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Soweit die Füße radeln

  • Ronald Keusch
  • vor 1 Tag
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 6 Stunden

Das Buch „Der lange Fahrrad-Marsch - 7.000 Kilometer durch das Reich der Mitte“ von Volker Häring und Christian Y. Schmidt




"Der lange Fahrrad-Marsch" von Volker Häring und Christian Y. Schmidt

Wer nur diesen Buchtitel liest, kann sich überhaupt nicht vorstellen, welche Fülle von spannenden und aufregenden Erlebnissen den Leser auf fast 400 Seiten erwartet und mit wie vielen interessanten und nur wenig bekannten Informationen über das riesige Land China er konfrontiert wird. Denn auf diese Mammut-Radreise per Fahrrad über rund 7.000 Kilometer durch China haben sich zwei anerkannte China-Kenner begeben: Der studierte Sinologe, Reiseschriftsteller, Reiseveranstalter und passionierte Fahrradfahrer Volker Häring, der bereits 50.000 Kilometer durch China geradelt ist, darüber mehrere Bücher und zahlreiche Reiseführer geschrieben hat. An seiner Seite Christian Y. Schmidt, ehemaliger Redakteur des Satiremagazins Titanic und Schriftsteller, der 15 Jahre in Peking gelebt hat und ebenso Autor von zahlreichen Ostasien-Büchern ist. Er ist allerdings eher Stadt-Biker und eine „komplett untrainierte Sofakartoffel“, wie er sich selbst mit Augenzwinkern betitelt (S.26).


Christian Y. Schmidt (l.) und Volker Häring mit ihren E-Bikes in Ruijin

am Beginn ihrer Langen-Marsch-Tour am 16. Oktober 2023

Christian Y. Schmidt (l.) und Volker Häring mit ihren E-Bikes in Ruijin am Beginn ihrer Langen-Marsch-Tour am 16. Oktober 2023

Ihre Abenteuer sind unter dem Titel: „Der lange Fahrrad-Marsch - 7.000 Kilometer durch das Reich der Mitte“ im Ullstein Buchverlag im Oktober 2025 erschienen. In den 19 Kapiteln wechseln sich die Autoren ab und dadurch gelingt es, jeweils ihre ganz persönlichen Eindrücke und Gefühle auf der fünfmonatigen Radtour darzustellen. Der Wechsel der Sichten hat vieles von dem Charakter eines Reisetagebuches und sorgt für durchgängiges Lesevergnügen. Zu jedem Kapitel sind neben der Zeitangabe auch die gefahrenen Kilometer und die bewältigten Höhenmeter akribisch aufgeführt. Was am 15. Oktober 2023 am Startpunkt in Ruijin harmlos mit 0 Kilometer und 0 Höhenmeter beginnt, steigert sich bei der Etappe über das tibetische Hochplateau vom 6. bis 14. April 2024 auf 720 Kilometer und 10.530 Höhenmeter.

Roter-Stern-Skulptur am Beginn des Langen Marsches in Ruijin, der ehemaligen Hauptstadt des Jiangxi-Sowjets

Roter-Stern-Skulptur am Beginn des Langen Marsches in Ruijin, der ehemaligen Hauptstadt des Jiangxi-Sowjets

Dieses Konzept des Buches beginnt bereits im Prolog. Hier schildert Christian Y. Schmidt, wie er im Jahr 2016 in Peking auf einer Party mit Volker Häring zusammentraf. Sein künftiger Partner stellte ihm sein monumentales Projekt vor und fragte, ob er mit dabei sein will, die berühmte legendäre Route des Langen Marsches der chinesischen Roten Armee in den Jahren 1934/1935 mit dem Fahrrad entlangzufahren. Der Roten Armee gelang es damals, sich aus der drohenden Einkreisung durch die Guomindang-Truppen unter Chiang Kai-shek zu befreien und in einem einjährigen verlustreichen Marsch (zu Fuß!) nach Norden zurückzuziehen, wo sie dann ihre Kräfte sammelten, um dann 14 Jahre später über Chiang Kai-shek zu triumphieren. Im Oktober 1949 verkündete Mao Zedong dann in Peking die Gründung der Volksrepublik China. Der Lange Marsch ist also eines der großen historischen Ereignisse, ohne den es das Neue China in heutiger Form wohl nicht geben würde.


