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  • Claudia Keusch

Die Kegelrobbe ist kein Kuscheltier


Das größte Raubtier Deutschlands trägt wesentlich zur Dezimierung von Dorsch und Hering in der Ostsee bei





Das größte Raubtier Deutschlands - die Kegelrobbe

Der Wolf ist in Deutschland in aller Munde. Er richtet Schäden in Millionenhöhe an. Im Jahr 2022 wurden in Deutschand 161 Wolfsrudel gezählt mit mehr als 650 Tieren. Diese rissen im Jahr 2021 3374 Nutztiere, darunter 2772 Schafe, 251 Rinder und 18 Pferde (1).

Bewohner ländlicher Gegenden, in denen Wolfsrudel heimisch sind, berichten von verstörenden Begegnungen. Sie lassen ihre Kinder nicht mehr draußen spielen. Spaziergänge im Wald werden vermieden. Landwirte verbannen ihre Tiere in die Ställe, statt sie auf den saftigen Weiden der Gefahr von Wolfsübergriffen auszusetzen. Kaum jemand weiß, dass der Wolf nicht das größte Raubtier Deutschlands ist, und auch nicht das zahlenreichste und möglicherweise nicht mal dasjenige, was den größten Schaden anrichtet.

Das größte Raubtier Deutschlands ist die Kegelrobbe. Die Bullen wiegen bis zu 300 Kilo. Eine ausgewachsene Robbe benötigt bis zu 8 Kilo Nahrung täglich, im Durchschnitt vertilgt jedes Tier 4 Kilo. Es frisst alles, was im Angebot ist, Dorsch, Plattfische, Heringe, aber auch Oktopus und Krebse. Jüngste Studien zeigen, dass sie auch größere Säugetiere wie Seehunde und Schweinswale jagen. Über Dekaden wurden an der Südöstlichen Küstenlinie der Ostsee hunderte von Schweinswal-Kadavern angespült und lange rätselten die Forscher, wer die Tiere zu Tode gebissen hat. Bis eine DNA-Analyse den Prädator überführte. „Die Kegelrobben-DNA, die in den Bisswunden von Schweinswal-Kadavern gefunden wurde, zeigt, dass diese Robben mehr sind als kuschelige, freundliche Tiere", heißt es in einer Zusammenfassung der Studie, die in der britischen Zeitschrift Proceedings of the Royal Society B veröffentlicht wurde. Dieses Phänomen war auch im Nordosten Englands beobachtet worden, wo sich das größte europäische Vorkommen an Kegelrobben befindet und hatte zu Haiwarnungen für Badegäste geführt. Die neuesten Erkenntnisse des Jagdverhaltens der Kegelrobben legen allerdings nahe, dass sich Schwimmer auch vor den Robben in Acht nehmen sollten. Niederländische Forscher warnen: „Viele der verstümmelten Schweinswale wurden an Küsten gefunden, die häufig von menschlichen Badegästen und Surfern genutzt werden, und es scheint a priori keinen Grund zu geben, warum Menschen nicht durch Kegelrobbenangriffe gefährdet sein könnten“ (2).


In der Nordsee und im Wattenmeer ist die Kegelrobbe seit langem heimisch. Die Kolonien befinden sich vor allem vor Amrum, Sylt und auf Helgoland. Im April 2022 wurden in dieser Region knapp 9000 Tiere gezählt (3). An der deutschen Ostseeküste galt die Kegelrobbe bis vor 20 Jahren als praktisch ausgerottet. Der gesamte Bestand in der Ostsee hatte zu Beginn der 80er Jahre mit etwa 2500 Tieren seinen Tiefpunkt erreicht. Seitdem sie unter strengen Schutz gestellt wurden, erholten sich die Bestände. Die letzte Zählung von Kegelrobben im Jahr 2020 ergab, dass in der Ostsee mindestens 42.000 Kegelrobben beheimatet sind, Hochrechnungen von schwedischen Wissenschaftlern gingen schon im Jahr 2019 von mehr als 60.000 Tieren aus. Seitdem melden alle Ostsee-Anrainer jedes Jahr neue Rekordzahlen. An Deutschlands Ostseeküste wurde 2004 im Greifswalder Bodden wieder die erste Kegelrobbe gesichtet, 2015 wurden schon 75 Robben gezählt, 2018 kamen die ersten Robben-Babys zur Welt und seitdem geht es weiter steil bergauf. Während der Haupt-Laichzeit des Herings finden sich jetzt im Frühjahr um die Greifswald Oie rund 600 und im Greifswalder Bodden noch einmal 700 Tiere ein.


