• Ronald Keusch

Winter in Lissabon

Impressionen aus der Stadt auf den sieben Hügeln am Tejo


Torre de Belém am Ufer des Tejo
Torre de Belém am Ufer des Tejo


Die Sonne des späten Nachmittags wärmt die Besucher des Parque Eduardo VII. selbst noch im Dezember. Sie spazieren auf gepflegten Wegen, die Jacke über dem Arm oder sitzen auf der Terrasse eines Cafes, alle mit dem unverzichtbaren Utensil Sonnenbrille im Gesicht. Kinder spielen an einem Springbrunnen und ein milder Windhauch streicht über die durchgängig grüne Parklandschaft.


Park Eduardo VII.
Park Eduardo VII.

Mitten im Winter herrscht in der Hauptstadt Lissabon fühlbar Frühling. Am 30. Dezember wie auch in den nächsten Tagen scheint die Sonne und es werden 16 Grad Celsius Lufttemperatur gemessen. Viele Touristen sind in die Stadt gekommen.



Sperrung der Avenida da Liberdade


Am Ende des lang gestreckten Parks thront mitten in einem überdimensionalen Kreisverkehr das Denkmal von Marques de Pombal. Nach dem verheerenden Erdbeben im Jahr 1755 hat er sich große Verdienste beim Wiederaufbau der Stadt erworben. Er sorgte dafür, dass in großen Teilen Lissabons breite Alleen entstanden und viel Platz für Licht und Luft geschaffen wurde, der Grundriss für eine moderne Stadtarchitektur in der gastfreundlichen Stadt.

Doch der riesige Platz mit mehreren Fahrspuren der Prachtallee Avenida da Liberdade ist verwaist. Nur ein Polizeiauto mit Blaulicht steht einsam auf den Betonpisten und stört die eingekehrte friedliche Ruhe ohne Straßenverkehr. Demonstrieren die Portugiesen gegen die Lasten der Krise, die ihnen aufgebürdet werden? Ihr neuer Präsident Aníbal Cavaco Silva schmälert im neuen Jahr das Budget ihres Einkommens weiter durch sehr hohe Steuern und niedrige Sozialleistungen. (siehe Neue Züricher Zeitung vom 4.1.2013 Seite 4 „Portugals Budget vor Gericht“ )


Häuser ohne Bewohner, aber mit Graffiti
 Häuser ohne Bewohner, aber mit Graffiti

Schon ein oberflächlicher Blick auf die Häuserfronten in Lissabons Straßen offenbart, dass eine ganze Reihe von Häusern nicht bewohnt, Türen und Fenster mit Brettern vernagelt sind. Hauseigentümer verweigern wegen historisch festgelegten Miet-Obergrenzen die Vermietung. Der Erwerb teurer Eigentumswohnungen führte bei vielen Portugiesen dazu, dass sie durch Arbeitslosigkeit und fehlendes Einkommen die Raten nicht mehr bezahlen können. Es gibt viele Gründe für die Portugiesen, öffentlich Widerstand zu leisten. Demonstrationen zur Jahreswende in der Touristenstadt? Drei Läufer mit Startnummern auf ihren Trikots tauchen auf. An diesen Tag gilt die Absperrung einer Laufveranstaltung.

Torre de Belém
Torre de Belém

Steinerne Chronik der Weltkarte


Wie nach Mekka pilgern Massen von Touristen in den Stadtteil Belém am Ufer des Tejo. Hier befand sich der frühere Hafen, von dem portugiesische Seefahrer bereits in der ersten Hälfte vom 15. Jahrhundert ihre weltberühmten Entdeckungsfahrten starteten. Hier erhebt sich majestätisch ein Wahrzeichen der Stadt, der Torre de Belém. Den wuchtigen Turm kann man getrost als einen Triumph der Militär-Architektur bezeichnen, sozusagen ein Kunstwerk mit maurischen Einflüssen. Er gilt als Schauplatz historischer Ereignisse. So repräsentiert das Bauwerk den Aufstieg Portugals zur Weltmacht auf den Weltmeeren und steht zugleich für den Abstieg, als im Jahr 1580 die Eroberung des Turms die 60jährige spanische Herrschaft über Portugal einläutete. In seiner Geschichte diente er als Wachturm, Leuchtturm, Gefängnis und Waffenlager und er überstand sogar als eins der ganz wenigen historischen Gebäude Lissabons das große Erdbeben von 1755.

Ganz in der Nähe ebenfalls direkt am Ufer befindet sich das berühmte 54 Meter hohe Entdecker-Denkmal, das mit viel Pathos in der Zeit der Herrschaft von Diktator Salazar errichtet wurde. Am Fuß des Denkmals ist in den Boden das Mosaik einer Windrose von 50 Metern Durchmesser eingelassen, auf der die Kontinente der Erde mit Jahreszahlen und Namen bestückt sind.



