Mit Frechheit und Charme
- Ronald Keusch
- vor 2 Tagen
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 21 Stunden
Premiere „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ im Schlosspark Theater Berlin
Theaterplakat „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" mit Adrian Djokic und Alexa Maria Surholt © DERDEHMEL/Urbschat

Berlin kann sich wieder auf ein Theatererlebnis freuen. Im Schlosspark Theater feierte das Stück „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ nach dem Roman von Thomas Mann am 14. März seine Premiere. Dieser Roman gehört zu den absoluten Klassikern der deutschen Literatur. Das Team vom Schlosspark Theater mit seinem Intendanten Dieter Hallervorden präsentierte mit dieser Aufführung zugleich eine elegante wie moderne Hommage an Thomas Mann zu dessen 150. Geburtstag.
Dafür sorgte in erster Linie Regisseur Frank-Lorenz Engel, der mit seiner von ihm erarbeiteten neuen Bühnenfassung einen sprachlich großartigen Theaterabend geschaffen hat. Regisseur Engel gelingt es dabei hervorragend, die feine Ironie von Thomas Mann lustvoll auszukosten – siehe dazu auch unten das Gespräch mit Frank-Lorenz Engel.
Links: Vereinbarung des Rollentauschs zwischen dem Marquis de Venosta (Jakob Wenig) und Felix Krull (Adrian Djokic)
Rechts: Madame Houpflé (Alexa Maria Surholt) und Felix Krull als Liftboy (Adrian Djokic) © DERDEHMEL/Urbschat
Kurz zum Inhalt: Felix Krull stammt aus einer Familie des gehobenen Bürgertums mit Dienstmädchen. Er entdeckt schon früh seine Begabung, sich zu verstellen und in unterschiedlichste Rollen und Kostüme zu schlüpfen, was ihm schon als Schüler zu viel Freizeit verhilft. Nach dem Bankrott und Selbstmord seines Vaters, eines Sektfabrikanten, lebt die übriggebliebene Familie in bescheidenen Verhältnissen. Felix‘ Taufpate Schimmelpreester, ein schrulliger Maler, vermittelt ihn an ein Pariser Luxushotel, wo er sich vom ungelernten Liftboy bis zum Oberkellner emporarbeitet. Getreu seinem Lebensmotto „Corriger la fortune“ hilft er seinem Glück entschlossen nach. Er schwindelt sich durch Bildung und Leben, wechselt Identitäten, brilliert mit seinen rhetorischen Fähigkeiten und aufgeschnapptem Halbwissen und ist dabei immer charmant und liebenswürdig.
Musterungsszene mit Oliver Nitsche, Jakob Wenig, Adrian Djokic
und Gerhard Mohr (v.l.n.r.) © DERDEHMEL/Urbschat

Gerade in einer solchen Inszenierung beweist sich das sechsköpfige Ensemble der Schauspieler als ein Erfolgsgarant. Herausragend ist die Titelrolle des Felix Krull durch Adrian Djokić besetzt. Dem in Niederösterreich geborenen und an der Musik- und Theaterhochschule in Leipzig ausgebildeten 28-jährigen Djokić bietet dieses Stück viel Futter, um die Rolle mit Charme und Frechheit auszufüllen. Und so gelingt es ihm auch, in der berühmten Musterungsszene, die durch die frühere Verfilmung mit Horst Buchholz in der Titelrolle schon Kultstatus besitzt, gleichfalls zu brillieren.
