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  • Ronald Keusch

Mit Geduld und Spucke

Der Kabarettist und Schauspieler Uwe Steimle in Neuenhagen und Dresden





Zwei der von Uwe Steimle verteilten 5000 Fähnchen mit der Picasso-Friedenstaube stehen jetzt in Berlin
Zwei Fähnchen mit Picasso-Friedenstauben von Uwe Steimle stehen jetzt in Berlin



Der Saal des Bürgerhauses Neuenhagen mit 498 Plätzen ist am 10.2.2023 seit Wochen restlos ausverkauft. Welcher prominente Künstler hat da sein Kommen in die 23 Kilometer östlich von Berlin liegende Gemeinde angekündigt? Hat sich ein leuchtender Schlagerstern oder eine exzellente Musikerband in die Provinz verirrt? Es ist der Schauspieler und Kabarettist Uwe Steimle.


Der Kabarettist Uwe Steimle © Uwe Steimle
Der Kabarettist Uwe Steimle

Er hat zu seiner Jubiläumstour zum 60. Geburtstag eingeladen und nennt sein Programm „Mit Geduld und Spucke“. Nun hat politisches Kabarett durch die tägliche reale Politik selbst und deren gleichgeschaltete Beschreibung in den Medien schon Konkurrenz bekommen, denke man nur an den „Genderwahn“, der uns teilweise sogar schon in den Nachrichten-Sendungen verfolgt. Bei Steimle ist es anders, wie auf der Website der Veranstalter zu lesen ist. „Fast tragisch wirkt sein Bemühen, Brücken zu schlagen. Mal linke Sau, dann wieder rechtes Schwein – enden wird der 60jährige in seiner Zeitreise vermutlich als veganes Schnitzel.“ So weit so originell die erste Annäherung an den Künstler Steimle. Er hat sich als Schauspieler in der Rolle des Kriminalkommissars Hinrichs der Serie „Polizeiruf 110“ und beim MDR mit Filmen über Land und Leute in Sachsen mit dem Titel „Steimles Welt“ einem großen Publikum bekannt gemacht. Der Kabarettist Steimle wollte nicht wie leider zu viele seiner Kollegen „Berufshumoristen“ nur im Mainstream-Tretboot sitzen und hielt mit seiner kritischen Meinung auch in der veröffentlichten Meinung nicht hinter dem Berg. Die Konsequenzen nahm er in Kauf. Seine kritischen Positionen und seine Satire über Widersprüche in der Gesellschaft wurden durch „Hüter des Zeitgeistes“ umgedeutet und durch so genannte Fakten-Checker in die rechte Ecke abgestellt. Das bedeutete Abschied von der Karriere des Fernsehkriminal-Kommissars und vom MDR und Ankunft und Willkommen bei youtube. Jeder kann derzeit Uwe Steimle auf dem Bildschirm sehen in seiner selbst gegründeten „Aktuellen Kamera“. Einmal wöchentlich in rund 30 Minuten ausgestrahlt, ist bereits die 94. Sendung erreicht mit sage und schreibe 114.000 Abonnenten sowie ungezählten weiteren Zuschauern (https://www.youtube.com/c/steimleswelt). Und er geht auf Reisen zu seinem Publikum.

Mit viel online-Glück haben wir für den 10. Februar noch zwei Eintrittskarten ergattert und machen uns auf den Weg nach Neuenhagen. Im nahen Berlin hat Steimle seit einiger Zeit praktisch Auftrittsverbot, weil Politiker und Veranstalter Aktionen von Störern befürchten müssen. Wie gerade in Chemnitz zu sehen, wo Grüne Politiker mit den üblichen völlig aus der Luft gegriffenen Hau-Drauf-Schlagworten „Rassistisch“ und „Antisemitisch“ und „Nazi“ versuchen, Uwe Steimle zu Canceln und die Veranstalter regelrecht zu bedrohen. Cancel Culture in Deutschland im Jahr 2023 ! Neuenhagen hat dagegen Verantwortliche mit Zivilcourage.

