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  • Ronald Keusch

Menschheit, will sie denn ewig leben?

Was die Doomsday Clock im Jahr 2023 geschlagen hat






Politdiskurse in der heutigen Zeit provozieren unterschiedliche Assoziationen bei mir. Da verfolgte ich den Vortrag und die Diskussion im Korrespondenten-Cafe – einer Veranstaltungsreihe für Auslandskorrespondenten und deutsche Journalisten in Berlin – mit dem Präsidenten der Bundesakademie für Sicherheitspolitik Ekkehard Brose, der die Ukraine ganz schnell in die NATO als „Sicherheitsgarantie“ holen will. Und er fordert: „Die Diplomatie braucht einen Knüppel in der Hand“, so wie viele andere Apologeten in Regierung, Parteien und Medien auch. Statt über eine gemeinsame Sicherheit zu verhandeln, werden notwendige Sicherheitsgarantien, die von Russland seit langer Zeit ständig und unmissverständlich gefordert werden, leichtfertig in die Tonne getreten. Und da muss ich an ein historisches Zitat denken, das Friedrich dem Großen zugeschrieben wird. Anlässlich der verlorenen Schlacht gegen Österreich im Jahr 1757 soll der preußische König, immerhin selbst auf dem Schlachtfeld, gesagt haben: „Kerls, wollt ihr denn ewig leben?“

Zu damaligen Zeiten ging es um ein paar tausend Tote, die auf dem Schlachtfeld blieben. Nach der heutigen Zeitenwende, mitten in der weiteren Eskalation eines Krieges zwischen den Atommächten USA/NATO und Russland wird allen Ernstes indirekt ebenfalls die Frage an die Weltbevölkerung gestellt: Menschheit, will sie denn ewig leben?

Niemand will auf die Doomsday Clock, die Weltuntergangsuhr blicken. Die Doomsday Clock wurde 1947 von Albert Einstein und Wissenschaftlern der Universität von Chicago, die am Manhattan-Projekt der Entwicklung der ersten Atomwaffen beteiligt waren, gegründet. Bei den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki starben 136.000 Menschen. Die Weltuntergangsuhr wird jedes Jahr vom Wissenschafts- und Sicherheitsausschuss des Bulletin of the Atomic Scientists in Absprache mit dem Stiftungsrat, dem zehn Nobelpreisträger angehören, festgelegt. Seit Januar dieses Jahres steht sie auf 90 Sekunden vor Mitternacht, 90 Sekunden bis zum nuklearen Weltuntergang. In ihrem Gründungsjahr am Beginn des Kalten Krieges stand sie bei sieben Minuten vor zwölf. Noch nie war die Gefahr eines Atomkrieges so hoch wie heute, so ist es im Bulletin der Atomwissenschaftler nachzulesen (1).

Kanzler Olaf Scholz, der Geschichtsvergessene, scheint die Uhr nicht zu kennen, ganz im Gegensatz zu seinen Altvorderen in der SPD mit ihren Lebens-Überzeugungen, wie Willy Brandt, Egon Bahr und den Nestor Klaus von Dohnanyi aus Hamburg. Scholz profiliert sich als Kriegskanzler. Er ist allerdings auch vergesslich, was seine eigene jüngere Geschichte im Cum-Ex-Skandal betrifft. Andere haben die strafrechtlich relevanten Vorgänge um die Veruntreuung von 48 Millionen Euro Steuergeld nicht vergessen und können anscheinend Kanzler Scholz zusätzlich drängen, schwere Waffen für Milliarden Euro in die Ukraine zu liefern.

Während gegenwärtig eine Apokalypse-Stimmung zum Thema Klima und Hitzesommer trotz historisch und wissenschaftlich erklärbarer Klimaveränderungen in der Öffentlichkeit hysterisch hochgejazzt wird, scheint die drohende Apokalypse einer nuklearen Katastrophe medial kaum Interesse zu finden. Man kann nicht einerseits trotz geringer Eintrittswahrscheinlichkeit auf die Gefahren der zivilen Nutzung der Kernenergie hinweisen und gegen alle internationalen Erfahrungen den totalen Ausstieg praktizieren und gleichzeitig die wachsenden Gefahren eines nuklearen Krieges mit dem Argument ausblenden, die Ukraine brauche westliche Waffenhilfe bis zum Sieg. Welcher Sieg? Um welchen Preis? Wie viele Opfer soll es noch geben? Wie viele sollen noch vor Krieg und Zerstörung flüchten? Wie viel Umwelt wird noch zerstört?

