Die Faszination der Tempel

Besuch in Angkor, dem Zentrum des historischen Khmer-Königreiches und dem Heiligtum von Kambodscha

November/ Dezember 2010

Der Zentraltempel Bayon von Angkor Thom mit seinen Gesichtertürmen  

Der Zentraltempel Bayon von Angkor Thom mit seinen Gesichtertürmen  

Reisen auf Flüssen liegt seit Jahren im Trend. Dazu gehört auch der Mekong mit seinen 4.500 Kilometern der elflängste Fluss der Erde. Zum Vergleich: der längste europäische Fluss ist die rund 1000 Kilometer kürzere Wolga. Der Mekong entspringt den Schneemassen des tibetanischen Hochlandes und fließt mit seinen riesigen Wassermassen durch China, wird zum Grenzfluss zwischen Myanmar (Birma) und Laos, zieht ebenfalls eine Grenze zwischen Thailand und Laos, erreicht Kambodscha und schließlich das riesige Delta in Südvietnam, um in das südchinesisches Meer zu münden.

Das Phänomen des Tonle-Sap-Flusses

 

Die allermeisten Schiffs-Touren beginnen und enden auf dem größten See Südostasiens, dem See Tonle Sap in Kambodscha. Hier beginnt im Juni seit Menschen gedenken ein einzigartiges Naturphänomen. Durch Monsunregen und Schmelzwasser drängt das Wasser des Mekong in den Tonle-Sap-Fluss und zwingt ihn, seine Richtung zu ändern und die Wassermassen drängen zurück in das Becken des Sees, lassen ihn auf das Sechsfache anwachsen und über die Ufer treten.

Fischer am Tonle-Sap-See

Fischer am Tonle-Sap-See

Der nach dem Monsun aufgestaute Tonle-Sap-See

Der nach dem Monsun aufgestaute Tonle-Sap-See

Unser Mekong-Schiff "Lan Diep"
Sonnenuntergang am Tonle-Sap-See

Unser Mekong-Schiff "Lan Diep"

Sonnenuntergang am Tonle-Sap-See

Erst im November, übrigens zu einer günstigen Reisezeit auf dem Schiff, wechselt der Fluss erneut die Richtung und die Wassermengen des Flusses fließen wieder ab. Dann beginnen die Fischer ihre Saison und die Kambodschaner feiern ein Wasserfest. In diesem Jahr 2010 wurde das Fest in Phnom Penh durch einen schrecklichen Unfall überschattet. Auf einer schmalen Brücke starben in einer Massenpanik 380 Menschen.

Noch Tage später schwammen in den Flussarmen nach den Trauerzeremonien Kerzen und Blumen auf dem Wasser.

Angkor Wat - Zentraler Tempel mit fünf nach Lotusblüten geformten Türmen
Angkor Wat - Zentraler Tempel mit fünf nach Lotusblüten geformten Türmen

Angkor Wat - Zentraler Tempel mit fünf nach Lotusblüten geformten Türmen

Die berühmten fünf Türme von Angkor Wat

 

Nahe dem Tonle-Sap-See und der Stadt Siem Reap liegt ein magischer Anziehungspunkt für die meisten Touristen aus aller Welt – die weltberühmte Tempelanlage Angkor. Insgesamt sind die Tempelstätten von Angkor auf der riesigen Fläche von mehr als 300 Quadratkilometern verstreut.

 

Die bekannteste von ihnen wurde 1992 in das Weltkulturerbe der UNESCO aufgenommen – Angkor Wat, unverkennbar mit ihren fünf Türmen, die die Form von Lotusblüten haben. Der Nationalstolz von Kambodscha ist nicht zufällig auf der Nationalflagge verewigt. In den letzten Jahrzehnten spiegelten sich Kriege und nachfolgende neue Herrscher im Land auch auf dem Fahnentuch wider. Doch die Abbildung von Angkor Wat auf der Flagge überstand alle diese politischen Stürme und blieb unberührt.