Skulptur von Otto Braun (li.) und Bo Gu, den ersten

Befehlshabern des Langen Marsches, in Houchang

Skulptur von Otto Braun (li.) und Bo Gu, den ersten Befehlshabern des Langen Marsches, in Houchang

Christian Schmidt hatte sich über viele Jahre sehr intensiv mit der Biografie des deutschen Kommunisten Otto Braun beschäftigt, der bei diesem Marsch im Auftrag der Komintern mit Mao Zedong dabei war und ihn als einziger Ausländer absolviert hatte. Allerdings war Schmidt geschockt angesichts der Gesamtlänge von rund 12.500 Kilometern für eine Fahrradtour. Die Zahl von 12.500 Kilometern war zumindest die von Mao Zedong proklamierte und etwas übertriebene Distanz des Langen Marsches. Und Autor Christian Schmidt schildert dann humorvoll, wie er schließlich doch von Volker Häring überredet wurde (S.9ff.).

Nach einigen Jahren intensiver Vorbereitung wollten sie eigentlich im April 2020 starten. Dann kam COVID – und erst im März 2023 öffnete sich China wieder für Touristen. Und so musste die Tour auf den Oktober 2023 verschoben werden. Im Herbst 2023 absolvierten sie die erste zweimonatige Etappe, um dann im Frühjahr 2024 die zweite Hälfte des Langen Marsches zu bewältigen. Diese Tour sollte für Christoph Schmidt zugleich auch der Abschied von China sein, da seine Lebensplanung ihn zurück nach Deutschland führte, während der Reiseunternehmer Häring schon seine nächste China-Tour mit einer Fahrradgruppe plant.


Am Jiajinshan-Pass, dem höchsten Punkt der Tour Lange-Marsch-Trompete am Jiajinshan


Im zweiten Kapitel beschreibt Volker Häring das Schlüsselerlebnis, das ihn auf die Idee brachte, die Route des Langen Marsches mit dem Fahrrad zu bewältigen: Das war eine Zufallsbegegnung mit einem der noch lebenden Veteranen des Langen Marsches. Als er im Herbst 2004 auf der Burmastraße im äußersten Südwesten Chinas unterwegs war, traf er den 95jährigen Herrn Mu, der mit der Zweiten Armee am Langen Marsch teilgenommen hat und ihm mit Vehemenz erklärt: „Ohne den Geist und die Essenz des Langen Marsches zu erfahren, wirst du das Neue China nie verstehen!“ (S. 43)  Es folgten Jahre der Sichtung von Literatur und Landkarten: „Die Faszination für den Langen Marsch wuchs mit jedem Bild, jedem Buch, jedem Artikel.“ (S.44)


Auf der Abfahrt zum neuen Jangtse-Stausee

Auf der Abfahrt zum neuen Jangtse-Stausee

Die beiden Autoren schaffen es in ihrem Buch, diese Faszination von Land und Leuten dem Leser zu vermitteln. Da sind die Naturschönheiten Chinas, die die Radler hautnah erleben. Ihre Fahrradstrecke führt auch durch die Ausläufer des Himalayas bis hin zum tibetischen Hochplateau, sie haben mit Kälte und Schnee zu kämpfen und mit enormen Steigungen.

Übernachtung in Eiseskälte in Jurten im tibetanischen

Hochland auf dem Weg nach Zoige

Übernachtung in Eiseskälte in Jurten im tibetanischen Hochland auf dem Weg nach Zoige

So ist die Ausrüstung mit einem E-Bike unverzichtbar, zumal wenn die Luft in den Bergen dünner wird. Außerdem begleitete sie oft die Sorge, ob ihre Akkus bis zur nächsten Ladestation im nächsten Quartier ausreichen. Auf einer Hochebene übernachten sie in einer Jurte. „Es wird mit 3684 Metern nicht nur die höchstgelegene Übernachtung auf unserer Tour, sondern mit Abstand auch die kälteste“, erinnert sich Volker Häring (S.286). Nur wenig Abhilfe schaffen Daunen- und Wolldecken.