Die Debatte über den nuklearen Winter schlief nach dem Ende des Ost-West-Konflikts 1990 offenbar bald ein. Denn die Bedrohungslage hatte sich fundamental gewandelt, Europa schien unterwegs zum geeinten Kontinent von Wladiwostok bis Lissabon. Die Doomsday-Clock konnte auf 17 Minuten zurückgestellt werden. Wie viele hatten die Hoffnung auf ein geeintes friedliches Europa, das so greifbar nah schien. Doch da hatten die USA, die sich als einziger Sieger des Kalten Krieges sahen, etwas dagegen. Laut offiziellen Daten des „Congressional Research Service“ CRS, des Forschungsdienstes des US-Kongresses, haben die Vereinigten Staaten allein in den Jahren zwischen 1991 und 2022 mindestens 251 militärische Interventionen durchgeführt. Das entspricht durchschnittlich acht Militärinterventionen pro Jahr. Der Bericht zeigt auf, dass die Zahl der militärischen Interventionen Washingtons im Ausland seit dem Ende des Kalten Krieges im Jahr 1991, dem Zeitpunkt des Beginns der unipolaren Hegemonie der USA, erheblich gestiegen ist. Von den insgesamt 469 dokumentierten militärischen Interventionen im Ausland stellte der Forschungsdienst des US-Kongresses fest, dass die US-Regierung insgesamt nur elfmal formell den Krieg erklärt hat (2). Und dieses Mal richtet sich die militärische Auseinandersetzung erstmals offen gegen Russland, ein Land, das über Atomwaffen verfügt.

Warum wird heute die Drohung eines Nuklearkrieges in Politik und Öffentlichkeit nicht erkannt und berücksichtig? Vielleicht auch deshalb, weil die Auswirkungen zu wenig oder gar nicht bekannt sind oder verharmlost werden. Eine Kollegin stellte nach Abschluss der Veranstaltung des Korrespondenten-Cafés zur Sicherheitspolitik sich und den umstehenden Journalisten die Frage: Besitzen manche Politiker, die immer öfter das Risiko eines Krieges mit nuklearen Waffen klein reden oder sogar ignorieren, tatsächlich das Wissen darüber, was ein Atomkrieg und ein nuklearer Winter für die Welt bedeuten?

Deshalb mein Vorschlag auf dem Weg zur Vernunft: Organisiert Fortbildungsseminare für alle kalten Krieger, von Norbert Röttgen, Anton Hofreiter, Agnes Strack-Zimmermann bis Bodo Ramelow sowie all ihre Adepten in den Massenmedien! Teilnahme ist Pflicht, Entschuldigungen werden nicht akzeptiert.

Das große Thema des ersten Seminars ist:

Welche Auswirkungen hat ein mit nuklearen Waffen geführter dritter Weltkrieg?

Hier sollten im Mittelpunkt die Ergebnisse einer Studie von den Forschern der Louisiana State University in Baton Rouge stehen. Sie untersuchten sehr anschaulich in mehreren Computersimulationen die globalen Auswirkungen kleinerer regionaler und größerer Atomkriege (3) .

Nach Angaben des Stockholmer Friedensforschungsinstituts kontrollieren derzeit neun Nationen mehr als 13.000 Atomwaffen auf der Welt. In allen von den Forschern simulierten Szenarien würden nukleare Feuerstürme Ruß und Rauch in die obere Atmosphäre freisetzen, die die Sonne blockieren und damit zu Ernteausfällen auf der ganzen Welt führen. Im ersten Monat nach der nuklearen Detonation würden die globalen Durchschnittstemperaturen um etwa 10 Grad Celsius sinken, eine größere Temperaturveränderung als in der letzten Eiszeit. Dieser „Klimawandel“ würde somit an Stärke und Geschwindigkeit alles übertreffen, was die menschliche Zivilisation während ihrer bisherigen Geschichte erlebt hat. „Es spielt dabei keine Rolle, wer wen bombardiert. Das können Indien und Pakistan oder die Nato-Länder und Russland sein. Sobald der Rauch in die obere Atmosphäre gelangt, breitet er sich über den ganzen Globus aus und betrifft damit alle“, sagt Cheryl Harrison, führende Autorin der Studie der Louisiana State University.


