• Ronald Keusch

Große Solidarität und voraussehbares Chaos

Mediengespräch zur vorübergehenden Unterbringung von Geflüchteten in Berliner Hotels



Mehr als 100.000 Flüchtlinge kamen seit Kriegsbeginn bisher aus der Ukraine nach Berlin, darunter die Mehrzahl Frauen und Kinder. Zahlreiche Hotels in der Hauptstadt helfen den ankommenden Geflüchteten bei der Unterbringung. Zu diesem Thema hat der TourismusDialog, gegründet von Gerhard Kirsch und jetzt geführt von Ewald König, Journalisten am 22. März zu einem Mediengespräch eingeladen: „Berliner Hotels – vorübergehende Unterbringung von Geflüchteten“.


Medienforum: Thomas Lengfelder, Frank Rücker,
Anja Maria-Antonia Karliczek, Dr. Stefan Elfenbein (v.l.n.r.)

Für die Moderation wurde Dr. Stefan Elfenbein gewonnen, ein erfahrener Politikwissenschaftler, der u.a. mehrere Jahre als Korrespondent der Berliner Zeitung in den USA tätig war. Der Ort für die Gesprächsrunde und seine Teilnehmer sind gut gewählt worden. Treffpunkt ist eines der Hotels der Stadt, das sich sehr aktiv und vorbildlich für Flüchtlinge einsetzt. Das traditionelle Hotel Berlin, Berlin (https://www.hotel-berlin.de/) am Lützowplatz hatte kurzfristig in einem ersten Schritt, wie der Generalmanager Frank Rücker sagte, 60 Zimmer für 120 Flüchtlinge zur Verfügung gestellt, die dann nach drei Tagen in andere Quartiere verteilt wurden. Mittlerweile sind insgesamt 360 Flüchtlinge in 150 angemieteten Zimmern untergebracht. Symbolhaft für einen gewaltigen Umbruch der Stadt Berlin mit den fünfstelligen Flüchtlingszahlen steht hier das riesige gleichnamige Hotelgebäude selbst. Es durchläuft gerade eine Grundsanierung von insgesamt 500 Zimmern mit baulichen Einschränkungen.


Weiter in der Gesprächsrunde ist Thomas Lengfelder, der Hauptgeschäftsführer Hotel- und Gaststättenverband Berlin. Er berichtet darüber, wie er und seine Mitarbeiter kurzfristig und unbürokratisch die ankommenden Geflüchteten mit Verpflegung versorgten. Aber noch viel dringender ist die Unterbringung der Menschen aus der Ukraine, zumeist Frauen und Kinder. So wichtig und beeindruckend die Hilfen der Hotels der Stadt sind, neben dem "Hotel Berlin, Berlin", das "Estrel", das "Enjoy" und andere, die sehr schnell etwa 3.000 Betten zeitweilig zur Verfügung stellten, ist folgende Frage drängend: Schon Ende März und in den kommenden Monaten sind viele Hotel gut gebucht. Müssen dann die Flüchtlinge die Hotels verlassen? Und wohin sollen sie gehen?


Jeder will etwas tun, will helfen. Aber welche Strukturen gibt es dafür? Und für Moderator Dr. Elfenbein, für seine Gesprächspartner und die anwesenden Journalisten drängt sich die Frage auf: Was haben die Regierungsstellen aus den Erfahrungen des Jahres 2015 gelernt, wo eine große Zahl von Flüchtlingen unvorbereitet ins Land und nicht zuletzt nach Berlin strömte? Wer koordiniert die Hilfsmaßnahmen?

Nach der Flüchtlingswelle vor sieben Jahren wurde in Berlin eine große Behörde geschaffen, das personell und finanziell gut ausgestattete Landesamt für Flüchtlinge mit einer Zentrale und mehreren Filialen. Seit Jahren leben schon viele tausende von Obdachlosen in der Stadt und niemand kennt die genauen Zahlen. Immer noch sind bestehende Unterkünfte für Geflüchtete ausgebucht, weil anerkannte Asylbewerber nicht ausziehen können, da sie keine Wohnung finden. Während abgelehnte Asylbewerber, die ausreisen müssen, in den Quartieren bleiben. Was passiert in diesem Amt? Wer trägt dort die Verantwortung?


