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Unkaputtbar und unangepasst

  • Ronald Keusch
  • vor 1 Tag
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 11 Stunden

90 Jahre Hallervorden - Gefeierte Premiere von und mit Dieter Hallervorden im Schlosspark Theater Berlin



Theaterplakat © DERDEHMEL/Urbschat

Theaterplakat Unkaputtbar - 90 Jahre Hallervorden

Der Künstler Dieter Hallervorden ist Schauspieler und Kabarettist, Sänger und Moderator, Theatergründer und Theaterintendant, kritischer Zeitgeist und mutiger Friedensaktivist und lässt sich nicht den Mund verbieten. Er hat in seinen 90 Lebensjahren so viel erlebt und erreicht, dass es für mehr als drei Leben ausreichen würde. Allein die reine biographische Auflistung seiner Lebens-Stationen mit den unzähligen Siegen und Niederlagen verspricht spannende Unterhaltung.

Wenn allerdings Dieter Hallervorden sein Leben auf die Bühne des Schlosspark-Theaters bringt, dann kann sein Publikum eine perfekte Inszenierung mit originellen Ideen, mit viel Spaß, manchem Klamauk und auch nachdenklichen Seiten erwarten. Am 13. Mai hatte „UNKAPUTTBAR – 90 JAHRE HALLERVORDEN“ im Schlosspark Theater vor ausverkauftem Haus eine glanzvolle Premiere. Mit langanhaltender Standing Ovation wurden Dieter Hallervorden und sein Theater-Ensemble gefeiert.

Natürlich galt der Beifall zuallererst der unkaputtbaren Hauptperson der Aufführung Dieter Hallervorden. Er führte locker und lässig durch die Aufführung seines Lebens, mit Witz, mit Wahrheiten wie Weisheiten und immer auch einem Augenzwinkern, was seine große Fan- und Zuschauergemeinde über Jahrzehnte so an ihm mag. Doch es gibt eine ganze Reihe von weiteren Gründen, warum dieses Bühnenstück rund um den Künstler sich so erfolgreich präsentierte und das Publikum begeisterte. Da ist als erstes zweifellos die fünfköpfige Band unter Leitung des Berliner Theatermusikers Harry Ermer zu nennen. Er hat die Melodien aus den Jahrzehnten der Hallervorden-Stationen in einen jazzigen Sound eingebettet. Neue pointierte Liedtexte zu international bekannten Ohrwürmern lieferten Joachim Kosack und Thomas Schmidt-Ott.

Der musikalische Leiter Harry Ermer stellte extra für dieses Stück mit ihm am Klavier eine Band zusammen mit Philipp Schmitt, Sebastian Vogel, Karl-Heinz Böhm und Christiane Zander, der Ehefrau von Dieter Hallervorden. Sie begleitete ihren Mann auf der Ukulele, dem Keyboard, mit Percussion und mit Gesang und gestaltete einige der Lebens-Stationen neben ihm auf der Bühne. Schließlich wurde ihr von Dieter Hallervorden mit dem Lied „Christiane“ vor dem Publikum eine große Liebenserklärung gemacht, „Christiane, mein Lebenselixier…und so soll es bleiben.“ Christiane Zander schaffte während der gesamten Aufführung neben der dominierenden Hauptfigur Dieter Hallervorden den perfekten Balanceakt, immer im richtigen Maß auf der Bühne präsent zu sein, um so die Aufführung ungemein zu bereichern. Christiane Zander, für das Publikum bekannt als langjährige erfolgreiche Stuntfrau bei Film und Fernsehen, hat sich während dieser Arbeit bereits gut auf die Schauspielerei vorbereitet und zusätzlich einige Jahre Schauspielunterricht genommen für mehrere Rollen im Schlosspark Theater - wie in Molieres „Der eingebildet Kranke“ oder in „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch.


Das Ensemble nach der Vorstellung auf der Premierenfeier

Das Ensemble nach der Vorstellung

Zu der persönlichen Bestandsaufnahme des Künstlers Hallervorden gehören auch kurze Videoaufnahmen und Videoschnipsel aus der Slapstick-Reihe „Nonstop Nonsens“ – mit der Rolle des „Didi“ errang Hallervorden in den 70er Jahren den künstlerischen Durchbruch und wurde deutschlandweit bekannt. Natürlich darf „Palim, Palim“ – sein Zauberwort aus einem Sketch und eines seiner Markenzeichen – in einem Liedtext nicht fehlen. Und auf der Videoleinwand im Hintergrund der Bühne liefert er sich atemberaubende Verfolgungsjagden, waghalsige Klettertouren, Schaufensterscheiben splittern und Autos überschlagen sich. Hallervorden war dafür bekannt, seine halsbrecherischen Stunts selbst zu absolvieren. Er schilderte, wie für ihn ein Auto-Überschlag mit einem eingedrückten Auto-Dach gerade noch glimpflich endete, allerdings mit einer blutenden Kopfwunde. Glück muss man in 90 Lebensjahren auch schon haben.

Einige Video-Szenen wurden aktuell gedreht und zum Gaudi des Publikums gezeigt. Da sitzt Hallervorden verängstigt neben seiner Frau in einem Geländewagen, mit dem sie als ausgebildete Präzisionsfahrerin über eine wilde Offroad-Piste heizt, passenderweise zur Musik von „Highway to Hell“. Auf Tourneen in vielen Hotels unterwegs, so erzählt Hallervorden aus seinem Berufsleben, stürzt er beim Frühstücks-Büfett und hat einen Teil seines Frühstücks im Gesicht verteilt. Worauf eine nette ältere Dame - ebenfalls von Hallervorden in uriger Maske und Verkleidung gespielt - ihn bittet: „Herr Hallervorden, ich schalte mein Handy mal eben auf Video, können Sie das bitte noch mal machen?“ Komik pur.


