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Leinen los auf der MS Donau

  • Ronald Keusch
  • vor 18 Stunden
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 11 Minuten

CTOUR feiert Sommerfest in der Seen-Welt zwischen Müggelsee, Grünheide und Rüdersdorf



Die "MS Donau" der Reederei Kutzker an der Anlegestelle am Bürgerpark in Grünheide © Ronald Keusch

Die "MS Donau" der Reederei Kutzker an der Anlegestelle in Grünheide

Der im November 1990 in Berlin gegründete Club der Tourismus-Journalisten CTOUR kann seit nunmehr zehn Jahren auch auf eine weitere Tradition zurückblicken. Die Reisejournalisten reisen nicht nur gern und sind dabei oft als Individualisten unterwegs, sondern sie feiern auch gern zusammen ein Sommerfest. So ein Sommerfest kann allerdings mehr sein als Bratwurst-Grill, Getränketheke und blumige Festreden, das hat CTOUR auch in diesem Jahr wieder für seine Mitglieder und Gäste eindrucksvoll bewiesen.

In den vergangenen Jahren wurden die Sommerfeste zum Beispiel veranstaltet in Neuzelle anlässlich der Jubiläen des dortigen Barockklosters und der Kloster-Brauerei, in der Wuhlheide beim USE-Modellpark, bei einem Besuch des Berliner Tierparks und zwei Mal auf Fahrgastschiffen auf Berliner Gewässern. Der Initiator und Hauptakteur dieser Tradition ist der langjährige Sprecher und Ehrenpräsident von CTOUR Hans-Peter Gaul, so auch dieses Jahr am 1. August 2026.

 

Linienfahrten und Anlegestellen der Reederei Kutzker im Osten von Berlin und Brandenburg © Reederei Kutzker

Linienfahrten und Anlegestellen der Reederei Kutzker im Osten von Berlin und Brandenburg

Seen-Welt im Osten von Berlin

Auch in diesem Jahr haben die Organisatoren das Sommerfest wieder auf die Berliner Gewässer verlegt und eine kluge Wahl getroffen. Während die Berliner und Berlin-Touristen vor allem die Schiffsrouten im „Innenstädtischen“ kennen – zwischen Jannowitzbrücke und Schloss Charlottenburg fahren an den Wochenenden die Fahrgastschiffe fast im Minutentakt an den City-Highlights Stadtschloss, Nikolaiviertel, Dom, Museumsinsel und Reichstag vorbei - führte die von Hans-Peter Gaul ausgesuchte Schiffs-Fahrt von Berlin-Köpenick über den Müggelsee ins Brandenburgische Land bis nach Grünheide und Rüdersdorf. Diese Seen-Welt im Osten der Stadt ist das Revier der Flotte von einer der ältesten Reedereien in Berlin – dem Familienunternehmen Michael Kutzker. Derzeit betreibt die Reederei insgesamt sechs Schiffe im Linienverkehr und Charterbetrieb.


 Hans-Peter Gaul bei der Begrüßung der Gäste auf dem Oberdeck der MS Donau © Fred Hafner

Hans-Peter Gaul bei der Begrüßung der Gäste auf dem Oberdeck der MS Donau

Regenkleidung und Schirm mit an Bord

Pünktlich um 9.30 Uhr kam am Anleger Berlin-Köpenick für das Fahrgastschiff MS Donau das Kommando „Leinen los“. Die etwa 30 CTOUR-Mitglieder und ihre Gäste, darunter Wilhelm von Boddien, Geschäftsführer des Fördervereins Berliner Schloss e.V., VDRJ-Ehrenpräsident Jürgen Drensek, der Chef des Potsdamer Tulpenfestes Hans Göbel sowie die CTOUR-Ehrenmitglieder Ewald König und Lothar Peters mussten sich für die Fahrt mit Regenkleidung und Schirm ausrüsten. Nach jeder Menge Sonnenschein im diesjährigen Sommer hatte sich der Wettergott gerade an diesem Tag für längere Regenzeiten entschieden. Doch die MS Donau verfügt über 94 Innenplätze mit großen Fenstern. Und die 100 Außenplätze konnten immerhin zu Beginn und dann auf der Rücktour über den Müggelsee noch ausgiebig genutzt werden.