Touristenschlange vor dem mit 65 Metern höchsten Turm von Angkor Wat

Touristenschlange vor dem mit 65 Metern höchsten Turm von Angkor Wat

Erst mit dem umfassenden Frieden in Kambodscha im Jahr 1998 kam der Tourismus richtig in Schwung. Die Stadt Siem Reap mit 140.000 Einwohnern erscheint tagsüber ruhig und fast ländlich, da alle Gäste in den Tempelanlagen unterwegs sind. Die Stadt hat einen eigenen Flughafen und hält derzeit insgesamt einhundert Hotels für die Gäste von Angkor bereit.

 

 

Mautstelle für Khmer-Architektur

 

Jeder Weg zu den architektonischen Denkmälern der Khmer führt über eine Mautstelle. Hier wird in sehr effektiver und moderner Form abkassiert. Eine für drei Tage gültige Eintrittskarte kostet 40 Dollar, für eine Woche muss der Besucher 60 Dollar zahlen. Außerdem ist ein Passbild nötig, das vor Ort gemacht wird. Weiterhin erhält jeder eine Übersichtskarte in die Hand gedrückt, die etwas Trost spendet.

Tuk-Tuks - Effizientes Fortbewegungsmittel in der weitläufigen Tempelanlage

Tuk-Tuks - Effizientes Fortbewegungsmittel in der weitläufigen Tempelanlage

Blick vom Hauptturm von Angkor Wat

Blick vom Hauptturm von Angkor Wat

Hier stehen hunderte von Tempeln, auf die sich die Flut der mit Kameras bestückten Touristengruppen ergießen und verteilen kann. Neben den Touristenbussen tummeln sich zahlreiche Tuk-Tuks auf den Wegen, um Touristen oder auch buddhistische Mönche zu den abseits gelegenen Tempeln zu bringen.

Doch die meisten der 1,8 Millionen Gäste pro Jahr drängen sich in Angkor Wat. Über eine lange Sandsteinbrücke führt der Weg durch Tore, über einen Platz und über viele Treppen in das Innere des Tempels.

Reiche Verzierungen in Angkor Wat

Reiche Verzierungen in Angkor Wat

Der Weg wird gesäumt von unzähligen Relief-Figuren an den Wänden, Krieger, Tiere und immer wieder tausende Apsaras, die göttlichen Tänzerinnen. In Stein gemeißelte Buddhas und der Hindugott Vishnu sind überall gegenwärtig und stehen Spalier.

 

Mit ein bisschen Glück ist die Warteschlange vor dem zentralen Turm nicht zu lang. Jeder will hier auf einer sehr steilen Steintreppe auf die höchste Plattform in 65 Meter Höhe klettern. Beim Blick von dem größten Steintempel auf die Anlage steht man ehrfürchtig und stumm. Vor mehr als neunhundert Jahren wurde dieser Tempel für die Götter und Buddha errichtet, nachfolgende Könige der Khmer erweiterten ihn ständig mit neuen Tempeln. Es entstand das Land der tausend Tempel.

Apsara - halb menschliche, halb göttliche Tempeltänzerinnen

Apsara - halb menschliche, halb göttliche Tempeltänzerinnen

Ta Prohm - von Bäumen überwucherte Tempelanlage

Ta Prohm - von Bäumen überwucherte Tempelanlage

Die fotogenste Ruine steht in Ta Prohm

 

Bei der Entdeckung zahlreicher Khmer-Baudenkmäler in Indochina durch die Kolonialmacht Frankreich im 19. Jahrhundert hatte man noch nicht Fotoziele der Touristen im Auge. Doch mit der Entscheidung, den wuchernden Dschungel in den Ruinen des buddhistischen Klosters Ta Prohm nicht zu entfernen, schuf man damals ungewollt die wohl fotogenste klassische Ruine aller Zeiten. In einem Wirrwarr von Steinblöcken, höhlenartigen Bauten, Terrassen und eingestürzten Mauern wachsen riesige Banyan-Bäume mit weit verzweigtem Wurzelgeflecht. Die gigantischen Baumriesen in diesem Tempellabyrinth, in dem einmal 12.000 Menschen lebten und arbeiteten, stehen als Synonym für Vergänglichkeit.