Großflächige Wandgemälde mit Motiven des Langen Marsches am Wegesrand


Der Weg der Radtour wird gesäumt von vielen Stationen mit Gedenkstätten, die den historischen Langen Marsch würdigen: Museen, Denkmäler mit Rotem Stern, Langen-Marsch-Trompeten und fahnenschwenkenden Rotarmisten, unscheinbaren Wegweisern, Gedenkplaketten und großflächigen Gemälden an Häuserfronten.

Begegnungen im Reich der Mitte


Faszinierend ist auch die Vielzahl von Begegnungen mit den Menschen an der Wegstrecke: Mit neugierigen Kindern, mit Wanderern, die sich wie sie auf den Spuren des Langen Marsches befinden, mit hilfsbereiten Fahrradmechanikern, mit Performance-Künstlern, die Lange-Marsch-Szenen mit lebenden Figuren nachstellen, mit den gastfreundlichen Dorf-Bewohnern, von denen sie unterwegs mit Mandarinen, Krabbenchips und Erdnüssen eingedeckt werden, und auch mit manchmal nervenden Bürokraten in Polizeistationen.


Links: Mit Oberst Ao Wei (mitte) an der Lange-Marsch-Konferenz-Gedenkhalle in Houchang am 23. November 2023

Rechts: Wiedersehen mit Ao Wei in Baoxing am 8. April 2024

Auf dem Weg treffen sie den 63jährigen pensionierten Oberst der Volksbefreiungsarmee Ao Wei, der sich zu Fuß auf den Langen Marsch gemacht hat und sich damit einen Lebenstraum erfüllt. Er erweist sich als Kenner der Geschichte des Langen Marsches und führt sie in Houchang, wo eine der vielen Rote-Armee-Konferenzen während des Langen Marsches stattfand, durch die dort neu errichtete Gedenkhalle. Ihn treffen sie durch ihre eigene Pause zwischen den beiden Etappen sogar ein zweites Mal, fünf Monate später in Baoxing.

Kleine selbstbewusste Chinesisch-Lehrerin in Xingyi

Kleine Chinesisch-Lehrerin in Xingyi

Als sie in der Stadt Xingyi in einem Restaurant sitzen, stürmt ein Trupp Kinder auf sie zu, angeführt von einem etwa zwölfjährigen lebhaften Mädchen mit Pferdeschwanz. Sie deckt die beiden Männer mit einem Redeschwall und Fragen ein. Als sie merkt, dass das Chinesisch von Christian Schmidt zu wünschen übriglässt, so erinnert er sich, verschwindet sie kurz und kommt mit Brille, Stift und Schulheft bewaffnet zurück. „Du hast jetzt Chinesisch-Unterricht“, gibt sie zu verstehen. „Langsam und artikuliert spricht sie mir Wörter vor, die ich zwar nicht verstehe, ihr aber nachzusprechen habe. Dabei ist sie sehr geduldig und korrigiert.“ Der Tourpartner Volker Häring lässt sich diese Situation nicht entgehen und hält sie in einem Video fest. Im Buch ist die Szene ausführlich beschrieben (S. 226/227).


Am Ende ihres strapaziösen Fahrradmarsches bleibt bei den beiden China-Enthusiasten der Respekt für den Kraftakt des Langen Marsches der Roten Armee, den Volker Häring knapp auflistet. „Knapp über ein Jahr Flucht einmal quer durch China, zweihundertsiebenundsechzig Tage marschieren, fünfundsechzig Tage Rast, fünfunddreißig Tage Kampfhandlungen, wie Mao Zedong ausgerechnet hat.“ (S. 328).

