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  • Stefan Elfenbein

Lange nicht gesehen

Gastautor Stefan Elfenbein stellt die neuen kulinarischen Highlights von Manhattan vor: Die Welt darf nach dem Lockdown jetzt wieder zu Gast sein


Stefan Elfenbein in New York
 Singapur - Futuristische Architektur an der Marina Bay mit Helix Bridge und ArtScience Museum

„Hey man, na du da drüben! Komm her, you have to see this!“ Der Geschäftsmann auf der anderen Straßenseite in Tribeca, in seinen Fünfzigern und mit einem Bündel Hemden frisch aus der Reinigung unterm Arm, zeigt noch kurz schräg gen Himmel – und läuft weiter. Tatsächlich, nur von seiner Straßenseite aus ist er zu sehen: ein aufgehender Mond wie aus „E.T.“, der wie ein dicker Honigkuchen hinter den Zinnen des Woolworth Building klebt. New York und die New Yorker hat die Pandemie hart getroffen – aber auch Positives ausgelöst. Entspannt und sehr menschlich kommt die Stadt in diesen Tagen daher, ein Hauch von Achtzigerjahre weht durch die Straßen. Zum Jahreswechsel übernimmt mit Eric Adams der erste Veganer das Bürgermeisteramt der Stadt, ein schwarzes Stadtoberhaupt gab es erst einmal, Anfang der 1990er war das David Dinkins. Was seit Corona fehlt, ist die Welt, die normalerweise in Manhattan zu Gast ist. 67 Millionen Besucher kamen im Jahr vor Corona, 19 lange Monate waren die New Yorker anschließend mehr oder weniger unter sich. Nur wer Familie, Geschäfte oder besonders gute Gründe hatte, durfte einreisen. Ab Montag dürfen alle, auch Europäer, wieder einreisen, um sich die neuen Highlights anzusehen – hier die wichtigsten.



One Vanderbilt & Le Pavillon


42nd Street, Grand Central Terminal, die prominente Ecke ist nicht mehr wiederzuerkennen. Gleich neben New Yorks berühmtem Hauptbahnhof schießt funkelnd „One Vanderbilt“ in die Höhe, New Yorks neuster Superskyscraper, Midtowns neues Wahrzeichen. 427 Meter ist es hoch. Wie viel zu heiß gewaschen wirkt jetzt das Chrysler Building in der Nähe. In 300 Meter Höhe liegt die Aussichtsplattform „Summit“. Kulinarischer Höhepunkt im neuen Turm und Midtown ist „Le Pavillon“, das neue Restaurant von Starkoch Daniel Boulud im Atrium im ersten Stock. Und wieder muss man sich die Augen reiben; richtige, echte hohe Bäume und Moose, Farne, Dschungelpflanzen wachsen zwischen Tischen, Sesseln wie aus dem Boden, wilder Wein klettert Wände hoch. „Demut vor der Natur“ solle der Raum vermitteln, aber auch ein Neuanfang, sagt Boulud. Er geht von Tisch zu Tisch, zur strahlend weißen Kochmontur trägt er quietschgrüne Turnschuhe. Servieren lässt er Fisch- und Gemüsegerichte wie etwa Gazpacho aus jungem Mais und gegrilltem Kaktus oder den Hummer aus Maine mit Liebstöckel, lila Kartoffeln und einer Brunnenkresse-Velouté. Die Stimmung ist ausgelassen, Jung und Alt, mal in Abendrobe, mal in Jeans. Die Gäste applaudieren.