Als Journalist habe ich in meinem Berufsleben eine sehr große Zahl von Kabarettisten mit ihren Programmen auf kleinen und großen Bühnen erlebt. Ob in früheren DDR-Zeiten in Leipzig „die Pfeffermühle“ und die „Akademixer“, in Dresden die „Herkuleskeule“ oder in Berlin die „Distel“ oder später in Gesamtdeutschland die Solo-Auftritte von Dieter Hildebrandt, Mathias Richling, Volker Pispers, Georg Schramm – immer war bei live-Auftritten die Übereinstimmung von Kabarettisten und Publikum recht groß. Und beim eingehegten Kabarett der DDR, aber auch später beim politischen Kabarett im einheitlichen Deutschland waren bei den Machern durchaus Rückgrat und ein gehöriges Maß an Mut notwendig, vom Publikum gewürdigt. Beim Auftritt von Uwe Steimle war das alles auch da, aber noch etwas mehr und anderes. Von den ausverkauften Reihen des Saales in Neuenhagen ging spürbar eine große Zuneigung und Solidarität für den Künstler Steimle aus. Ich kann mich kaum an so befreiendes Lachen, an so stürmisch innigen Applaus, sogar an Pfeifen und Johlen in früheren Kabarettauftritten erinnern. Ursprung und Auslöser für diese euphorischen Reaktionen des Publikums waren durchaus auch ausgefeilte Pointen und Wortspiele, aber vor allem: Das Publikum spürt, Steimle ist einer von ihnen, spricht solche Themen an, die alle Zuschauer bewegen, die sie aufregen und stören oder über die sie sich freuen. Steimle zeigt Haltung und Rückgrat – das, was man heute bei so vielen Künstlern schmerzlich vermisst.


Uwe Steimle vor dem Kulturpalast in Dresden am 13. Februar
Uwe Steimle vor dem Kulturpalast in Dresden am 13. Februar

Einige Kostproben gleich aus dem Beginn des ersten Teils gefällig:

Steimle zitiert die Politikerin Göring-Eckhardt von den Grünen, „das sind die neuen Rechten“, mit dem Satz: „in Deutschland leben schon 30 Prozent der Menschen heute mit einem Migrationshintergrund - und da habe ich die Ossis noch gar nicht mit eingerechnet.“ Der kurzfristige Besuch des US-Verteidigungsministers beim deutschen Kanzler Scholz könnte laut Steimle so abgelaufen sein. „…entweder die Panzer rollen für den Sieg oder Du erinnerst Dich vielleicht doch noch, was damals mit der Warburg Bank war.“ Um dann die berühmten Brechtzeilen aus der Moritat von Mackie Messer leicht verändert anzustimmen: „Und er kann sich nicht erinnern und man kommt nicht an ihn ran. Denn der Haifisch ist kein Haifisch, wenn man’s nicht beweisen kann…“. Und dann ist Kanzler Scholz noch einmal dran als es um seinen Besuch vor einem Jahr in Washington geht und er auf einer Pressekonferenz von einem US amerikanischen Journalisten gefragt wird, was ist denn mit der Pipeline Nordstream II und daraufhin vom Kanzler des souveränen Deutschland nur zu hören war – „Bin gar nicht da“. Und dann angesprochen auf die Energiepolitik Deutschlands, scheint Olaf Scholz so zu reagieren, damit habe er doch nichts zu tun. Der Kommentar von Steimle: „Wir wissen nicht, was wir noch dazu sagen sollen…“

Aber das Programm von Steimle läuft gerade erst fünf Minuten und er hat noch jede Menge über die gegenwärtige Regierung zu sagen. „Wir haben eine Außenministerin, die, statt Diplomatie zu pflegen, Öl ins Feuer gießt.“ „Wir haben einen Märchenerzähler, Herrn Habeck, der will aus Strom Gold spinnen“. „Und wir haben einen Gesundheitsminister Karl Klabauterbach, der Seuchenheilige, der so krank ist, dass er sich selber Drogen verschreibt.“ Dann ein Resümee von Steimle. „Manchmal hat man den Eindruck, man kann Kabarett von Kabinett gar nicht mehr unterscheiden.“ Und weiter: „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, wir werden von Wahnsinnigen regiert.“ Uwe Steimle prophezeit, wenn der Verteidigungsminister Pistorius sich nicht mehr lange halten sollte, dann kommt das Ministerium in Grüne Hände. Dann haben wir eine Verteidigungsministerin Göring-Eckardt. „Dann hat der Name Göring in der Welt wieder einen irren Klang.“ Kurz Atempause auf der Bühne. Dann wieder Steimle: „Ich bin hier in Neuenhagen. Damit ich es weiß, mit wem ich es zu tun habe, stelle ich dem Publikum jetzt die Frage: Für Frieden und Sozialismus seid bereit?“ Und es schallt ihm die Antwort aus dem Saal entgegen: „Immer bereit“. Nahezu alle kennen noch dieses Frage-Antwort-Schema, den Gruß der Pioniere aus der früheren DDR. Ein in Westdeutschland Aufgewachsener wird zu diesem heutigen Wortspiel vielleicht mokant lächeln oder es gar nichts verstehen. Einer aus Ostdeutschland dagegen kann darüber zumeist nur breit Grinsen.

