• Ronald Keusch

In den Arm genommen

Die Neue Bühne Senftenberg inszeniert einen Publikumsrenner




Die Neue Bühne Senftenberg Foto: Steffen Rasche
Die Neue Bühne Senftenberg


Die Veranstaltung am Sonnabend, den 9. Oktober, war restlos ausverkauft wie alle bisherigen. Für alle noch stattfindenden Aufführungen bis zum 31. Oktober sind die knapp 300 Plätze ebenfalls ausverkauft. Die Neue Bühne Senftenberg hat mit dem 7. GlückAufFest unter dem Titel „Dostoprimetschaltelnosti –Sehenswürdigkeiten“ wieder einen absoluten Publikumsrenner im Programm. Trotzdem trifft man vor dem Theater nicht auf Kartensuchende. Es ist zwecklos, denn das Theater führt Wartelisten, die lang sind und wenig Hoffnung für die Wartenden versprechen. „Ein schönes Problem für ein Theater und Kummer auf hohem Niveau“ so lautet das Resümee von Intendant Sewan Latschinian, einen der Väter des Erfolgs. Wo liegen der Gründe für so einen hohen Zuspruch?



Familienfeier im Theater


Die Besucher stehen an diesem Sonnabend im Oktober in kleinen Gruppen mit einem Glas Sekt in der Hand auf dem Platz vor dem Theater. Hier ist ein russisches Dorf aufgebaut mit Zwiebeltürmchen und Holzhüttchen. Es ist kurz vor 17 Uhr und schon etwas herbstkühl, doch die Stimmung ist neugierig, erwartungsfroh und entspannt. Der Intendant der Neuen Bühne Senftenberg begrüßt alle und hebt das Glas. Man könnte meinen, eine Familienfeier findet statt. Doch hier wird Theater gefeiert. Den Besucher erwarten sieben Stunden Theater der russischen Dramatik. Am Beginn steht Tschechows Stück „Drei Schwestern“ im großen Saal, danach laufen zeitgleich vier kleinere Stücke und beim abschließenden Liederabend wieder im großen Saal wird im Rhythmus geklatscht, getrampelt und mitgesungen.



GlückAufFest eine anerkannte Marke


Für Ester Undisz, Regisseurin und Dramaturgin am Senftenberger Theater, ist das enorme Interesse des Publikums nicht so überraschend. Denn als im April dieses Jahres die Inhalte des 7. GlückAufFest veröffentlicht wurden, überwog beim Publikum wie auch bei Fachkollegen große Zustimmung. Vor allem das Vorhaben, russische Dramatik zu spielen und dabei die Ideologie draußen zu lassen und auch nicht die Stücke unter der Maßgabe sozialistischer Persönlichkeit zu betrachten, was teilweise zu DDR-Zeiten schwierig war, habe emotional Türen geöffnet „Das GlückAufFest ist inzwischen eine Marke dieses Theaters geworden, mit der das Publikum überwiegend Qualität verbindet“, so Undisz. „Das Publikum vertraut dem Theater, dass wir uns etwas einfallen lassen, das sich lohnt, es anzusehen.“ Das habe sich auch im vorigen Jahr gezeigt, als das GlückAufFest dem weniger bekannten und sehr selten gespielten Dichter Christian Dietrich Grabbe gewidmet war und auch das Publikum ins Theater strömte.


Russische Spezialitäten auf dem Theatervorplatz Foto: Steffen Rasche
Russische Spezialitäten auf dem Theatervorplatz

Zwischendurch ein Gläschen Wodka


Der Abend lebt nicht nur vom Geschehen auf der Bühne, sondern auch vom Zwischendurch. In den kleinen Pausen des Tschechow-Stückes wird den Zuschauern am Platz Tee und Kwas, das traditionelle russische Erfrischungsgetränk serviert, außerdem Warenja, eine Art Beerenmarmelade mit Keks sowie ein Gläschen Wodka. Und in den zwei großen Pausen werden die Besucher in dem russischen Dorf des Vorplatzes mit schmackhaften Spezialitäten wie Pelmeni, Borschtsch, Piroggen, Soljanka und Buchweizen Blini versorgt - Wodka gibt es überall. Dieses Drumherum wird von den Besuchern gern angenommen, aber das Theater bleibt im Vordergrund, allen voran das Tschechow-Stück „Die drei Schwestern“ mit der wohl immer spannenden und aktuellen Frage nach dem Glück und danach, wie man leben soll.



Kleine Stücke weiter aufgeführt


„Leider können wir die Spielzeit des 7. GlückAufFestes nicht verlängern, das lässt die ganze Logistik des Produktionsplanes im Haus nicht zu“, bedauert Regisseurin Undisz. Das eine oder andere kleine Stücke werde separat im November und später im Spielplan auftauchen, allerdings seien auch da einige Aufführungen schon ausverkauft.

Wenig überraschend ist bei diesem Theatererfolg in Senftenberg, dass drei Viertel der Besucher aus der Region kommen. Bemerkenswert ist allerdings, dass jeder vierte Zuschauer den Weg in den Spreewald nicht scheut. Auf der Suche nach den Gründen fand ein Zuschauer aus Potsdam in einem Leserbrief an die Zeitung der Region, die Lausitzer Rundschau, eine treffende kurze Antwort. Von manchen Theater-Machern wird der Zuschauer auf den Arm genommen, hier in Senftenberg fühlt er sich in den Arm genommen. Und da kann man nur noch hinzufügen. Ganz herzlich!

https://www.theater-senftenberg.de/