Das Entdecker-Denkmal Kreuzgang des Hieronymus-Kloster

Es wimmelt nur so von portugiesischen Eroberern mit Heinrich dem Seefahrer und Vasco da Gama an der Spitze. Allerdings belegt auch die steinerne Weltkarten-Chronik, dass das portugiesische Königshaus zwei Mal patzte, die späteren berühmten Seefahrer Ferdinand Magellan und Christoph Kolumbus abwies und dadurch unfreiwillig Macht und Ruhm Spanien überließ. Zugleich wird auch historisch der Abstieg einer europäischen Kolonialmacht vorgeführt, die ihre letzten Kriege in Afrika Mitte der 70er Jahre in Angola, Mozambique und Guinea-Bissau führte und verlor.


Das Hieronymus-Kloster
Das Hieronymus-Kloster

Abschiedsgeschenk an die einstige Weltmacht


Lange Warteschlangen von Touristen bilden sich vor dem Prunkstück des Zeitalters der portugiesischen Entdeckungen - dem Hieronymus-Kloster. Der Klosterbau mit seinen prächtigen Kreuzgängen, finanziert aus Gewinnen der Pfeffersteuer und des Goldhandels, präsentierte den Höhepunkt der damaligen Macht Portugals Anfang des 16. Jahrhunderts. Unglaubliches Gedränge auch in der benachbarten Bäckerei, wo Touristen in langen Warteschlagen die berühmte Spezialität Lissaboner Konditorkunst erstehen, die kleinen Pudding-Törtchen „Pasteis de Bélem“.



In der Klosterkirche Die legendären Puddingtörtchen aus Belém Blick in die Bäckerei

Vor dem Besuchergetümmel flüchte ich in den nur ein paar hundert Meter entfernten wunderschönen tropischen Garten Jardim Tropical, den scheinbar gestresste Reiseführer wie Touristen meiden. In dem sieben Hektar großen Park beindrucken besonders die hoch gewachsenen Palmenalleen.

Sie erscheinen wie ein Abschiedsgeschenk an die ehemalige Weltmacht Portugal, die vor 500 Jahren in Afrika, Südamerika und Asien mit seinen Flotten unterwegs war und damals den Handel beherrschte.


Palmenallee im Jardim Tropical Die Figur des Cristo Rei

Cristo Rei schaut auf Lissabon


Eine Aussicht besonderer Art bietet die Fahrt mit der ständig verkehrenden Fähre zum südlichen Ufer des Tejo. Hier steht weithin sichtbar das Monument Cristo Rei. Die 28 Meter hohe Christus-Figur, die beide Arme weit ausbreitet, blickt über den Fluss auf die Stadt und erinnert an die Christusstatue von Rio de Janeiro. Im Jahr 1949 begann man mit dem Bau, der zehn Jahre später abgeschlossen wurde. Ein Fahrstuhl führt zu einer Aussichtsplattform mit wunderschönem Panoramablick.


Panoramablick von der Cristo Rei Statue mit der Brücke des 25. April über den Tejo
Panoramablick von der Cristo Rei Statue  mit der Brücke des 25. April über den Tejo

Das Denkmal drückt die Dankbarkeit der Portugiesen aus, dass sie nicht am zweiten Weltkrieg teilnehmen mussten. Wie sehr kommt da der völlig unhistorische Wunsch auf, dass Deutschland anstelle von Heldengedenksteinen eine Nichtteilnahme an Kriegen mit Denkmalen feiern könnte.



Unterwasserwelt auf vier Weltmeeren


Als Lissabon im Jahr 1998 die Weltausstellung ausrichtete, wurde ein riesiges Areal mit alten Öl-Raffinerien am Flussufer umfunktioniert zu einem neuen Stadtviertel auf einer Fläche von fünf Kilometer Länge und knapp einem Kilometer Breite, genannt Parque de Nacoes - Park der Nationen. Die Uferpromenade des ehemaligen EXPO-Geländes ist heute die favorisierte Bummelmeile für Familien aus Lissabon und ihre Gäste.


Parque des Nacoes mit dem Vasco Da Gama Torre
Parque des Nacoes mit dem Vasco Da Gama Torre

Hier direkt an der Promenade steht die Hauptattraktion auf dem Gelände, das Oceanário. Portugal verabschiedete sich vor Jahrhunderten als politische Großmacht und hat sich dafür als große Entdecker-Nation heute einen ersten Platz bei der Präsentation der Unterwasserwelten erobert. Dieses Riesenaquarium beherbergt eine Unterwasserwelt aus vier Weltmeeren. Der Clou ist allerdings die raffinierte architektonische Lösung. Das Super-Aquarium besteht aus einem gewaltigen Zentralbecken über drei Etagen, um das vier kleinere Becken gruppiert sind. Das erlaubt den Besuchern mehr als ein Dutzend Sichten auf Haie, Rochen und die ganze Fischwelt. In einem zweiten Becken schwimmen Wasserschildkröten durch lange Wasserkanäle. Pinguine und Fischotter sind genauso zu bestaunen wie Korallenriffe, Seesterne, Seeigel, Krabben oder Quallen.