Weitere Themen sind andere heiße Eisen, wie die derzeit noch fehlende Aufarbeitung der Corona-Kampagnen, ein Lackmustest dafür, was die Regierenden mit den Regierten alles machen können. Was war denn Corona? Der Kabarettist erklärt es: „Die Geschützten müssen vor den Ungeschützten geschützt werden, in dem man die Ungeschützten zwingt, sich mit dem Schutz zu schützen, der die Geschützten nicht schützt.“ Und in den Kampagnen mit dem schönen Wort Lockdown gab es auch den richtungsweisenden Hinweis, so Steimle: „Auch Obdachlose sollen zu Hause bleiben.“ Kein Kabarettist kann sich so etwas ausdenken, die schönsten Pointen schreiben ideologisch geführte Politiker, die nichts falsch machen wollen.

An diesem Abend in Neuenhagen gibt es auch einen Aufruf von Uwe Steimle zur Friedens-Demonstration und zum Gedenken der Kriegs-Opfer in Dresden. Traditionell versammeln sich an dem Jahrestag der barbarischen Bombardierung Dresdens durch angloamerikanische Bomber am 13. Februar 1945 tausende Dresdner. Organisiert von der Stadtverwaltung und den Bürgern Dresdens bildet sich um 18 Uhr für zehn Minuten rund um die Altstadt eine Menschenkette. Außerdem kündigt Uwe Steimle von der Bühne an, dass er vor dem Dresdener Kulturpalast in der Innenstadt kleine blaue Fähnchen mit der Picasso-Friedenstaube verteilen wird.


Vor dem Kulturpalast in Dresden am 13. Februar
Vor dem Kulturpalast in Dresden am 13. Februar


Nachtrag vom 13. Februar aus Dresden

Uwe Steimle hat sich mit einem kleinen Stand wie versprochen vor dem Kulturpalast eingefunden. Angemeldet hat er nach eigener Aussage eine Versammlung von 80 Personen. Er hat wohl seine Resonanz auch durch seine Fernsehsendung unterschätzt. Mindestens etwa zweitausend sind seinem Aufruf gefolgt und haben sich vor dem Kulturpalast eingefunden. Großes Gedränge, einige verteilen im Namen von Steimle die kleinen Fähnchen, die meisten können ihn in der riesigen Menschentraube nicht sehen. Ich gehe schnell auf die ebenfalls überfüllte Balustrade des Kulturpalastes und kann von dort oben ein Foto schießen. Die Balustrade wird kurze Zeit später von der Polizei geräumt, überall sind Polizisten und Polizeiwagen mit Blaulicht. Werden die Demonstranten geschützt oder nur einfach Staatsmacht demonstriert? Noch eine Stunde später – die von Uwe Steimle angemeldete Veranstaltung ist längst beendet – werde ich von zahlreichen Dresdnern angesprochen, die traurig sind, dass sie keine Picasso-Friedenstaube abbekommen haben.


Die Menschenkette formiert sich um 18 Uhr am Postplatz
Die Menschenkette formiert sich um 18 Uhr am Postplatz

Um 18 Uhr schließt sich die Menschenkette um die Altstadt. Viele tausende Dresdner fassen sich für zehn Minuten an den Händen. Sie gedenken unter dem Läuten der Glocken der Dresdner Kirchen der zehntausenden Toten. Und die große Mehrheit fordert zugleich sofortigen Waffenstillstand und Frieden in der Ukraine. Die meisten Deutschen wollen endlich Frieden in der Ukraine, darunter Uwe Steimle und sein Publikum.

Und Uwe Steimle ist auch in den nächsten Monaten weiter auf seiner Jubiläumstour unterwegs, wie es auf seiner Website heißt, mit Bekanntem und „Unpikantem“, getreu dem sächsischen Motto: Das Letzte von Heute und das Beste von Gestern – Lerne schweigen, ohne zu platzen. Die Zeit ist überreif.


Gedenken und Mahnung – Nie wieder Krieg !
Wilhelm Lachnit, Der Tod von Dresden, zu sehen im Albertinum in Dresden
Gedenken und Mahnung – Nie wieder Krieg !   Wilhelm Lachnit, Der Tod von Dresden, zu sehen im Albertinum in Dresden

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