Als Corona Anfang März 2020 die Stadt überrollte, war Boulud einer der Ersten, die sich bewegten. Allein eine Million Dollar für Betroffene sammelte er nur Tage später bei einer ersten Spendengala in seinem „Daniel“ ein. „Ich griff zum Telefon, rief Stammkunden an, einen nach dem anderen“, erzählt er. „Alle kamen, die Empore im Restaurant war mit durchsichtiger Folie abgehängt, dahinter sangen Broadway-Stars.“ Im Lockdown ließ er Mahlzeiten für Krankenhäuser zubereiten – 800 000 insgesamt – und versorgte parallel dazu geflüchtete New Yorker in den Hamptons per Food-Shuttle mit Gourmetmenüs. Die Eröffnung von „Le Pavillon“ im vergangenen Mai schließlich, und bewusst an dem Tag, an dem die Corona-Einschränkungen für Restaurants fielen, war für Köche, Kellner, Branche, Foodies – also gefühlt halb New York – Wendepunkt und Beginn der neuen Zeitrechnung.



Hudson Yards & Electric Lemon


Auch an den Hudson Yards, New Yorks neuem Wolkenkratzer-Viertel im westlichen Chelsea, wurde weitergebaut; „Phase 1“ war kurz vor Corona fertig, „Phase 2“ entsteht. Vierzehn Wolkenkratzer werden es am Ende sein. Und wer Manhattan aus der Ferne mit den „Yards“, wie die New Yorker sagen, noch nicht gesehen hat, wird auch hier Augen machen; die altbekannte Skyline – Downtown-Türme hier, Midtown-Gebirge dort, dazwischen nichts –, die gibt es nicht mehr. Wie mächtige Kristalle aus einer fernen Welt ragen die Yards jetzt in den Himmel. Ein eigener U-Bahnhof ist entstanden. Viel schöner aber ist der Weg über die jetzt bis zu „The Vessel“, dem kupferfarbenen Kunstbauwerk und Herzstück der Yards – die New Yorker nennen es „Schawarma“, Fleischklops –, als Park ausgebauten High Line. Am besten nimmt man den Aufgang an der 26th Street. Auf dem Weg dorthin fällt eine Gruppe Menschen auf: Ein Auto, umzingelt von sechs Polizeiwagen, steht mitten auf der 10th Avenue, die Türen stehen auf, zwei Polizisten drücken einen mit Handschellen hinter dem Rücken gefesselten jungen Afroamerikaner mit dem Gesicht nach unten auf die Kühlerhaube, andere Polizisten stehen daneben, einer telefoniert. In einem der Polizeiwagen sitzt eine junge schwarze Frau mit einem Baby im Arm. Und drum herum halten Menschen, die zufällig vorbeigekommen sind, ihre Handys hoch, filmen. Keiner redet, alles wirkt wie selbstverständlich, die Stimmung wirkt gelassen. Auf die Frage, was passiert sei, kommt als Antwort: „They do their job, we do ours“, die Polizei macht ihre Arbeit – und wir unsere eben auch. Auch das Aufeinanderaufpassen und Nirgendswegschauen gehört in Neu-New-York dazu. Und selbst beim Einkauf oder auf den Tellern schaut man nun genau hin; Nepp, Überteuertes, schlechte Küche wird nicht mehr toleriert. „It has to be good now“, formuliert David Bogel, der Restaurantleiter im „Electric Lemon“, dem Noch-Ausgeh-Geheimtipp in den Yards im 24. Stock im Wolkenkratzer „33 Hudson Yards“, in dem sich auch das „Equinox Hotel“ befindet. Serviert wird junge, gesunde und dabei aromenstarke Küche; wie etwa mit Löwenzahn gefüllte Dumplings mit Sonnenblumenkernen und gerösteter Pfirsich-Salsa oder auch Hühnerleber-Mousse mit Feigen, Anis-Ysop und Brioche. Und dann ist da noch die riesige Terrasse mit Blick über den Hudson – nun die größte Außenterrasse der Stadt.