Das Ensemble nach der Premiere: Frank-Lorenz Engel, Oliver Nitsche, Gerhard Mohr, Adrian Djokic, Alexa Maria Surholt, Marie Schröder, Jakob Wenig (v.l.n.r.) © Ronald Keusch

An seiner Seite verkörpern Alexa Maria Surholt, Marie Schröder, Gerhard Mohr, Oliver Nitsche und Jakob Wenig insgesamt 29 (!) Rollen, facettenreich und spielfreudig. Die Herausforderungen in der Bühnenfassung von Thomas Mann sind nicht zu unterschätzen. Dazu gehört nicht nur, die unterschiedlichen Figuren des gesellschaftlichen Panoramas um 1900 zu präsentieren. Ansprüche stellen sich für die Darsteller auch, die in der Bühnenfassung von Regisseur Engel ausgewählten originalen Texte von Thomas Mann zu sprechen. Es ist allerdings zugleich auch ein Anspruch an das Publikum, mit jedem der Texte gut umzugehen.
Eine wichtige Rolle in einer solchen Inszenierung spielen die Kostüme - zur Erinnerung für sechs Schauspieler in 29 Rollen - wie auch die gesamte Bühnengestaltung. Regisseur Engel hat für die vielen kreativen Lösungen die österreichische Bühnen- und Kostümbildnerin Su Sigmund an seiner Seite, mit der er schon bei vielen Projekten zusammengearbeitet hat. Mit minimalem Aufwand gelingt es Sigmund, die vielen Episoden aus dem Leben des Felix Krull eindrucksvoll in Szene zu setzen. Geradezu genial ist die Idee mit den Hintergrundbildern, mit denen die unterschiedlichen Schauplätze angedeutet werden, ob es das pompöse Zuhause des Schampus-Fabrikanten ist, die Dachterrasse eines mondänen Pariser Hotels mit Blick auf die Kathedrale Notre-Dame, oder der Lift, der Felix direkt ins Schlafzimmer von Madame Houpflé bringt. Für eine angemessene Begleitung mit Musik sorgte Valentin von Lindenau.
Ensemble-Foto: hinten v.l. Jakob Wenig, Oliver Nitsche, Gerhard Mohr; vorne v.l. Alexa Maria Surholt, Adrian Djokić, Marie Schröder © DERDEHMEL/Urbschat

Einmal mehr ist zu dieser Inszenierung das Programmheft hervorzuheben in der Redaktion von Co-Intendantin Nathalie Hallervorden und Kristina Pomplun. Auch in diesem Heft wird das Theaterensemble der Aufführung nicht nur mit Texten und Bildern optisch gut in Szene gesetzt, sondern auch wieder von den Beteiligten ein Lieblingszitat aus dem Stück präsentiert. Regisseur Frank-Lorenz Engel wählte aus: „Welche unbenennbare, süße Macht ist es, die den Glühwurm das Leuchten lehrt?“
Schlosspark Theater
Schloßstraße 48
12165 Berlin
Das Programm steht bis zum 26. April 2026 auf dem Spielplan.
"Die Zuschauer erhalten 100 Prozent Thomas Mann“Premieren-Gespräch mit Regisseur Frank-Lorenz Engel
Frank-Lorenz Engel nach der Premiere © Ronald Keusch ![]() Herr Engel, was hat Sie inspiriert, den berühmten Roman „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ von Thomas Mann auf die Bühne zu bringen? Frank-Lorenz Engel Ich liebe diesen Roman. Ich habe ihn mit 25 Jahren gelesen und war begeistert. Vor allem den Lebensentwurf von Felix Krull empfand ich so spannend: Ein junger Mann, der ohne Angst ins Leben tritt und alles meistert, ein Schlitzohr, der alles hinbekommt, dabei niemandem weh tut. Und dann hatten in dem Roman so viele schöne Figuren ihre Auftritte. Das ist alles einfach ein „gefundenes Fressen“ fürs Theater. Ich habe dann immer gewartet, wann wird der Moment sein, mit diesem Thomas Mann Roman etwas zu machen. Ich hatte schon ein paar szenische Lesungen veranstaltet, aber jetzt gibt es die Bühnenfassung - und heute haben wir die Premiere im Schlosspark Theater Berlin. Es gibt eine Reihe von