß Adam.


Mit BVB-Bussen direkt von Berlin nach Bodenmais
Mit BVB-Bussen direkt von Berlin nach Bodenmais

Jetzt haben sie einen eigenen Reiseveranstalter im Haus, der Zimmerkontingente und zum Teil fertige Reiseprodukte verkauft. Der Trick besteht darin, dass sie aus den Vertriebsprovisionen ihre Werbung bezahlen. Die Methode funktioniert. Im Ruhrgebiet hört man dann den ganzen Tag auch Werbung über Bodenmais. Am 15. und 16. Mai wird am drittgrößten Flughafen von NRW in Weeze an der Grenze zu den Niederlanden mit den Bayern ein Flughafenfest gefeiert.

Natürlich werden traditionelle erfolgreiche Urlauberverkehre erhalten und gepflegt. Dazu gehört der Linienverkehr der Bus Verkehr Berlin KG (BVB), der zwei Mal in der Woche vom Zentralen Busbahnhof am Berliner Funkturm die Fahrgäste zu insgesamt 23 Orten im Bayerischen Wald bringt. Einer der modernen Reisebusse, die auf der Buslinie verkehren, wird am 19. Juni in einer Bustaufe den Namen „Bodenmais“ erhalten.


Im Joska Glasparadies
Im Joska Glasparadies

Von den neuen Tourismus-Ideen profitiert neben Hotels und Restaurants auch das alteingesessene Kunsthandwerk. Ein Anziehungspunkt für Groß und Klein ist in Bodenmais die Glasbläserei Joska, die sich Glasparadies nennt, mit Glaskunst, Shopping und vielen Veranstaltungen. Die Touristen können zuschauen, wie Glasbläser, Glaskünstler, Glasmaler, Schleifer oder Graveure das Glas formen und kleine Kunstwerke herstellen. Und wer möchte, kann sich am Schmelzofen auch selbst in der alten Kunst des Glasblasens versuchen.


In der Glasbläserei Die Drexler Schnapsbrennerei

Ein anderes genauso einmaliges Angebot offeriert die Silberbergklinik. Sie hat im Erzbergwerk oberhalb des Ortes einen Therapiestollen eingerichtet, in dem schon tausende von Patienten mit Asthma und anderen Atemwegserkrankungen Linderung ihrer Beschwerden erfahren haben. Hier wurde 500 Jahre lang bis 1962 Silber und andere Erze abgebaut. Und natürlich gibt es hier auch Bergwerksführungen, ein Museum und viele Wanderwege rund um den Silberberg.


Der Therapiestollen im Silberbergwerk Im Erzbergwerk


Bodenmais bleibt solider Ferienort


Bei allen Plänen und neuen Ideen verordnet der junge Bürgermeister viel Bodenhaftung. Natürlich will Bodenmais auch Golf-Touristen anlocken. Aber einen eigenen Golfplatz neu bauen ist zu teuer. Deshalb haben sie einen Golfveranstalter gewonnen und die Gäste der Top-Hotels können auf fünf Golfplätzen im Umfeld von Bodenmais mit einem Pauschalpaket unterwegs sein.

Bodenmais ist ein heilklimatischer Kurort. Aber der junge Bürgermeister will keine großen Thermenlandschaften bauen. Es ist daher geplant, das Kurhaus in ein Gesundheits- und Präventionszentrum umzubauen. Hier soll „populäre Medizin“ wie Raucherentwöhnung, Kurse zur gesunden Ernährung und Yoga stattfinden. Das Motto lautet: Urlaub machen und ein wenig für die Gesundheit tun.

Auch die Ziele der nahen Zukunft kann Michael Adam schon recht konkret umreißen. „Im nächsten Jahr wollen wir wieder eine Million Übernachtungen in Bodenmais erreichen. Unser Bodenmais soll sich weiter zu einem grundsoliden Ferienort entwickeln für ein breites Publikum.“ Um dieses Ziel zu erreichen, scheint der Touristenort Bodenmais auf gutem Wege zu sein. Wie lange der junge Bürgermeister, der in seiner Lebensplanung auch einmal Politik in Berlin machen will, diesen Weg noch mitgeht, weiß niemand.

https://www.bodenmais.de/


Blick vom Silberberg auf Bodenmais
Blick vom Silberberg auf Bodenmais