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  • Ronald Keusch

Schrei der Natur

Gemälde-Ausstellung Edvard Munch im Museum Barberini in Potsdam





 Ausstellung Munch.Lebenslandschaft im Museum Barberini in Potsdam


Das Potsdamer Museum Barberini hat im Wettstreit mit den Berliner Museen um die attraktivste und schönste Ausstellung des Jahres 2024 zumindest vom Zeitpunkt her die Nase vorn. Während die Berliner Kunstszene die Ausstellung von Caspar David Friedrich anlässlich seines 250. Geburtstages im April dieses Jahrs erwartet, sind die Ausstellungsmacher vom Barberini schon Mitte November vorigen Jahres mit einem glanzvollen Höhepunkt gestartet.

Edvard Munch; Selbstbildnis vor der Hauswand in Ekely, 1926
Öl auf Leinwand, 92 × 73 cm; Munchmuseet, Oslo
Edvard Munch; Selbstbildnis vor der Hauswand in Ekely

Sie holten einen der großen Meister der Malerei ins Barberini nach Potsdam: den Zauberer des Nordens, den norwegischen Maler Edvard Munch. In Berlin wird Caspar David Friedrich unter dem Titel „Unendliche Landschaften“ ausgestellt, in Potsdam lautet der Titel: „Munch. Lebenslandschaft“. Auch wenn beide Ausstellungen den Themen Landschaft und Natur gewidmet sind, vom Malstil her können die beiden großen Künstler nicht unterschiedlicher sein: Caspar David Friedrich, einer der bedeutendsten Maler der deutschen Romantik und Edvard Munch, der für eine radikale Modernität der Malerei steht. Seine Werke gelten als bahnbrechend für die expressionistische Malerei.


 

Munchs Faszination für die Natur

Die Ausstellung im Museum Barberini entstand in Kooperation mit dem Clark Art Institut aus den USA und dem norwegischen Kunstmuseum MUNCH in Oslo. Insgesamt stammen die 116 ausgestellten Werke von 21 Leihgebern. Es ist dies die erste Ausstellung, die Edvard Munchs Faszination für die Natur in den Fokus rückt. Gezeigt werden von dem norwegischen Künstler neben einigen seiner berühmtesten Motive auch unbekannte Werke sowie die Vorarbeiten für sein monumentales Werk der Aula-Bilder, die er für die Osloer Universität schuf.


Ausstellungsansicht Munch.Lebenslandschaft, Die Bilder der Mini-Aula © David von Becker
Ausstellungsansicht Munch.Lebenslandschaft, Die Bilder der Mini-Aula

Munch arbeitete mehr als sieben Jahre an den großformatigen Wandbildern, die zunächst ob ihrer stilistischen wie thematischen Radikalität in Oslo hoch umstritten waren. Er sandte kleinere Versionen der Bilder, auch „Mini-Aula“ genannt, zur Herbstausstellung der Berliner Secession im November 1913 ein und sie wurden von Kritik und Presse überschwänglich gelobt. Auf Grund dieses Erfolges gab die Osloer Universität ihre vorherige Zurückhaltung in der Auftragserteilung auf und Munch konnte den elfteiligen Gemäldezyklus fertigstellen. Im September 1916 wurde er in Oslo eingeweiht. Nach 110 Jahren ist die Mini-Aula erstmals wieder in Deutschland zu sehen.

 

Ortrud Westheider, Direktorin des Museums Barberini

Landschaft und Seelenleben miteinander verbunden

„Obwohl Edvard Munch fast die Hälfte seiner Arbeiten Naturmotiven widmete, wird er bislang nicht als Landschaftsmaler wahrgenommen. Mit Munch. Lebenslandschaft wollen wir diese Perspektive auf sein Werk öffnen,“ so Ortrud Westheider, Direktorin des Museums Barberini. „Gerade mit den impressionistischen Landschaftsdarstellungen der Sammlung Hasso Plattner des Museums Barberini vor Augen ist es faszinierend zu sehen, wie der Norweger Munch als Zeitgenosse der Impressionisten Landschaft und Seelenleben miteinander verband und wie sich parallel in Europa so unterschiedliche Perspektiven auf die Natur entwickelten.“ Hatten die Impressionisten das Ziel, so Westheider weiter, die Natur mit Licht und Farbe sinnlich erfahrbar zu machen, war die Natur für Munch immer auch Spiegel seiner eigenen inneren Zerrissenheit, was seinen Landschaftsdarstellungen eine gesteigerte Dramatik verleiht.

Als einen besonderen Glücksfall bezeichnete Direktorin Westheider, dass die Berlinische Galerie in Berlin Kreuzberg ihre Ausstellung „Edvard Munch. Zauber des Nordens“ mit acht Wochen Überschneidung zu der Potsdamer Munch-Schau bis zum 22. Januar 2024 zeigt. So hatte das Publikum die Möglichkeit, in Potsdam und Berlin die Dimensionen des Schaffens eines der bedeutendsten Künstler der Moderne in all seinen Facetten zu erleben.