Änderung der bodennahen Lufttemperatur im Nord-Sommer (Juni bis August) ein Jahr nach einem globalen Atomkrieg, Quelle: Alan Robock, Climatic Consequences of Nuclear Conflict (2020)
Änderung der bodennahen Lufttemperatur im Nord-Sommer (Juni bis August) ein Jahr nach einem globalen Atomkrieg, Quelle: Alan Robock, Climatic Consequences of Nuclear Conflict (2020)

Schon 2006 hat der Klimatologe Alan Robock von der Rutgers University in New Jersey die Folgen eines begrenzten Konflikts zwischen zwei „kleinen“ Atommächten untersucht, am Beispiel der Auseinandersetzung zwischen Indien und Pakistan um die Kaschmir-Region. Beim Einsatz von „nur“ 50 Bomben mit der Sprengkraft einer Hiroshima-Bombe – das wäre nur 0,3 Promille der Sprengkraft des heute auf der Welt vorhandenen atomaren Arsenals - würden fünf Millionen Tonnen Rußpartikel in die Atmosphäre gelangen und das Sonnenlicht absorbieren. Das hätte eine globale Temperatur-Reduzierung von 1,25 Grad zur Folge, wovon aber insbesondere die fruchtbaren Landgebiete Nordamerikas und Asiens betroffen wären. Die US-Weizenproduktion würde auf Jahre um bis zu 20 Prozent zurückgehen, die Reisproduktion in China würde um bis zu 25 Prozent einbrechen, bei Winterweizen sogar bis 40 Prozent. Weltweit würde die Nahrungsmittelproduktion in den ersten 10 Jahren um 20 bis 40 Prozent sinken. Eine weitere Studie speziell zu den Auswirkungen auf die Ozonschicht zeigt: Bei einem globalen Atomkrieg würde bis zu 75 Prozent der schützenden Ozonschicht zerstört, und die Erholung würde bis zu 15 Jahre dauern. Nach dem Ende der nuklearen Eiszeit würde weiterhin noch die lebensschädigende UV-Strahlung die Erdoberfläche treffen (4). Viele andere Auswirkungen eines Nuklearkrieges sind dabei noch gar nicht berücksichtigt, wie die Folgen von flächendeckenden Blackouts (man lese dazu das Buch „Blackout“ von Marc Elsberg, https://www.keusch-reisezeiten.de/post/2021-11-buch-blackout), gar nicht zu reden über die verheerende CO2-Bilanz. Nur das Thema globale Erwärmung hätte sich dann ein für alle Mal erledigt. Warum eigentlich kleben sich unsere Klimakleber nicht an die Leopard-Panzer oder an die Waffentransporte, die nach Osten rollen?


Als ein weiteres Thema der Seminare bietet sich an:

Wie sicher sind die Atombunker für alle, die darin einen festen Platz reserviert haben, wenn es zum Atomkrieg kommt?

Außerdem ein Sonder-Seminar für all jene, die glauben, dass sie einem weltweiten Nuklearkrieg noch schnell mit reservierten Atlantikflügen zu ihren Häusern an den Stränden von Kalifornien oder in die Pampa von Uruguay entkommen können. Emotionale Argumente könnten auch die Film-Dokumentationen über die Opfer der Atombomben-Kriegsverbrechen in Japan liefern.

Das Gesetz über den US-Verteidigungshaushalt 2021 enthält den Auftrag, eine Studie über den nuklearen Winter zu verfassen. Das Thema ist nach 30 Jahren wieder auf der Agenda, so berichtet Hans-Georg Ehrhart vom Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik. Die Menschheit konnte zwar beweisen, dass sie ihren Fuß auf den Mond setzen kann - auch wenn das bis heute einige Skeptiker bezweifeln. Aber niemand wird bezweifeln, dass es unmöglich ist, die Milliarden Erden-Menschen bei Unbewohnbarkeit der Erde auf den Mond oder zu anderen Planeten und Sonnensystemen umzusiedeln. Wir haben nur den einen Planeten.



Quellen:

(1) https://thebulletin.org/doomsday-clock/Doomsday Uhr


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