Doch auch die Bilanz der Fahrrad-Reise, die Christian Schmidt zieht, kann sich sehen lassen. „Mit unserer Ankunft in Yan‘an haben wir …sage und schreibe sechstausendsiebenhundertdreißig Kilometer hinter uns gebracht. Das ist die Entfernung von Berlin bis nach Neu-Delhi. Und keiner von uns hat Schaden genommen…“ (S. 329)


Links: Traditionelle Holzhäuser der Dong-Ethnie im Dorf Zhaoxiang

Mitte: Tibeterin am Denkmal zur Überquerung des Dadu-Flusses in Luding Rechts: Am Ziel des Langen Marsches in Yan'an - Pagode


Dann berichtet Volker Häring weiter. Als sie sich auf ihrer Schlussetappe auf den Besuch der Stadt Yan‘an mit ihren vielen revolutionären Sehenswürdigkeiten vorbereiten, nehmen sie zum ersten Mal während ihrer gesamten Tour Kontakt zu den lokalen Behörden auf. Bisher hatten sie auf ihrer Tour jede Verbindung zu den Offiziellen vermieden. Insgeheim hofften sie nach der Anfrage auf einen triumphalen Empfang, inklusive Pressekonferenz angesichts ihrer Rekordleistung auf Fahrrädern. „Daraus ist leider nichts geworden“, so der etwas enttäuschte Volker Häring (S. 332).

Am Ende des Buches findet der Leser ein ausführliches Personen- und Sachverzeichnis - ein hilfreicher Service. Da kann der Leser in knappen Strichen mehr erfahren, über den Kampf der Roten Armee gegen die Nationalistische Partei Guomindang unter Chiang Kai-shek und natürlich über den militärischen Berater der Komintern, den deutschen Kommunisten Otto Braun. 

Volker Häring (l.) und Christian Y. Schmidt im

Chinesischen Kulturzentrum am 9. April 2026

Volker Häring (l.) und Christian Y. Schmidt im Chinesischen Kulturzentrum am 9. April 2026

Am 9. April 2026 hatte das Chinesische Kulturzentrum Berlin zu einer die Reiselust weckenden Veranstaltung aus der Reihe „Eine Geschichte Chinas“ eingeladen. Im voll besetzten Veranstaltungssaal hält Volker Häring seinen Vortrag „Himalaya, Seidenstraße und der Lange Marsch - Mit dem Fahrrad durch das Reich der Mitte“. Im Fokus stand dabei vor allem seine erlebnisreiche Fahrradtour mit Christian Y. Schmidt, die von ihnen in dem Buch „Der Lange Fahrradmarsch“ beschrieben ist. Sie waren die ersten Ausländer, die diese historische Strecke auf dem Fahrrad zurückgelegt haben – und das in nur 138 Tagen. Nach dem Vortrag im Chinesischen Kulturzentrum wurde das Buch präsentiert und es gab vom Publikum großes Gedränge, ein Exemplar mit der Widmung der beiden Fahrradhelden zu ergattern.

Und falls jemand durch die Lektüre Lust bekommen hat, sich auf die Spuren des Langen Marsches zu begeben, Volker Häring plant für das Jahr 2028 eine Neuauflage dieser Fahrradtour (www.welt.bike/). Aber auch für alle anderen deutschen Touristen mit Reiselust und Neugier gibt dieses ungewöhnliche China-Buch viele Anregungen und auch die Erkenntnis – Urlaub im Reich der Mitte lässt sich auch ohne Fahrrad unternehmen.


Fotos vom langen Fahrrad-Marsch aus den Jahren 2023 und 2024: Christian Y. Schmidt

Foto aus dem Chinesischen Kulturzentrum: Ronald Keusch


 

Volker Häring, Christian Y. Schmidt

„Der lange Fahrrad-Marsch - 7.000 Kilometer durch das Reich der Mitte“

Ullstein Verlag, 368 Seiten

Erschienen im Oktober 2025

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