Im Oceanário


Neuschwanstein in Sintra


Die Touristenstadt Lissabon hat auch in seinem direkten Umfeld für den Touristen etwas zu bieten. Das mit der Eisenbahn und dem Bus schnell erreichbare Städtchen Sintra mit seinen Schlösschen und Palästen war dank mildem Klima einst die Sommerresidenz der portugiesischen Königsfamilie und des wohlhabenden Bürgertums. Die Königsfamilien bauten hier einen Palast, der maurische und gotische Elemente mit dem Stil der Renaissance vermischt. Deshalb wird der Prunkbau bei den deutschen Reiseleitern gern als das Neuschwanstein von Portugal bezeichnet. In Portugal existierte das Königreich von 1143 bis 1910. Dann wurde der Adel abserviert und darf in der Republik nun auch nicht mehr auf Kosten des Steuerzahlers in Schlössern wohnen.


Der Sommerpalast von Sintra Bunte Kacheln (Azulejos) in fast jedem Raum

Die Straßenbahn Linie 28 windet sich durch enge Gassen
Die Straßenbahn Linie 28 windet sich durch enge Gassen

Sightseeing per Straßenbahn


Doch für den Touristen bietet die Stadt Lissabon ausreichend Gelegenheit zum Schauen und Genießen. Da gibt es eine Stadtrundfahrt mit einer alten Straßenbahn der regulären Linie 28, die auf zum Teil beängstigend engen Gassen durch die Alfama, die Unter- und die Oberstadt rumpelt und recht zentral am Platz Martim Moniz startet. Zumeist bevölkern Touristen die alte Bahn, aber auch Einheimische nutzen die Linie. Die Räder quietschen, der Fahrer kurbelt an einem Rad und zieht an scheinbar unzähligen Hebeln, weil er oft an Verkehrsampeln halten muss. Es geht bergauf und dann wieder recht steil bergab. Die Straßenbahn holpert sich durch den dichten Verkehr der Stadt.



Auf dem Castelo de São Jorge Der Rossio-Platz im Herzen der Stadt mit Weihnachtsschmuck


Schönste Aussichten von den Miradoures


Die Linie 28 führt um den Burgberg herum. Wer einen letzten steilen Anstieg zu Fuß nicht scheut, kann von der mittelalterlichen Festungsanlage Castelo de São Jorge die tolle Aussicht auf Lissabon und den Tejo genießen. Die Burg stammt aus der maurischen Zeit aus dem 11. Jahrhundert, sie wurde aber auch durch das Erdbeben von 1755 schwer in Mitleidenschaft gezogen. Insbesondere der Königspalast wurden dabei fast vollständig zerstört.



Schmale Gassen am Fuße des Burgbergs Elevador de Santa Justa

Da Lissabon auf sieben Hügeln erbaut wurde, gibt es noch viele weitere lohnende Aussichtspunkte, Miradoures genannt. Wem der Aufstieg zu anstrengend ist, der kann bequem mit einem Aufzug, wie dem Elevador de Santa Justa, oder auch mit einer der drei Standseilbahnen von der unteren Altstadt in die Höhe fahren.


Blick vom Mirador Antonio Nobre
Blick vom Mirador Antonio Nobre

Die Basilika Estrela
Die Basilika Estrela

Im schönsten Park von Lissabon


An einer anderen Haltestelle der Linie 28 erhebt sich die imposante Basilika Estrela. Sie ist auf einem der sieben Hügel erbaut.

Gleich daneben liegt der gleichnamige Park, für mich der schönste Park der Stadt. Der alte Baumbestand, Blumenrabatten und üppiges Buschwerk, dazwischen Rasenflächen und Teiche strahlen eine große Ruhe aus, eine Oase inmitten der Hektik der Innenstadt. Ein kunstvoll gestalteter Musikpavillon aus dem 19. Jahrhundert versetzt den Besucher in eine andere Zeit.

Es ist ein Park vor allem für die Lissaboner, die hier Erholung suchen oder sich für einen Schwatz treffen. Touristen sind nur wenige zu sehen.




Im Estrela Park

Wer eine Pause beim Stadtbummel in einer von hunderten kleinen Bäckereien einlegt, zwei Kaffee trinkt und zwei kleine Puddingtörtchen verzehrt, bezahlt insgesamt vier Euro. So lebt der Tourist in einem Krisenland. Ich trinke im Park einen Kaffee und genieße mit anderen Lissabonern den Frühling am Vormittag.


Sonnenuntergang am Tejo Cabo de Roca - westlichster Punkt des europäischen Festlands