Wie lange wird es noch Ostseefisch aus eigenem Fang geben ?
Wie lange wird es noch Ostseefisch aus eigenem Fang geben ?

Die Zahl der Kegelrobben in der Ostsee liegt heute deutlich über dem Schwellwert von 10.000 Tieren, ab dem der Bestand als kritisch angesehen wird. Demgegenüber sind andere Meeressäuger – die ja auch auf dem Speiseplan der Kegelrobben stehen – weiterhin gefährdet. In der Zentral-Ostsee leben heute nicht mehr als 500 Schweinswale (4). Gleiches trifft auf den Fischbestand der Ostsee zu, der in einem mehr als beklagenswerten Zustand ist – so beklagenswert, dass die jährlich festgelegten Fischfangquoten sich gegenüber dem Jahr 2017 um 95% (!) reduziert haben. Die EU-weiten Fangquoten für die Ostsee betragen für 2023 1.872 Tonnen Hering und Dorsch, die grundsätzlich nur noch als Beifang erlaubt sind, und 11.313 Tonnen Plattfische, darauf entfallen auf Deutschland 593 Tonnen Hering und Dorsch und 900 Tonnen Plattfische.


Schaut man in der deutschsprachigen wissenschaftlichen Literatur nach den Gründen für den schlechten Zustand der Fischbestände der Ostsee, dann werden genannt die Überfischung, die Überdüngung und der damit sinkende Sauerstoffgehalt und die Mikroplastik. In nicht einem einzigen Artikel wird die Zunahme an Kegelrobben und die ebenfalls erwiesene Zunahme an Kormoranen thematisiert. Dabei macht ein einfacher Blick auf die Zahlen sofort klar: Allein die Kegelrobben der Ostsee vernichten rund 90 Tausend Tonnen Fisch pro Jahr. Die Kegelrobben vor der Greifswalder Oie und im Greifswalder Bodden fressen in 3 Monaten mehr Hering wie alle noch verbliebenen deutschen Ostseefischer in einem Jahr fangen dürfen!

Reste einer Kegelrobben-Mahlzeit in einem Fischernetz © SG Lunneryd
Reste einer Kegelrobben-Mahlzeit in einem Fischernetz

Und schlimmer noch: 90 Tausend Tonnen Fisch sind nur eine numerische Rechengröße, die nicht berücksichtigt, dass die Kegelrobben durchaus verschwenderisch mit ihrer Nahrung umgehen, und auch mal nur die schmackhaftesten Teile eines Fisches fressen und die Reste des Kadavers den Möwen überlassen. Oder eben den Fischern, wenn sie in den Netzen der Fischer ihr Festmahl gehalten haben. Wie so häufig in der Natur sehen wir auch hier, dass der gut gemeinte übermäßige Schutz einer Art direkt zur Vernichtung anderer Arten führt. An dem geringen Fischbestand haben all jene eine Mitschuld, die unter dem Etikett „Naturschutz“ eine unkontrollierte Vermehrung des größten Prädators der Ostsee zulassen.

Der Weltbestand der Kegelrobben wird von der Weltnaturschutzunion IUCN in ihrer Roten Liste mit „nicht gefährdet“ angegeben, demgegenüber führt Deutschland diese Robbenart in ihrer nationalen Roten Liste immer noch als „sehr gefährdet“ und ignoriert dabei alle durch die Wissenschaft definierten Schwellwerte, ab wann eine Art als „gefährdet“ oder sogar „vom Aussterben bedroht“ einzustufen ist. Dänemark, Estland, Finnland und Schweden erlauben seit 2011 wieder die kontrollierte Jagd auf Kegelrobben. In Schweden dürfen zum Beispiel in diesem Jahr 1500 Kegelrobben geschossen werden. Im Rahmen von Prädator-Kontroll-Programmen wird auch die Anzahl der Kormorane gezielt dezimiert.

In einem Bericht des dänischen Fischereiverbandes heißt es: Die Robben „fressen den Fang und infizieren den Dorsch mit Leberwürmern und Parasiten. Auch wenn sie niedlich und liebenswert aussehen, ist es wichtig, dass das Raubtier reguliert wird.“. Und er fordert weiter, die Zahl der Kegelrobben auf ihren Schwellwert von 10.000 zu begrenzen (5).

