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Der das Zeitlose sagt

  • Ronald Keusch
  • vor 20 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit

„Erich und die Detektive“ – Premiere einer Kästner-Revue im Schlosspark Theater Berlin



"Erich und die Detektive" - Plakat der Kästner-Revue im Schlosspark Theater © DERDEHMEL/Urbschat

Erich und die Detektive - Plakat

Einmal mehr setzt das Schlosspark Theater in Berlin Steglitz zum Jahresbeginn ein unübersehbares Achtungszeichen für die Berliner Theaterszene. Entsprechend dem Motto des Theaters mit Intendant Dieter Hallervorden „Geist mit Humor“ wurde am 24. Januar die Premiere von „Erich und die Detektive – Eine Kästner-Revue“ gefeiert. Diese exklusive Eigenproduktion widmet sich Erich Kästner, einer literarischen Ikone des 20. Jahrhunderts. Mit seinen Gedichten, Epigrammen und Liedern steht der großartige Schriftsteller und Humorist im Rampenlicht der Bühne: Scharfsinnig wie humorvoll und nicht übersehbar hochaktuell. Insgesamt fünf Detektive, allesamt Publikumslieblinge, machen sich auf die Suche nach dem scharfzüngigen Dichter und werden im Rahmen der Revue-Handlung fündig mit 27 Gedichten, 21 Epigrammen und vielen Liedern.


Bürger Lars Dietrich, Philip Tiedemann, Krista Birkner, Mario Ramos, Oliver Seidel und Henrik Kairies (v.l.n.r.) © Ronald Keusch

Die Protagonisten des Abends: Bürger Lars Dietrich, Philip Tiedemann, Krista Birkner, Mario Ramos, Oliver Seidel und Henrik Kairies (v.l.n.r.)

Der Regisseur der Revue, Philip Tiedemann, hat sich schon in seiner Kindheit von Kästner begeistern lassen, so sein Geständnis auf der Premierenfeier zur Kästner-Revue, und er habe sein ganzes Leben immer wieder zu seinen Büchern gegriffen. So brauchte Tiedemann keinen aktuellen Anlass, Kästner auf die Bühne zu bringen. Bereits vor 15 Jahren hatte er im Theater Berliner Ensemble „Karussell Kästner“ inszeniert. „Damals im Jahr 2010 dachte ich, wie seine Texte genau in die Gegenwart passen“, so erinnert sich Tiedemann. „Jetzt schreiben wir das Jahr 2026 und man merkt, die Zeit ist reif für Kästner. Er hat mich immer wieder beindruckt, weil er, wie Hermann Hesse es über Kästner ausdrückte: Das Zeitlose konnte nicht zeitloser gesagt werden.“

Eine musikalische Revue lebt wesentlich von den Akteuren auf der Bühne und da hatte Regisseur Tiedemann mit seinem Theaterteam eine glückliche Hand. Dazu zählen die Schauspielerin Krista Birkner mit langjährigen Erfahrungen im Burgtheater Wien und bei Inszenierungen im Berliner Ensemble. Mario Ramos ist dem Publikum aus einer Vielzahl von Rollen im Schlosspark Theater bekannt – es ist bereits seine vierzehnte Produktion in und mit dem Steglitzer Theater. Und er durfte in der Revue wieder einmal seine musikalischen Fähigkeiten an der Gitarre beweisen. Der dritte in der Runde ist auch Schauspieler und Musiker, Oliver Seidel. Das Quintett komplett machen der Schauspieler, Comedian, Rap- und Popmusiker Bürger Lars Dietrich sowie der Komponist und Musiker Henrik Kairies. Er ist nicht nur für die Auswahl und Arrangements der Revue-Musik zuständig, er brillierte auch am Piano und agierte zusätzlich mit Kästner-Texten auf der Bühne.

Zu einer ordentlichen Revue gehört auch ein Cancan © Marcus Lieberenz/bildbuehne.de

Zu einer ordentlichen Revue gehört auch ein Cancan

Selten war auf der Bühne so viel Spielfreude der Schauspieler als Kästner-Detektive zu erleben. Das steckte auch das Premieren-Publikum an, die mit Szenenapplaus nicht sparten. Dabei durften alle Schauspieler auch als Musiker brillieren – insgesamt kamen neben den Singstimmen 18 Instrumente zum Einsatz, darunter Saxofon, Trompete, Posaune, Nasenflöte und verschiedenste Percussions-Instrumente.

Regisseur Philip Tiedemann hat bereits bei einer Reihe von Inszenierungen im Schlosspark Theater mit Alexander Martynow zusammengearbeitet, der für Bühnenbild und Kostüme verantwortlich ist. Seine kreativen wandlungsfähigen Kulissen sind ein Markenzeichen dieser erfolgreichen Aufführung. Eine Litfaßsäule und ein Detektivbüro – bezeichnenderweise am Schlosspark Yard gelegen - verwandeln sich dann schon mal in eine Puppenbühne oder ein Klettergerüst, wobei sich die Akteure auf der Bühne auch als Kulissenschieber betätigen. Nahezu unzählige witzige Regie-Ideen mit kleinen und großen Requisiten fließen in die Revue ein und verstärken die Aussagen der Texte.