Tempelanlage Ta Prohm

Tempelanlage Ta Prohm

Tempelanlage Ta Prohm

Tempelanlage Ta Prohm

Geheimnisvoll lächelnde Gesichter in Angkor Thom

 

Wenige Kilometer von Angkor Wat, dem Ort der Anbetung entfernt, liegt die letzte Hauptstadt des Khmer-Reiches – Angkor Thom. In ihrer Blütezeit vor 700 Jahren sollen hier eine Million Menschen gelebt haben. Vermutlich Wassermangel, Krankheiten und unfruchtbare Böden führten dazu, dass die Hauptstadt im 15. Jahrhundert nach Phnom Penh verlegt wurde.

Tempelanlage Ta Prohm

Tempelanlage Ta Prohm

Zwölf Tempel Prasat Sour Prat am Zentralplatz

Zwölf Tempel Prasat Sour Prat am Zentralplatz

Angkor Thom ist von breiten Wassergräben umgeben, die Zeugnis eines hochentwickelten Be- und Entwässerungssystems sind. Eine Vielzahl an Tempeln, Terrassen, ein großer Platz, eine Siegesallee und unzählige überdimensionale Steinfiguren, die Götter und Dämone darstellen, sind noch erhalten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Zentrum der verlassenen Stadt steht der Staatstempel Bayon mit Dutzenden von Türmen, die mit meterhohen in Stein gehauenen Gesichtern verziert sind. Rund 200 Gesichter schauen geheimnisvoll lächelnd auf die Touristen herab.

Götter- und Dämonen-Balustrade

Götter- und Dämonen-Balustrade

Das Süd-Tor von Angkor Thom

Das Süd-Tor von Angkor Thom

Gesichtertürme im Bayon-Tempel

Gesichtertürme im Bayon-Tempel

Deutlich älteren Datums sind die Tempel Pre Rup und Prasat Kravan, beide wurden bereits im 10. Jahrhundert errichtet und sind nicht von Touristen überlaufen. Vom Pre Rup-Tempel hat man eine gute Aussicht auf die umgebenden Reisfelder und Wasserbüffel-Weiden. Der Prasat Kravan Tempel ist dem Hindu-Gott Vishnu gewidmet und der Mittelturm ist reich mit Innen-Reliefs, die den Gott Vishnu zeigen, geschmückt.

Wasserbüffel vor dem Pre-Rup-Tempel

Wasserbüffel vor dem Pre Rup Tempel

2010-12 Angkor (9a) Pre Rup P1030634.jpg

Buddhistischer Mönch besucht den Pre Rup Tempel

Minenopfer spielen für Touristen

 

Wen in Angkor die Tempelmüdigkeit erfasst, sollte zumindest noch Banteay Srei besuchen, auch als die Zitadelle der Frauen bezeichnet. Die vergleichsweise kleine Tempelanlage aus Sandstein liegt 30 Kilometer nördlich von Siem Reap. Dieses Heiligtum ist der Hindu-Gottheit Shiva geweiht und zeichnet sich durch wundervolle Steinmetzarbeiten mit bezaubernden Ornamenten aus.

Viele der besten Original-Skulpturen wurden in der Kolonialzeit von den Franzosen abgeräumt und sind heute im Pariser Museum für asiatische Kunst zu sehen.

Reliefs vom Gott Vishnu im Prasat Kravan Tempel

Reliefs vom Gott Vishnu im Prasat Kravan Tempel

Erreicht der Besucher den Ausgang der Anlage, hört er kambodschanische Volksmusik. Eine Gruppe von neun Musikern sitzt an einem Baum und spielt mit traditionellen Instrumenten wie Handtrommeln, einem Xylophon, Bambusflöten und der Khaen, einer Art Mundharmonika, quirlige Musikkaskaden. Tritt der Besucher näher heran, schaut er in traurige Gesichter. Einigen Männern fehlt ein Fuß, ein Musiker hat keine Arme mehr und einer hat sein Augenlicht verloren. Sie sind Minenopfer und bitten um eine kleine Spende. Sie bringen schlagartig Bürgerkrieg und Terror der letzten Jahrzehnte ins Bewusstsein der Touristen.  

Banteay Srei - Zitadelle der Frauen mit wundervollen Steinmetz-Arbeiten
Minenopfer aus Kambodscha musizieren für die Touristen

Banteay Srei - Zitadelle der Frauen mit wundervollen Steinmetz-Arbeiten

Minenopfer aus Kambodscha musizieren für die Touristen