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  • Ronald Keusch

„Die Hölle ist ein schöner Ort“

Gedichte und Lieder von Peter Hacks in der Berliner Ladengalerie der Zeitung Junge Welt





Schauspiel-Studenten der Hochschule „Ernst Busch“ mit ihrem Peter Hacks Programm
Schauspiel-Studenten der Hochschule „Ernst Busch“ mit ihrem Peter Hacks Programm



Es gab in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis heute nicht gar so viele deutsche Dramatiker, die dem Peter Hacks das Wasser reichen konnten und auch international ein Publikum fanden. Leider ist diese schlichte Wahrheit nicht bis zu den heutigen Intendanten der Theater vorgedrungen. Der Öffentlichkeit weniger bekannt ist Peter Hacks als Lyriker von Rang, dessen Werk von manchen Kritikern sogar mit Goethe und Heine auf eine Stufe gestellt wird. So ermutigte der legendäre Feuilleton-Chef der FAZ, Frank Schirrmacher, seine Leser, Peter Hacks neu zu lesen und forderte die „Annäherung an einen einschüchternd brillanten Dichter, der unser letzter Klassiker war.“ ( faz.net „Er denkt also, wie er will“ 10.03.2008). Und als Beleg für sein höchstes Lob stellte er einfach die zwölf Zeilen des grandiosen Liebesgedichts „Beeilt euch, ihr Stunden“ von Hacks in seinen Text, vertrauend auf die Wirkung von den nur 12 Zeilen.


Auch die Veranstaltung am 25. September in der Berliner Ladengalerie der Zeitung Junge Welt in der Torstraße mit Gedichten und Liedern kann voll und ganz auf den großen Reiz der Lyrik von Peter Hacks vertrauen. Die meisten ausgewählten Vertonungen stammten von Andre Asriel mit einer deutlichen Jazz-Affinität. Am Klavier begleitete Jürgen Beyer. Die Lesung mit zwei Studentinnen und vier Studenten des 2. Studienjahres der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin wurde von Kerstin Hensel eingerichtet. Die Schriftstellerin Hensel, sie ist seit vielen Jahren an der berühmten Hochschule als Professorin für Deutsche Vers-Sprache tätig, besorgte auch die Auswahl der Texte. Die kurzweilige Aufführung bot wie in einer Revue eine Mischung von verschiedenen Arbeiten, aus der Anfangs- und der Endzeit der DDR, aus dem Deutschland nach 1989 und nicht zuletzt Liebesgedichte aus allen Lebenszeiten von Peter Hacks. „Wir haben kein Programm für die speziellen Kenner und Insider zusammengestellt, sondern für ein breites Publikum, an das sich Peter Hacks mit seiner anspruchsvollen und zugleich einfachen Dichtung gewandt hat“, sagt Kerstin Hensel. Zugleich räumt sie ein, dass der Zuschauer schon ein wenig über historische Hintergründe der Texte wissen sollte, damit sich die Wirkung der Dichtung voll entfalten könne. Das junge Ensemble ging mit Eifer und schon vielen Ansätzen von Professionalität gestandener Schauspieler ans Werk und erntete viel Szenen-Applaus. Und manche Zeilen von Peter Hacks dieses Abends bleiben dann in besonderer Erinnerung, wie das Lied vom Bergarbeiterball in Bitterfeld, Kartoffelfrauen, Plagejahre, die Hölle ist ein schöner Ort, Dornröschen oder dem Tagtraum, wo Hacks sich vorstellt, ein Holperstein zu sein in der Pflasterstraße, an dem sich Kunsteunuchen aus Medien und Kritik das Genick brechen oder ...oder.


Für Kerstin Hensel war es das erste Programm über Hacks in dieser Form, früher trat sie mit Lesungen von Hacks-Texten durch ihre Studenten auf der Bühne Habbema auf. „Es ist ja nur ein ganz kleiner Ausschnitt aus dem Schaffen von Peter Hacks. Mit dem Programm will ich natürlich auch neugierig machen, dass man sich mit Hacks mehr und wieder beschäftigt.“ Einen Beitrag dazu liefert das aktuell erschienene Bändchen „Peter Hacks - Hundert Gedichte“ aus dem Eulenspiegel Verlag, interessanterweise in einer Auswahl, die laut Vorwort Peter Hacks zu seinen Lebzeiten selbst vorgenommen hat. Aber auch die Berliner Ladengalerie will weiter künftig gemeinsam mit der Peter-Hacks-Gesellschaft in einer Veranstaltungsreihe an den herausragenden Dichter und Dramatiker erinnern. Eine Einladung, wieder Peter Hacks zu lesen. Das lohnt.



 

BEEILT EUCH, IHR STUNDEN

Beeilt euch, ihr Stunden, die Liebste will kommen. Was trödelt, was schleppt ihr, was tut ihr euch schwer? Herunter da, Sonne, und Abschied genommen. Verstehst du nicht, Tag, man verlangt dich nicht mehr.

Mit seinen Droschken und Schwalben und Hunden Wird mir das ganze Leben zum Joch. Schluß mit Geschäften. Beeilt euch, ihr Stunden. Und wärt ihr Sekunden, ich haßte euch noch.

Ich kann nicht erwarten, den staunenden Schimmer In ihrem zärtlichen Auge zu sehn. Verschwindet, ihr Stunden, am besten für immer. Die Liebste will kommen, die Welt soll vergehn.

(aus Hacks Werke Bd. 1, Die Gedichte, S. 456)

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