Szenenbilder zu "Hamlets Geist" und zum "Pechvogel" © Marcus Lieberenz/bildbuehne.de


Ob das nun eine überdimensionierte Lupe mit einem Auge ist oder die sprichwörtlichen Zeigefinger oder eine hölzerne Startklappe, in der Kästners notorischer „Pechvogel“ immer seine Finger drin hat, oder die Schreibmaschinen, mit denen die Detektive in bemerkenswerter Präzision das Bravourstück „The Typewriter“ von Leroy Anderson am Anfang und am Ende der Vorstellung spielen, natürlich nur original mit Klingel und Wagenrücklauf.

Schlussszene "The Typewriter" © Marcus Lieberenz/bildbuehne.de

Schlussszene "The Typewriter"

Die Schreibmaschine als wichtigstes Arbeitsgerät Kästners bildet sozusagen die Klammer für den Abend. Zum theatralischen Gedicht „Hamlets Geist“ werden die Geschehnisse am Toggenburger Stadttheater um den sturzbetrunkenen Schauspieler Gustav Renner, der den Geist von Hamlets Vater spielte, als Schattenspiel inszeniert, wobei der Vorhang hier als Projektionsfläche herhält. In der „Sachlichen Romanze“ sitzen die Protagonisten, das Paar, dem die Liebe abhanden gekommen ist, fast unbeweglich mit ihren Kaffeetassen in einem Fenster, „Sie saßen allein und sprachen kein Wort und konnten es einfach nicht fassen“.

All denjenigen Besuchern, die bei den einzelnen Auftritten, Sketchen und Liedern aus dem Stauen nicht herauskommen, ist nur zu empfehlen, ein zweites Mal in die Vorstellung zu gehen. Sie werden dann ihre Freude daran haben, viele zusätzliche Pointen und aktuelle Anspielungen zu entdecken.

Das Besondere an den Arbeiten: Erich Kästner war vielseitig und diese Revue zeigt dieses Mosaik. Während manche Zuschauer in den ersten Minuten noch etwas Anlaufzeit brauchen, schlägt die Inszenierung dann das Publikum immer mehr in ihren Bann. In seinen Texten verbindet Kästner Poesie mit Lebensweisheiten, Witz und scharfsinnigen Pointen. „Kästner hat es geschafft, auf charmante, mitunter bösartige, optimistische wie pessimistische Art und Weise die Dinge immer wieder auf den Punkt zu bringen“, so lautet ein Resümee des Kästner-Verehrers Tiedemann.

Szenenbild der "Ballade vom Nachahmungstrieb" © Marcus Lieberenz/bildbuehne.de

Szenenbild der "Ballade vom Nachahmungstrieb"

Einmal mehr ist das für die Besucher wieder kostenlose Programmheft zur Aufführung an dieser Stelle zu würdigen. Es entstand in der Redaktion von Co-Intendantin Nathalie Hallervorden und der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit-Verantwortlichen Kristina Pomplun. Die Grund-Idee ist originell: Alle Akteure sind mit Bild und Kinderbild und einigen Zeilen zur Person vertreten und stellen ihr Lieblings-Kästner-Zitat vor. Krista Birkner entschied sich für: „Denkt an das fünfte Gebot, schlagt eure Zeit nicht tot.“ Und Philip Tiedemanns Lieblings-Epigramm ist: „Wer wagt es, sich den donnernden Zügen entgegenzustellen? Die kleinen Blumen zwischen den Eisenbahnschwellen!“

Ein toller Service wird dann auf der vorletzten Seite des Programmheftes geliefert. Alle für die Revue verwendeten Texte von Kästner werden in chronologischer Reihenfolge aufgelistet, beginnend mit „Eine unliterarische Antwort“ bis zum „Wiegenlied“. Viele seiner Aphorismen sind schon längst geflügelte Worte geworden. Dazu zählt das wohl bekannteste Zitat von Erich Kästner, das da lautet: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Es hat zeitlose Relevanz und ist eine klare Aufforderung zur Tat und Zivilcourage. Und an das Publikum der Aufruf: Lest mal wieder Erich Kästner.



Co-Intendantin Nathalie Hallervorden stellt nach der Premiere die Protagonisten der Aufführung vor  © Ronald Keusch

Co-Intendantin Nathalie Hallervorden stellt nach der Premiere die Protagonisten der Aufführung vor

 

 

Schlosspark Theater Berlin

Schloßstraße 48

12165 Berlin

 

Die Kästner-Revue steht noch bis zum 21. Februar 2026 täglich außer montags auf dem Spielplan,

Beginn: Sonntag 16 Uhr, Mittwoch 18.30 Uhr, Dienstag sowie Donnerstag bis Sonnabend 20 Uhr.


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