 

Unterwegs auf der Müggelspree © Ronald Keusch

Unterwegs auf der Müggelspree

Die Kutzker-Schiffe tragen Namen von Flüssen

Das faszinierende der Tour ist die abwechslungsreiche Landschaft auf Flüssen, Seen und Kanälen, dem Müggelsee, der Müggelspree, Neu-Venedig, dem Dämeritzsee, Woltersdorf und seiner Schleuse, dem Kalksee in Rüdersdorf und entlang der Löcknitz von Erkner nach Grünheide. Am Steuerrad des mit 32,10 Metern Länge und 5,10 Metern Breite imposanten Schiffes „Donau“ steht höchstselbst der Chef der Reederei Michael Kutzker. Von ihm ist Spannendes zur Unternehmensgeschichte zu erfahren. Es spiegelt sich darin ein Stück der Geschichte Berlins bis hin zur Gegenwart wider.

Mit Urgroßvater Julius fing im Jahr 1910 alles an, als das Schiff „Weichsel“ seine ersten Fahrten startete, so erzählt Michael Kutzker. Der Schiffsname ergab sich damals aus der Anlegestelle in Berlin-Neukölln am Weichselplatz. Später mit Inbetriebnahme weiterer Schiffe wurde es zur Tradition, Flussnamen einzusetzen, Jahre später folgte die MS Elbe, die heute immer noch unterwegs ist. Hinzu kamen zur MS Donau, die MS Dahme, MS Spree, MS Mosel, und MS Löcknitz. Von Beginn an führten die Schiffsrouten in das Seengebiet im Osten von Berlin. In der Zeit des Zweiten Weltkrieges kam die Schifffahrt ganz zum Erliegen.

Michael Kutzker und Hans-Peter Gaul im Gespräch © Manfred Weghenkel

Michael Kutzker und Hans-Peter Gaul im Gespräch

Die Kutzker-Schiffe starteten wieder im Jahr 1949, als Großvater Georg aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrte und sich im Osten private Fahrgemeinschaften bildeten.

Im Jahr 1959 erfolgte die nächste Zäsur, als die Schiffe in Ostberlin „unter freiwilligem Zwang“ – wie Michael Kutzker es nennt - halbverstaatlicht und an die „Weiße Flotte“ verpachtet wurden. Die Eigentümer behielten ihre Schiffe, wurden aber Angestellte der „Weißen Flotte“. Dann kam die politische Wende und damit begann auch für die Fahrgastschiffe und das Familienunternehmen mit Vater Hans Joachim und Sohn Michael der eigenständige Neustart mit der „Elbe“.


Fahrt über den größten See von Berlin

Während der Fahrt erfahren die CTOURisten von Michael Kutzker viel Interessantes über die Landschaft und die Geschichte der Region. Start und Ziel ist die Altstadt von Köpenick, dort wo vor 200 Jahren die Wäscherin Henriette Lustig die erste Wäscherei gründete und sich dann bis zum Jahr 1900 ein regelrechtes Dienstleistungsgewerbe mit 87 Wäschereien und rund 4000 Wäscherinnen entwickelte.

 

Auf dem Großen Müggelsee © Ronald Keusch

Auf dem Großen Müggelsee

Von Köpenick aus geht es auf der Spree zum Großen Müggelsee, dem größten Berliner See, und trotz anfangs schlechtem Wetter sind zahlreiche Boote unterwegs - Segelboote, Haus- und Partyboote, Ruder- und Paddelboote und auch einige eher noch spärlich besetzte Linienschiffe. Kurz vor dem Müggelsee führt der Spreetunnel im Ortsteil Friedrichshagen unter der Spree hindurch. Er feiert im nächsten Jahr seinen einhundertsten Geburtstag und ist ein vielgenutzter Fußgängertunnel, der Ausflüglern den direkten Zugang zu den Müggelbergen mit dem Müggelturm und dem Hochmoor am Teufelssee auf der Südseite des Müggelsees eröffnet.

Auf der Friedrichshagener Seite des Müggelsees liegt das Wasserwerk, das größte und modernste Wasserwerk Berlins und zudem ein Kultur- und Industriedenkmal. In dem stillgelegten Teil des alten Wasserwerkes mit seinen direkt am See liegenden Backsteingebäuden im neogotischen Stil befindet sich heute ein Museum.