Die Geflüchteten müssen auch aufgrund des Vorbuchungsstandes zeitnah die Hotels in Berlin wieder verlassen. Verträge zwischen den Hotels und dem Landesamt, so Hauptgeschäftsführer Lengfelder, können das Problem mittelfristig nicht lösen. Hier sind Ideen gefragt. Private Initiativen helfen, reichen aber nicht aus. An der Veranstaltung nimmt auch die CDU-Politikerin und frühere Ministerin im Merkel-Kabinett Anja Maria-Antonia Karliczek teil. Sie erweitert noch das Problemfeld. Nicht nur allein die Unterbringung ist ein Problem, sondern auch, inwieweit die geflüchteten Frauen und ihre Kinder mit Kita- und Schulplätzen versorgt werden können. Schnelles und unbürokratisches handeln ist erforderlich auch bei der Frage des Status der Geflüchteten. Nach drei Monaten ohne Visum ist eine Aufenthaltsgenehmigung erforderlich. Frau Karliczek brachte auch den originellen Vorschlag in die Diskussion ein, wenig genutzte Zweitwohnungen von Abgeordneten und Mitarbeitern in Ministerien zeitweilig für die schnelle Versorgung mit Wohnraum zu nutzen. Ebenfalls in der Diskussion wurden die Fragen gestellt, inwieweit Berliner ihre Wohnungen vermieten können oder wie es um die gewachsene Zahl von vorhandenen Ferienwohnungen in der Stadt bestellt ist. Da gibt es Klärungs- und Regelungsbedarf. Fragen über Fragen.


Letztlich führt allerdings kein Weg daran vorbei, so ist sich die Mediengesprächsrunde einig, dass die Stadt Berlin, oft erste Anlaufstelle für zehntausende Geflüchtete, durch eine planmäßige geordnete Aufnahme im gesamten Bundesgebiet unmittelbar entlastet werden muss. Eines von unzähligen Beispielen In Deutschland ist das Romantik Hotel Jakobsberg am Mittelrhein. Es ist aktuell wegen Umbauarbeiten noch bis 2023 geschlossen. Doch der Krieg in der Ukraine änderte die Pläne der Hotelbetreiber. Stattdessen nahm das Hotel 92 Flüchtlinge auf und bietet ihnen nun eine vorübergehende Unterkunft.


DEHOGA Geschäftsführer Lengfelder nannte Mut machende Beispiele in der Gastronomie. Da gibt es seit Jahren den „Kreuzberger Himmel“, eine kulinarische Begegnungsstätte für Einheimische und Geflüchtete. Das syrische Restaurant wird erfolgreich von Menschen mit Fluchthintergrund betrieben.

Lengfelder machte aber eindrücklich auf die Auswirkungen dieser Flüchtlingskrise für die Berliner Hotelbranche aufmerksam. Die Medienseite Tageskarte bestätigt die Befürchtungen. Die US-Amerikaner wollen zwar in diesem Jahr wieder kräftig reisen. Buchungsseiten wie Vrbo, Hopper und Kayak verzeichnen nach der Pandemiezeit wieder eine höhere Nachfrage. Laut Hopper sind jedoch die US-Buchungen nach Europa seit dem 12. Februar von 21 Prozent auf 15 Prozent gesunken. Statt nach Europa reisen die Urlauber lieber nach Mexiko, Mittelamerika und in die Karibik. Auch das Ausbleiben russischer Gäste wird viele Nobelherbergen in Deutschland treffen. Insgesamt gesehen, betrug der Anteil von russischen Gästen allerdings nur 0,9 Prozent der gut 31,0 Millionen Gästeübernachtungen aus dem Ausland in Deutschland. Besonders gerne reisten Russen nach Bayern und Berlin.

Ein Resümee dieser außergewöhnlichen Veranstaltung von Moderator Dr. Elfenbein besteht darin, dass viele dringende Fragen gestellt und demgegenüber nur wenige Antworten gefunden wurden. Jetzt ist es notwendig, von den verantwortlichen amtlichen Stellen in kürzester Zeit diese Antworten öffentlich einzufordern.

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