The Little Island & Dumbo


High Heels, Blumenvasen, Reste vom Filmset für „Barbarella“ – die Beschreibungen des Designs von New Yorks kuriosestem neuem Highlight, einer völlig neuen Insel, sind vielfältig. Im Hudson vor Pier 55 und etwa in Höhe des Meatpacking Districts ist sie aufgetaucht und ruht auf 262 Betonsäulen und 132 Kunststoff-Trichtern. Ihr Schöpfer ist der englische Designer Thomas Heatherwick, von dem auch „The Vessel“ stammt. Baukosten: 260 Millionen Dollar. Gestiftet hat sie der New Yorker Unternehmer und Milliardär Barry Diller und dessen Ehefrau, die Modeschöpferin Diane von Fürstenberg. Eine Truppe Schüler aus der Bronx rauscht an, stürmt über die schmale Landbrücke, lautstark wird Wiesen und Treppen hochgerannt. Richtige Hügel mit Aussichtspunkten sind entstanden. Es gibt Workshops, Konzerte, Tanz. Eintritt und Teilnahme sind kostenlos, ab 12 Uhr braucht man ein Zeitfenster-Ticket. Die Schüler nehmen an einer Führung zu Flora und Fauna der Insel teil. Ein Monarch-Schmetterling schwebt vorbei und da noch einer, die Kids schauen hinterher, stellen plötzlich Fragen. „Die Raupen des Monarch leben an der knolligen Seidenpflanze, wir sagen dazu auch „Butterfly Weed“, erklärt Gärtnerin Tracy. Überall entdecken die Kinder die seltene Pflanze; aus fingerlangen Schoten quellen Samen an silbrigen Fäden – und fliegen davon. Ganze Uferstreifen rund um Manhattan sind jetzt renaturiert. Austernbänke wurden angelegt. Sogar Seepferdchen soll es wieder geben. New York ist sichtbar grüner geworden. Neu sind auch die breiten Fahrradstreifen auf den Avenues, und überall sind einst wuselige Straßenkreuzungen gesperrt, bepflanzt und zu Parks geworden, allein 88 solcher Miniparks soll es innerhalb des sogenannten „Green Corridors“ entlang des Broadways geben. Besonders schön ist das umgestaltete Flussufer in Dumbo, Brooklyns nun sorgfältig erneuerter historischer Speicherstadt unter der Brooklyn Bridge. Es gibt sogar einen Strand, Pebble Beach – winzig, aber immerhin. Ein neuer Lieblingsort für die Kleinen ist Jane’s Carousel von 1922, ein Kinderkarussell wie aus dem Bilderbuch; 48 Holzpferde samt zweier Kutschen drehen sich windgeschützt in einem Riesenglaskasten am Wasser.



Carne Mare & Pier 17


„Le Pavillon“ machte den Anfang, seit dem Sommer ging es in der Restaurantbranche dann Schlag auf Schlag. Aufgeschobene Projekte wurden aus der Schublade geholt, überarbeitet, unter Druck geratene Vermieter boten plötzlich Deals an. New Yorks zweite große Neueröffnung war im Juni das „Carne Mare“ von Andrew Carmellini im neu errichteten „Pier 17“ am South Street Seaport, das jeden Abend in Neonfarben erstrahlt. Ganz anders das „Carne Mare“. Carmellini hat die 1980er-Jahre auferstehen lassen – das New York vor Internet, 9/11, Wirtschaftskrise und Corona. Whiskyfarbene Ledergarnituren, tomatenrote Sessel, Laternen, Vorhänge, Troddeln und Bordüren. Servieren lässt Carmellini lustvoll neu interpretierte italienische Klassiker wie etwa gegrillten Schwertfisch mit süßem Mais und Salsa rossa oder Fettuccine mit Lauch und Kaviar. Im Ganzen mit Feigen-, Kapern- und Limonenblättern gegarter Seebarsch rollt auf dem Servierwagen an den Tisch. Und wie schon bei Daniel Boulud herrscht ausgesprochen gute Laune. Jeder redet mit jedem; einander fremde und auch gerade ältere Menschen stehen vom Tisch auf, umarmen sich: „May I?“, wird erst kurz gefragt, dann die kurze, feste Umarmung. „Die Leute sind froh, wieder ausgehen zu können und unter Menschen zu sein“, sagt Andrew Carmellini. Nirgendwo werde so viel und so oft außer Haus gegessen wie in New York, meint er. „Die Wohnungen sind klein, Zeit hat man nie, Geschäftliches wird beim Lunch besprochen, Freunde trifft man zum Dinner.“ Am Nachbartisch werden Martini-Cocktails gereicht, das Paar am Tisch daneben prostet zu. „Sobald ein Drink im Martiniglas durch den Raum getragen wird, wollten alle plötzlich genau das Gleiche“, sagt Sommelière Amy Thurmon. Darauf einen Dirty Martini – der New Yorker neuer alter Lieblingsdrink.