Dieter Hallervorden am Schluss seines "UNKAPUTTBAR"-Programms auf der Bühne


Ein Mensch ist Dieter Hallervorden besonders wichtig – der Vater mit seinem großen Mut und seiner Stärke und Zuversicht.  Auch davon wird im Programm in einem sehr berührenden und persönlichen Lied erzählt. Und so lautet von Dieter Hallervorden das Resümee mit Blick auf seinen Vater: „Bin heute alt, im Herz noch jung, hab mein Leben voll genossen, viel gelacht, hin und wieder übers Ziel hinausgeschossen. … Deine Kraft, die du mir schenkest, trägt mich bis zum letzten Tag.“

Dieter Hallervorden erinnert sich im Programm an seine Aufnahmeprüfung an der berühmten Max-Reinhardt-Schauspielschule vor vielen Jahren. Dort wurde er abgelehnt, „und zwar mit der niederschmetternden Beurteilung: Mangels Begabung. Heute stehe ich mit 90 Jahren vor ausverkauftem Haus in meinem geliebten Schlosspark Theater.“ Tosender Beifall im Publikum. Und Hallervorden verrät dem Publikum sein Motto: Immer mindestens einmal mehr aufstehen als hinfallen.

Dann folgt eine Würdigung der besonderen Art, typisch Hallervorden. „Du hast mich umsorgt, ich hab dich geliebt und ich hab dich gehasst, du hast mich zum Weinen gebracht und häufiger hast du mich lachend gemacht, du hast mich manchmal verzweifeln lassen und … dann über allem zu schweben. Ich dank dir dafür und ich lieb dich - dich mein Leben.“ Dem kann sich im Programm nur ein kesser Liedtext anschließen: „Mein Leben – ist kein Ponyhof, ich provoziere als Clown und als Philosoph, … mein Leben, ich schulde dir ein Dankeschön“, um dann schließlich das Fazit zu formulieren: „Ich liebe mein Leben, weil ich darin eine schöne Rolle spielen darf.“

Hallervorden lässt sich bekanntlich nicht den Mund verbieten. „Ich sage, was ich denke, und rede unzensiert,“ so formuliert er sein Lebensmotto. Er ist kein Künstler, der sich, wie leider zu viele Künstlerkollegen, zu den drängenden Menschheitsfragen opportunistisch im Zeitgeist verdrückt. Den Beweis dafür liefert Hallervorden in seinem Programm, in dem er friedenstüchtig austeilt. Er kennzeichnet unsere Zeit, „in dem Politiker von Kriegstüchtigkeit schwafeln“ und fährt fort: „Krieg bedeutet doch, Politiker haben eine Rechnung offen und die Soldaten bezahlen diese Rechnung, und zwar mit ihrem Leben.“ Und er erinnert an den Satz von Erich Kästner: „Der Frieden ist ein wahres Meisterwerk der Vernunft.“

Dieter Hallervorden und Christiane Zander nach der Vorstellung

Dieter Hallervorden und Christiane Zander nach der Vorstellung

Dann kündigt Hallervorden einen Song an, der seine Friedenssehnsucht atmet und sich direkt an Bundeskanzler Friedrich März richtet. Darin verurteilt er den benutzten Begriff der Kriegstüchtigkeit, der zur Hölle fahren soll und endet mit den Liedzeilen. „Pardon, verehrter Kanzler, mein Sohn wird niemals schießen, er bat mich Sie zu grüßen und sagt: Mich kriegt ihr nicht.“ Fortgesetzt wird die Ansprache an den SPD-Minister Boris Pistorius. „Hallo, Herr Kriegsminister, Sie haben meinen Sohn gebeten, im Krieg für Sie zu töten. Marschiern Sie eigentlich selber mit?“ und weiter: „Am Ende geht‘s um Kohle, das ist der größte Treiber, um Frieden geht’s nie, leider…“ Dieser Themenblock wird abgeschlossen mit einem eindringlichen Appell an die Politiker: „Was immer Sie tun können, beenden Sie das müssen, ein Schuss ist schon zu viel. Solange geschossen wird, kann nicht geredet werden, für Frieden hier auf Erden, die Waffen müssen ruhen.“ Und ein Nachsatz typisch Hallervorden: „Wenn ihr glaubt, dass Krieg sich lohnt, kämpft doch da, wo keiner wohnt. Kämpft gefälligst auf dem Mond“.  Für diesen engagierten mutigen Themenkomplex als Friedensappell bekam Dieter Hallervorden den stärksten und längsten Szenen-Beifall vom Premieren-Publikum. Möge er in den Ohren der Kriegstüchtigen im Land lange nachklingen.

Eine ausschlaggebende Quelle für das „Unkaputtbar“ in „90 Jahre Dieter Hallervorden“ zieht sich durch die gesamte Aufführung. Sie taucht schon am Anfang der Vorstellung auf in dem Liedtext „Ich bin ich“. Dann heißt es weiter: „Nur was ich will, das will ich tun“… „Ich mach mein Ding, auch wenn es keiner glauben wollte“… „Angepasst fand ich schon immer fürchterlich und das wird auch so bleiben.“ Es ist gerade diese Haltung von Dieter Hallervorden, die sein ganzes Leben bestimmt und auch den Erfolg der Aufführung seines Lebens prägt. Es ist sein berührendes, befreiendes und zu würdigendes Lebensmotto: „Ich bin ich!“

 

 

Fotos: Ronald Keusch (4), DERDEHMEL/Urbschat (Theaterplakat)

 

„UNKAPUTTBAR – 90 JAHRE HALLERVORDEN“ steht noch bis zum 31. Mai 2026 auf dem Spielplan des Schlosspark Theaters.

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