In den nordischen Ländern wurden in den letzten Jahren zahlreiche Studien veröffentlicht, die detailliert die von Robben verursachten Schäden belegen. Robben dezimieren nicht nur den Bestand an Dorsch und Hering an sich, sie orten auch die Netze der Fischer und räubern direkt die Fänge, wobei sie dann auch noch beträchtliche Schäden an den Fanggeräten verursachen. Die nordischen Länder sind inzwischen von unverbindlichen „Managementplänen“ in den Aktionsmodus übergegangen; sie schnürten für ihre schwer betroffenen Küstenfischer ein ganzes Maßnahmenpaket. Das reicht von finanziellen Entschädigungen, der Bereitstellung neuester Fischerei-Technologie wie neuartigen Netzen oder Ponton-Fallen bis hin zu neuen Methoden, Robben zu vergrämen. Es geht für sie um nicht mehr und nicht weniger als ihr „kulturelles Erbe und den Erhalt regionaler Arbeitsplätze“ und sie führen zurecht aus: Dort, wo es noch Fischer gibt, sind die Schäden durch die Robben gut dokumentiert und können beziffert werden. Wenn aber alle Fischer in einer Region ihren Beruf schon aufgegeben haben, dann sind die gesellschaftlichen Gesamtkosten um ein Vielfaches höher, durch den Verlust an Arbeitsplätzen, an Lebensqualität, an Kultur, an touristischem Wert (6).

Die verheerenden Folgen für die Fischer werden auch in Deutschland beklagt. Während es Anfang der 90er Jahre noch mehr als 1300 Berufsfischer an Deutschlands Ostseeküste gab, sank die Zahl bis 2022 auf 400. Im Oktober 2021 hat sich der Landesverband der Kutter- und Küstenfischer in Mecklenburg-Vorpommern aufgelöst, da er nicht mehr genügend Mitglieder hat, zuletzt waren es noch 100.

Wissenschaftler der beiden führenden Institute, des Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel und des Thünen-Instituts für Ostseefischerei in Rostock betonen unisono den bekannten Fakt, dass die Ostsee überfischt sei, und fordern -natürlich auf Grund von Modellrechnungen – dass jegliche Fischerei von Dorsch und Hering für mehrere Jahre komplett einzustellen ist (7). Dabei ist durchaus umstritten, warum gerade die Fischarten Dorsch und Hering so unter Druck stehen und es herrscht auch Uneinigkeit darüber, wie stark die Bestände wirklich bedroht sind. Angesichts dessen ist es um so unverständlicher, dass gerade die wenigen noch verbliebenen Küstenfischer die Hauptlast der Reduzierung der Fangquoten tragen müssen. Sie haben am wenigsten Schuld an den Problemen und sie haben an der deutschen Ostseeküste kaum eine Chance zu überleben.



Der letzte Fischer von Ahlbeck Uwe Krüger Uwes Fischerhütte in Ahlbeck

„An der ganzen Außenküste von Usedom gibt es noch fünf Fischer, die Heringe fangen dürfen“, so erzählt mit Empörung in der Stimme Uwe Krüger. Er ist der letzte Fischer in Ahlbeck, der noch hauptamtlich seinem Fischerberuf nachgeht. Und wenn er sich nicht mit seinen Fischerhütten, in denen man hervorragend zubereiteten frischen Fisch verspeisen kann, ein zweites Standbein geschaffen hätte, dann müsste auch er seinen Beruf aufgeben. Bis in das Jahr 1820 reicht die Tradition die Fischer-Familie Krüger zurück. Früher hat er mehr als 100 Tonnen Fisch im Jahr gefangen, seine Quote liegt heute bei 3 Tonnen Hering und 200 Kilogramm Dorsch. Jeder Freizeitangler darf mehr fangen.

Und wie sieht die Hilfe der Politik aus? Man empfiehlt den Fischern, ihren Job aufzugeben, ja man zahlt sogar Stilllegungsprämien für jeden Kutter. Das ist so, als wenn man den Schäfern empfehlen würde, ihre Schafe zu schlachten und den Beruf aufzugeben, dann hätten sie vor den Wölfen Ruhe. Aber vielleicht ist das ja sogar so gewollt. Stilllegungsprämien für Äcker gibt es ja auch – trotz 3 Milliarden Menschen, die an Unterernährung und Hunger leiden. Mit Sinn und Verstand hat das alles nichts mehr zu tun, man kann dem nur noch mit Sarkasmus begegnen.

Was passiert eigentlich, wenn der letzte Fischer in Deutschland aufgegeben hat ? Wickelt sich dann das Thünen-Institut für Ostseefischerei selbst ab? Wäre eigentlich logisch. Zumindest die Treuhandanstalt hat das gemacht, nachdem sie das letzte Volksvermögen der ehemaligen DDR verschleudert hatte.



Quellen:

(1) Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW)


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