Links: Edvard Munch; Der gelbe Baumstamm, 1912; Öl auf Leinwand, 129,5 × 159,5 cm; Munchmuseet, Oslo
Rechts: Edvard Munch; Sommernacht am Strand, 1902/03; Öl auf Leinwand, 103 × 120 cm; Privatsammlung

Die Landschaft bei Munch als Mitakteur

Für die Potsdamer Ausstellung wurde als Gastkuratorin Jill Lloyd gewonnen, die das Werk von Munch in acht Ausstellungskapiteln zeigt. Die einzelnen Ausstellungs-Kapitel verdeutlichen in unterschiedlichen Naturräumen, wie die Landschaft „zum Mitakteur“ in Munchs Darstellungen wird. Dies wird besonders in den Kapiteln „Im Wald“, „Garten und Feld“ und „Zwischen Land und Meer“ deutlich. Munch stellte die Ulmen- und Kiefernwälder seiner Heimat sowie kultivierte Gärten und Felder im Wechsel der Jahreszeiten dar. Daneben waren für ihn Küste und Strände ein zentrales Motiv und er setzte die Uferlandschaften seiner langjährigen Wohn- und Schaffensorte Åsgårdstrand, Warnemünde, Hvitsten und Ekely immer wieder ins Bild. Die Küstenlandschaften fungieren dabei häufig als Kulisse für menschliche Gefühle, für Melancholie, Trennung, Anziehung und Einsamkeit.

 

Ausstellungsansicht Munch.Lebenslandschaft,
Lithographie „Der Schrei“
© David von Becker
Ausstellungsansicht Munch.Lebenslandschaft, Lithographie "Der Schrei"

Munchs Werk mit ungebrochener Aktualität

Das Thema der Beziehung zwischen Menschen und Natur, also ganz existenzielle Fragen, greift das Kapitel „Schrei der Natur“ auf. Hier hat in der Potsdamer Ausstellung auch das wohl unbestritten berühmteste Werk von Edvard Munch seinen Platz gefunden: „Der Schrei“ - in der Ausstellung wird eine Lithographie aus dem Jahr 1895 gezeigt. Munch wurde zu dem Motiv einer Gestalt, die sich die Ohren zuhält, um sich gegen einen Schrei abzuschotten, durch einen Sonnenuntergang am Oslo Fjord inspiriert. Ein blutrot flammender Himmel vor dem tiefdunklen Wasser hinterließ in dem Künstler, der sich mit der Natur auch emotional verbunden fühlte, einen bleibenden Eindruck. Den drückte er in seinem Tagebuch so aus: „Ich fühlte, wie ein gewaltiger endloser Schrei durch die Natur ging.“ Munch zeigt in diesem wie auch in anderen Bildern eine Natur in Aufruhr und drückt damit auch die Angst vor Schnee, Sturm und extremen Wetterereignissen aus. Auch im frühen 20. Jahrhundert existierten Klimaängste, allerdings verbunden mit der Furcht vor dem Nahen einer neuen Eiszeit. Für die Klimaaktivisten von heute und die von ihnen verbreitete Ökoreligion muss das wie ein Sakrileg anmuten.


Links: Edvard Munch; Gewitterlandschaft, 1902/03; Öl auf Leinwand, 74 × 95 cm; Privatsammlung
Rechts: Edvard Munch; Sternennacht, 1922–24; Öl auf Leinwand, 140 × 119 cm; Munchmuseet, Oslo

Ein Pendant zu der angsterfüllten Atmosphäre des Schreis ist das Motiv der Sonne als Urkraft und Existenzgrundlage für alles Leben auf der Erde. Munch hat die Sonne immer wieder gemalt. In seinem Zyklus, den er für die Aula der Universität Oslo schuf, steht sie auch für das Licht der Erkenntnis.

Das große Interesse an Munchs Malerei und seinen Ausstellungen zeigt, dass besonders mit seinen Landschaftsdarstellungen seinem Werk eine ungebrochene Aktualität innewohnt.

 

Edvard Munch; Die Sonne, 1910–1913; Öl auf Leinwand, 163,5 × 202,5 cm; Munchmuseet, Oslo
Edvard Munch: Die Sonne


God Appetitt in Munchs Hus in Berlin Kreuzberg

Wer die Ausstellung im Barberini-Museum verpasst hat oder noch einmal erleben will, kann das mit einer Reise nach Oslo nachholen. Dort ist Edvard Munch mit seinen Landschaften in einer Sonderausstellung im Museum MUNCH ab dem 27. April zu sehen. Das MUNCH verwaltet nicht nur den Nachlass des Künstlers, den Edvard Munch im Jahre 1940 der Stadt Oslo vermachte, es besitzt auch die berühmtesten seiner Werke, wie „Der Schrei“ (1910), „Die Sonne“ (1910/11) oder „Madonna“ (1894).

Den richtigen Appetit auf mehr Kunst können Berliner und Berlin-Touristen im ersten und einzigen norwegischen Restaurant in Deutschland „Munch‘s Hus“ im Bülowbogen in Berlin-Kreuzberg bekommen. Dort hängen selbstverständlich auch Reproduktionen der Gemälde von Edvard Munch an den Wänden, unter anderem auch „Der Schrei“ und die „Madonna“. Dann „God Appetitt“ wie die Norweger sagen, vielleicht mit der skandinavischen Spezialität Elchbraten oder einer Skagerrak-Fischplatte.

 


 

Die Sonderausstellung „Munch. Lebenslandschaft“ wird im Museum Barberini in Potsdam noch bis zum 1. April 2024 gezeigt.


Öffnungszeiten: Mo: 10–19 Uhr, Mi–So: 9–19 Uhr, Dienstags geschlossen

Adresse: Museum Barberini, Alter Markt, 14467 Potsdam


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