 

Die Müggelsee-Fischerei in Neu-Venedig Graureiher © Ronald Keusch


Gaststätte Neu-Helgoland mit Tradition

Zwischen Großem Müggelsee und Dämeritzsee verzweigt sich die Müggelspree und bildet ein Netz an kleinen Kanälen, mit vielen schmalen, gepflegten Grundstücken mit kleinen Wohn- und Wochenendhäusern, fast alle mit Wasseranschluss und – natürlich – einem Boot davor: Neu-Venedig. Hier findet sich auch die traditionsreiche Gaststätte Neu-Helgoland. Ursprünglich errichtet als kleine Fischerhütte, in der Fischer, Ruderer und Wanderer einkehren und sich stärken konnten, entstand dann im Jahr 1900 eine Ausflugsgaststätte im Fachwerkstil. Und weil der Baustil die Fischer an Gebäude auf der Insel Helgoland erinnerte, erhielt sie kurzerhand den Namen „Neu-Helgoland“ – und den trägt die in sechster Generation privat betriebene Gaststätte bis heute.

Ausflugsgaststätte Neu-Helgoland © Ronald Keusch

Ausflugsgaststätte Neu-Helgoland

Einmal im Dämeritzsee angekommen, wählen die meisten Fahrgastschiffe die Route rund um die Müggelberge und fahren dann über den Seddinsee und die Dahme in die Innenstadt zurück. Nicht so die Reederei Kutzker, die in Richtung Erkner die Seengebiete weiter nördlich und östlich erschließt, mit vielen weitere kleinen Seen, Flüsschen und pittoresken Uferlandschaften, mit kleinen Gärten, Reihern, Kormoranen, Schwänen und Enten. Über die Löcknitz und den Werlsee erreicht die MS Donau zur Mittagszeit den Peetzsee und den Ort Grünheide. Im „Wirtshaus Heidereuter“ am Bürgerpark erwartet die CTOURisten eine lange Tafel und das vorbestellte Mittagessen.


Die MS Donau in Grünheide © Hans-Peter Gaul Gaststätte Heidereuter in Grünheide © Ronald Keusch


 

Industriedenkmal in Rüdersdorf

Anschließend geht es durch den Flakensee zum Ort Woltersdorf und weiter zum Kalksee und in Richtung Rüdersdorf – dazwischen liegt die Woltersdorfer Schleuse. Immer wenn ein Schiff aus der Schleuse herausfährt, wird die über die Schleuse führende Woltersdorfer Landstraße gesperrt und eine Klappbrücke geöffnet. Fußgänger haben es besser, sie können eine Etage höher die Schleuse über eine Fußgängerbrücke überqueren, müssen dazu allerdings einige Stufen steigen.

Woltersdorfer Schleuse © Ronald Keusch

Woltersdorfer Schleuse

Endstation und Wendepunkt der Sommerfest-Tour ist der Museumspark Rüdersdorf. Hier befindet sich eines der bedeutendsten Industriedenkmäler Deutschlands mit einer Vielzahl historischer Gebäude und Anlagen, mit denen Kalkstein aus dem angrenzenden Tagebau transportiert oder verarbeitet wurde. Seit rund 800 Jahren wird hier Kalk abgebaut, im 16. Jahrhundert stellte Rüdersdorf bereits Branntkalk her und ab 1885 bis heute Zement. Der Museumspark Rüdersdorf ist weltweit das einzige in dieser Vielfalt erhaltene historische Kalk- und Bergwerk. In vielen bedeutenden Bauwerken von Berlin und Brandenburg ist Rüdersdorfer Kalkstein verbaut – in Brandenburger Tor, im Schloss Sanssouci, im Berliner Olympiastadion. Die Gebäude, Anlagen und Freiflächen sind für jeden Besucher frei zugänglich und es werden zahlreiche Touren angeboten, von Tagebautouren, historischen Touren bis zu geologischen Touren einschließlich Schatzsuche in Form von Fossilien.

