• Ronald Keusch

Gusseiserne auf den Berg-Gipfeln

Über ein Kunstprojekt des Bildhauers Gormley im Bregenzer Wald




Bergspitze der Kanisfluh mit Gormley Figur
Bergspitze der Kanisfluh mit Gormley Figur


Horizon Field stellt grundlegende Fragen: Wer sind wir, was sind wir, wo kommen wir her und wohin führt unser Weg?“ Antony Gormley



„Jetzt sind es nur noch zehn Minuten bis zum Gipfel“, ruft mir aufmunternd die Bergführerin Helga Rädler zu. Für den Aufstieg von der Edelweiß-Hütte auf die Kanisfluh sind knapp 500 Höhenmeter zu überwinden.

Blick auf das Dorf Au
Blick auf das Dorf Au

Der Himmel ist mit dunklen Wolken verhangen und eisiger Wind weht mir stark in mein schweißüberströmtes Gesicht. Meine Hände, die die Wanderstöcke beim steilen Klettern fest umklammern, werden von der Kälte ganz steif. Aber mich treibt nicht nur an, den Gipfelpunkt mit dem Gipfelkreuz, sondern die dort auf dem Bergplateau stehende lebensgroße gusseiserne Figur zu erreichen.



Der Berg Kanisfluh oberhalb des Dorfes Au
Der Berg Kanisfluh oberhalb des Dorfes Au


100 nackte gusseiserne Männer


Seit dem Sommer 2010 ist im alpinen Hochgebirge Vorarlbergs in Österreich eine Landschaftsinstallation zu sehen. Der zeitgenössische britische Künstler Antony Gormley verteilte über ein Gebiet von 150 Quadratkilometern insgesamt einhundert Abgüsse seines Körpers aus massivem Gusseisen. Er platzierte die Figuren auf einer horizontalen Linie von 2039 Metern über dem Meeresspiegel.


Gormley Figur vor der spektakulären Bergkulisse der Vorarlberger Alpen

Der Gipfel ist erreicht. Hier warten das Gipfelkreuz ganz oben und einer der Gusseisernen aus der Werkstatt von Bildhauer Gormley. Die Haltung der Figur ist unspektakulär. Die Arme hängen am geradestehenden Körper herunter, beide Handflächen zeigen nach innen, wie ein Turner, der gleich mit einer Übung beginnt. An der Vorder- und Rückseite von Brust und Oberschenkeln sind an dem nackten Körper je vier Noppen angebracht. Sie zeigen unverkennbar, dass die Figuren in größerer Stückzahl hergestellt wurden. Übrigens waren für die Fertigung der gusseisernen Figuren mehrere Gipsabgüsse notwendig, zu denen der Künstler selbst je eine Stunde Modell stehen musste.



Bergführerin Helga Rädler mit dem Gusseisernen
Bergführerin Helga Rädler mit dem Gusseisernen

Mit Figuren Landschaft genauer ansehen


Schon von Berufs wegen ist die Bergführerin Rädler im Sommer wie im Winter bei ihren Wanderungen mit Touristen den Gormley Figuren oft über den Weg gelaufen. Sie räumt ein, dass sie anfangs doch recht skeptisch war, als sie hörte, es sollen nackte Männer aus Eisen in die Landschaft gestellt werden. Und es stelle sich auch für sie schon die Frage, was der Mensch in der Natur tun darf. Die vorausgehende Ausstellung des Künstlers vor zwei Jahren im Kunsthaus Bregenz mit zwölf unterschiedlichen Haltungen seiner Figuren habe ihr sofort zugesagt. „Als dann die Figuren zu uns in die Berge kamen, hat mir die Art der Landschafts-Installation gefallen“, erzählt Helga Rädler. „Ich habe mit ihrem Erscheinen auch gelernt, viele kleine Dinge bei uns in der Region wieder genauer zu sehen. Die Figuren halfen mir, einiges in der Landschaft neu zu entdecken.“


Gormley Figur in den Vorarlberger Alpen
Gormley Figur in den Vorarlberger Alpen

Kompliment für den Bregenzer Wald


Allerdings zeigt sich bis heute, dass die Meinungen zu den Gusseisernen nach wie vor unterschiedlich sind. Die Bevölkerung scheint in der Bewertung der Gormley-Kunst zweigeteilt. Kunstliebhaber und alle, die vom Tourismus leben, sind Befürworter und manche sogar glühende Verehrer der Eisenmänner.