Verfilmungen, beginnend mit dem Film von Kurt Hoffmann, und eine Reihe von Theaterinszenierungen. Ist das für Sie als Regisseur eher ein Vorteil oder ein Nachteil? Frank-Lorenz Engel Ich glaube, es ist schon ein Vorteil, dass viele im Publikum durch den Film den Stoff des Buches kennen. Nachteile sehe ich eher nicht, denn hier in Berlin-Steglitz gab es heute eine Uraufführung. In dieser Fassung wird das Buch von Thomas Mann zum ersten Mal auf die Bühne gebracht. Ich habe da meine Schwerpunkte gesetzt. Vor allem war mir wichtig, die Figur von Felix Krull positiv zu konnotieren, diese Figur mit dem Humor und der schönen Ironie von Thomas Mann in den Vordergrund zu stellen. Ein Vorteil Ihrer Inszenierung besteht darin, dass Sie mit Ihrer Fassung, so mein Eindruck, ganz nah am Original bleiben, im Unterschied zu einigen anderen Theaterfassungen, die eher auf eine Selbstverwirklichung der Regisseure hinausliefen. Hier im Schlosspark Theater wird Thomas Mann gespielt. Ist an diesem Eindruck etwas dran? Frank-Lorenz Engel Mehr als das, die Zuschauer erhalten in dieser Aufführung 100 Prozent Thomas Mann. Ich habe entschieden, welche Szenen ich aus dem Buch übernehme und welche nicht und wie ich die Erzähltexte verteile. Aber alle Dialoge sind Eins-zu-Eins originalgetreu übernommen, so wie sie im Roman enthalten sind. Ich habe nichts verändert, nur natürlich gekürzt. So kann das Publikum sehr schön erleben, wie trocken der Humor des Norddeutschen Thomas Mann ist. Gibt es Szenen in Ihrer Aufführung, die für Sie besonders wichtig sind? Einige ältere Besucher erinnern sich sicher an die Filmfassung mit Horst Buchholz in der Titelrolle, wie er der Musterungskommission grandios einen Epileptiker vorspielt und ausgemustert wird. Frank-Lorenz Engel Diese Musterungsszene bei Thomas Mann kennen ganz viele. Übrigens habe ich das selbst bei mir angewendet, als ich zur Musterung musste und mich als Lungenkranker ausgegeben habe. Und ich wurde als untauglich eingestuft. Bei mir hat es also auch funktioniert. Wann war das? Frank-Lorenz Engel Ich bin jetzt 64 und war damals 18 Jahre alt, da kannte ich den Roman von Thomas Mann noch gar nicht. Als ich dann später diese Musterungsszene im Roman las, war ich schon überrascht. Eine sehr schöne bemerkenswerte Szene ist auch die Beziehung von Felix zu der reichen Madame Houpflé. Eine Frau, die es genießt, von einem nackten Lift-Boy erniedrigt zu werden, der auch noch ein Dieb ist. Das ist schon lustig und eine Szene, die in der Verfilmung nicht vorkommt. Felix Krull als Hochstapler tritt nicht in Erscheinung… Frank-Lorenz Engel In die Rolle des Hochstaplers schlüpft er erst richtig im angedachten zweiten Teil seiner Memoiren, der von Thomas Mann nie geschrieben wurde. Für mich ist die Figur von Felix Krull in diesem ersten Teil eher das charmante Schlitzohr als der Hochstapler. Nach den zwei Aufführungen „Knapp daneben ist auch vorbei – die Diva der falschen Töne“ 2024 und dem Hildegard-Knef-Porträt „Für mich soll`s rote Rosen regnen“ 2022 ist der Felix Krull Ihre dritte Arbeit im Schlosspark Theater … Ich arbeite sehr gerne hier am Schlosspark Theater und möchte meinen großen Dank und großes Lob an die Theaterleitung und das ganze Ensemble aussprechen. Mit solch tollen Leuten zu arbeiten und es war nicht leicht, diese viele Szenen mit den schnellen Wechseln auf die Bühne zu bringen, das macht mich sehr glücklich.
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