Saga & 70 Pine Street


Auch der Financial District mit seinen engen, verwinkelten Gassen und der Wall Street wirkt verändert; die meisten der Broker und Banker sind zurück aus dem Homeoffice. Zu Hause im Schrank geblieben sind die perfekt gebügelten dunklen Anzüge, Schlips und Kragen. Die Jacke leger über der Schulter tut’s doch auch, der oberste Hemdknopf bleibt offen, oft der zweite noch dazu, bequeme Turnschuhe haben die Budapester ersetzt. Kaum noch vorstellbar ist die einst vor Stress und Anspannung fast knisternde Luft. Genau hier hat Ende August New Yorks Top-Highlight eröffnet: das „Saga“ in „70 Pine“, New Yorks letzter großer Art-déco-Wolkenkratzer. Ganz oben, in den obersten vier Stockwerken der markanten Turmspitze, ist das „Saga“ eingezogen. Es gibt zwei Bars, Cocktailbars, Räume für private Dinner und Platz im Hauptraum für 55 Gäste. Mit 260 Meter Höhe ist es nun das höchste Restaurant der Stadt, die Aussicht von den offenen Terrassen aus in alle Himmelsrichtung ist die absolut unglaublichste der Stadt. Das Team hinter dem Projekt sind Jeff Katz aus dem „Del Posto“ und James Kent, Daniel Humms langjähriger Küchenchef im „Eleven Madison Park“. Ein Menü in zehn Gängen wird angeboten – mit Gerichten, so Kent, die für New Yorks ungebrochene Lebenslust und kulturelle Vielfalt stehen: Flunder Escabeche mit Honigmelone und Forellenkaviar, Brust und Keule von Taube, Wildente und in Bienenwachs gereifter Wachtel mit Madeira-Sauce und Innereien oder gerösteter Aprikose, Steinfrüchte-Nougat, Thymian und Halva. Corona habe New York hart getroffen, sagt Jeff Katz, aber auch falsche Werte weggespült. Wieder unten auf der Straße, schon in Tribeca, grüßt Dorit Mandelbaum. Jeder kennt die alte Dame hier. Ihr Ziel seit Corona: die Stadt von Überbleibseln zu reinigen, die, wie sie meint, New-York 2021 nicht mehr entsprechen. Im öffentlichen Raum, an Bäumen, Treppen, Zäunen, entfernt sie privat angebrachte Schilder oder Aufkleber wie „No loitering!“, hier wird nicht rumgehangen, oder „Do not sit here“, du störst, hau ab, oder auch „Curb Your Dog“, dein Hund soll sonstwo hinmachen. „So was muss doch weg“, sagt sie, „was sollen die Besucher denken, gerade die aus Deutschland?“


Der Beitrag erschien zuerst in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung am 7. November 2021



Seit November 2021 dürfen Geimpfte oder Genesene mit einem negativen Covid-Test wieder in die USA einreisen. Die aktuellen Reiseregelungen sind hier zu finden: https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/laender/usa-node/usavereinigtestaatensicherheit/201382



Mehr zu den neuen Restaurants in New York unter:

The Little Island Dumbo: https://littleisland.org/

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