 

Kapitän und Reeder Michael Kutzker © Ronald Keusch

Kapitän und Reeder Michael Kutzker

Mund-zu-Mund-Propaganda beste Werbung

Michael Kutzker befährt die Routen nach Grünheide und Rüdersdorf auch im Linienbetrieb und bietet darüber hinaus auch Sonderfahrten an, zum Beispiel eine Tagestour nach Bad Saarow oder Anfang Dezember das beliebte Weihnachtsgans-Essen an Bord. Die Schiffe des Familienunternehmens Kutzker sind gut angefragt. Die beste Werbung für die Schiffe mit den Flussnamen ist die Mund-zu-Mund-Propaganda. Sie erzählt vom perfekten Service und den Spezialitäten an Bord. Michael Kutzker: „Wir haben beispielsweise nicht die Apfel-Schorle, die Oma überall trinken muss, sondern Limonaden der besonderen Art wie Limette-Minze-Basilikum oder Orange-Erdbeer-Mandel.“ Und im Bordrestaurant gibt es noch vieles andere mehr an Getränken und leckeren Speisen, um sich wohlzufühlen.

 

Schiffs-Personal dringend gesucht

Leider hat auch die Schiffsflotte Kutzker wie die gesamte Branche der Fahrgastschiffe mit einer ganzen Reihe von Krisen und Problemen zu kämpfen. Ganz oben an stehen das fehlende Fach-Personal und der kaum nachrückende Nachwuchs. Derzeit sollen, so Michael Kutzker, auch als Spätfolge der Corona-Kampagnen, 35 Fahrgastschiffe stillgelegt sein und zum Verkauf angeboten werden – und es ist keine Besserung in Sicht.

An den Wochenenden sind alle Arten an Party-Booten auf der Spree unterwegs © Ronald Keusch


Und es gibt andere Problemfelder, mit denen Kapitän Kutzker täglich zu tun hat. Dazu zählt der in der Hoch-Saison nicht selten hektische motorisierte Wasser-Fahrzeug-Verkehr durch private Hausboote und ausgeliehene Flösse unter dem Motto: „Führerschein-frei bis 15 PS-Antrieb“. Jeder kann sie mieten und losfahren, und das führt nicht selten zu gefährlichen Situationen auf dem Wasser. Der ironische Kommentar zu dieser Regelung von Schiffsreeder Kutzker: „Alle, die mit Verkehrssicherheit auf Berliner Gewässern zu tun haben, wurden dazu befragt, die Wasserschutzpolizei, Ämter, Vereine, Schiffsführer und ihre Antwort lautete: Wir wollen das nicht, um Himmels Willen. Darauf haben die politischen Entscheider gesagt: Gut, dann machen wir das erst recht – und führten diese Regelung ein.“ Der Schiffs-Kapitän lächelt etwas angestrengt, denn er und seine Kollegen müssen mit diesem Alltag leben.

 

Spannende Reiseziele in der Nähe

Immer wieder ermutigend für die gesamte Besatzung der Schiffe ist die Begeisterung ihrer Gäste. „Besonders für die Nichtberliner Gäste“, so Reeder Kutzker, „aber auch für viele Berliner, sind unsere Routen einfach unvorstellbar und überraschend attraktiv, die Abfolge von einem See, einem Kanal, der wieder in einen See führt und ein Stück Flusslandschaft. Die meisten Besucher wissen nicht, dass Köpenick Berlins größter Stadtbezirk ist, mit den wenigsten Einwohnern – zumindest bis zum Zusammenschluss mit Treptow, mit dem meisten Wasser und nicht zu vergessen dem meisten Wald.“

Auch den Teilnehmern des CTOUR-Sommerfestes auf dem Wasser hat diese Schiffstour trotz der Wetterkapriolen gefallen. Denn in solcher Landschaft lässt es sich auch mit den Journalistenkollegen und Ehepartnern gut plaudern. Und so mancher, der sonst auf Reisen in aller Welt unterwegs ist, wird festgestellt haben, dass es auch ganz in der Nähe, in Köpenick und im Osten Brandenburgs, Spannendes zu entdecken gibt.


Text: Ronald Keusch

Fotos: Reederei Kutzker (1), Fred Hafner (1), Manfred Weghenkel (1), Hans-Peter Gaul (1), Ronald Keusch (12)


Auf dem Großen Müggelsee © Ronald Keusch

Auf dem Großen Müggelsee

 

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