Dazu zählt Walter Lingg, der mit seiner Familie in vierter Generation das Hotel „Zur Krone“ bewirtschaftet und hier in seiner Heimatregion stark verwurzelt ist. „Es ist ein Kompliment für uns, dass der Bildhauer Gormley, der in unserer Umgebung wiederholt Urlaub machte, sich gerade den Bregenzer Wald aussuchte, um seine Kunst zu präsentieren“, empfindet Walter Lingg. Und er ist fest davon überzeugt, dass die Installation für den Bregenzer Wald unheimlich viel gebracht habe. Schon allein die umfangreiche Berichterstattung in den Massenmedien habe den Bregenzer Wald weiter bekannt gemacht.


Hotelier Walter Lingg mit über Nacht verschneiter Kanisfluh
Hotelier Walter Lingg mit über Nacht verschneiter Kanisfluh

Eine ganze Reihe von Gästen vorwiegend aus England, so Lingg weiter, seien vorrangig wegen den Gormley-Figuren angereist, auch zu ihm ins Hotel. Andere Regionen wie Wien oder Salzburg hätten eine solche Kunst auch gern bei sich aufgebaut und dafür viel Geld bezahlt.

Was die Kosten betrifft, gibt es auch ein halbes Jahr vor dem offiziellen Ende des Projekts nur wenige recht dürftige Zahlen. Insgesamt soll die Aufstellung der Figuren 600.000 Euro gekostet haben. Schließlich benötigten die einhundert Eisenfiguren mit einem Gewicht von 640 Kilogramm (!) ein Betonfundament und mussten teilweise mit Hubschraubern in die Höhe von über 2000 Meter gebracht werden. Etwa zwei Drittel der Summe haben Sponsoren aufgebracht und ein Drittel übernahm das Bundesland. Hauptsponsor Hugo Boss durfte keine der Figuren einkleiden. Das übernehmen an einigen Standorten Einheimische und Touristen, die die Figuren mit Kleidung behängten.



Kunsthaus zieht positive Bilanz


Eingefädelt hat das Projekt „Horizon Field“ das Kunsthaus in Bregenz. Es fungierte auch als alleiniger Vertragspartner mit dem Künstler Antony Gormley. Die Mitarbeiterin des Kunsthauses, Lisa Henn, erinnert sich noch gut an anfangs kritische Stimmen darüber, dass sich ein Künstler hundertfach in die Berge stellen lässt.


Ausstellung der Figuren Gormleys in der Bregenzer Kunsthalle im Jahr 2009
Ausstellung der Figuren Gormleys in der Bregenzer Kunsthalle im Jahr 2009

Doch mittlerweile „ist die Reaktion überwältigend positiv und das Kunsthaus zieht insgesamt eine positive Bilanz “, so Lisa Henn. Die Figuren haben dazu beigetragen, sich mit der Landschaft zu beschäftigen. Sie waren und sind ein Thema bei Wanderern und Skifahrern, den Touristen wie den Einheimischen. In einem BBC-Interview hatte Antony Gormley erklärt, dass es seinen Figuren im Bregenzer Wald sehr gut gefällt und er sich durchaus vorstellen könne, dass sie alle noch weiter dableiben. Aber die Hoffnung vieler Hoteliers, Gastronomen und Tourismusmanager, dass die Gusseisernen länger als geplant in den Bergen ausharren, scheint sich nicht zu erfüllen. Lisa Henn bestätigte, dass laut Vertrag die Zeitdauer der Installation bis zum April 2012 festgelegt ist und dann die Figuren wieder die Berge verlassen.



Beliebtes Fotomotiv für alle

Gormley-Figur bleibt beliebtes Fotomotiv
Gormley-Figur bleibt beliebtes Fotomotiv

Auf dem Gipfel der Kanisfluh sind zwei Bergwanderer eingetroffen, ein deutsches Urlauberehepaar aus Kempten im Allgäu. „Mich stört die Figur nicht, aber sie muss auch nicht da sein“, urteilen Joseph und Edeltraut unisono und man werde auch sicher kein Foto zusammen mit der Figur machen. Nach einigen Minuten Abstieg vom Kanisfluh erreiche ich einen kleinen Bergsattel, von dem noch einmal ein Blick auf die Bergspitze möglich wird. Da sehe ich deutlich, wie sich die beiden Wanderer ganz heimlich vor Gormleys Figur in Positur stellen - für ein Foto. Bis April 2012 sind solche Schnappschüsse noch möglich.

https://www.bregenzerwald.at/


Gormley Figur schaut auf Skifahrer (Foto: Markus Tretter)
Gormley Figur schaut auf Skifahrer  (Foto: Markus Tretter)