• Ronald Keusch

„Im Jahr des roten Affen“

Innenansichten aus der Mongolei von einem Nomaden zwischen Jurte und Brandenburger Tor, dem Unternehmer und Politiker Dendev Terbishdagva

Bei dem Motto: „Die größte Sehenswürdigkeit ist die Welt, sieh sie dir an“, da denken sicher viele an Länder in Südamerika, an Inseln in der Südsee oder an den Kontinent Australien. Die wenigsten werden die Mongolei im Blickfeld haben, etwa 6.000 Kilometer Luftlinie von Berlin entfernt. Aber dieses sehr dünn besiedelte Land mit drei Millionen Einwohnern in Zentralasien, zwischen den zwei Großmächten China und Russland eingezwängt, kann kaum spannender sein. Wer glaubt, es ist mit wilden Pferden, gegorener Stutenmilch und Jurten erklärt, der irrt gewaltig.


Das Berliner korrespondenten.cafe, ein Forum für Auslandskorrespondenten und deutsche Journalisten, veranstaltete am 17. März im Steigenberger Hotel am Kanzleramt eine Buchpräsentation zum Thema Mongolei. Der Titel des Buches „Im Jahr des roten Affen – ein Nomade zwischen Jurte und Brandenburger Tor“ signalisiert schon seine Besonderheit und seinen Reiz. Der Autor ist der in der Mongolei geborene Dendev Terbishdagva, der zwischen den Welten seiner Heimat Mongolei, der früheren DDR und dem heutigen Deutschland wandelte und seine dabei gesammelten Erfahrungen zu Papier bringt. Der Gastgeber der Veranstaltung, der eloquente österreichische Journalist in Deutschland, Ewald König, konnte neben dem Autor auch den Verleger des Buches, Matthias Oehme, Chef der Eulenspiegel Verlagsgruppe sowie den gegenwärtigen mongolischen Botschafter in Deutschland Dr. Birvaa Mandakhbileg begrüßen. Was für eine illustre wie kompetente Gesprächsrunde.

Nun gibt es eine ganze Reihe von Reiseführern und Geschichtsbücher über die Mongolei, doch dieses Buch ist einmalig, so Herausgeber Oehme. Es verbindet auf beeindruckende Weise eine nahezu einmalige Biografie mit der Geschichte der Mongolei, der Tradition und Philosophie des Landes.

Der Buchautor Dendev Terbishdagva hat es sich nicht nehmen lassen, sein Buch in einer mongolischen Tracht zu präsentieren. Er liefert auf 476 Seiten keine Beschreibung von außen, sondern eine beeindruckende Innenansicht seines Heimatlandes Mongolei. Der Autor erzählt auch freimütig, dass er sein Buchmanuskript insgesamt zehn Verlagen in Deutschland angeboten hat, aber alle ablehnten. Dann hat es endlich im Eulenspiegelverlag funktioniert, der Verlagschef Matthias Oehme hatte durch mehrmonatiges eigenes Erleben der Mongolei einen anderen Zugang zu den Texten. Und so ist dieses Buch, illustriert mit einer Vielzahl von Fotos, seit 2020 auf dem Buchmarkt.


Dendev Terbishdagva in mongolischer Landestracht Foto: Frank Pfuhl

Sehr vielsagend ist schon die Aufzählung der einzelnen Lebensstationen des Autors und seiner Funktionen und Tätigkeiten. Als sechster Sohn der Dendev-Familie in einer Jurte geboren, nach der Schule in der Mongolei ein Auslandsstudium an der Humboldt-Uni in Berlin in der Fachrichtung Lebensmitteltechnologie, dann Technologe und Betriebsdirektor im Fleischkombinat in Ulan Bator, Dozent-Übersetzer (in der DDR), kurzzeitig als Kellner gearbeitet, Unternehmer Import/Export in Deutschland und der Mongolei, offizieller Botschafter der Mongolei in Deutschland, Minister, Vizepremierminister und Politiker in der Mongolei und Deutschland. Es macht Spaß, diese Lebensreise der Biografie mit dem Autor zu unternehmen, das Land mit seinen Schönheiten und den Menschen näher kennen zu lernen. Noch immer sind 20 Prozent der Mongolen Nomaden geblieben. Sie sind wahre Könner der Anpassung an ihr Umfeld, an die Launen der Natur und des Klimas und leben mit Temperaturschwankungen zwischen plus und minus 40 Grad Celsius. (S.474)


Ein großes Thema des Buches – wie kann es anders sein – ist das Reich von Dschingis Khan, im Jahr 2007 wurde der 800. Jahrestag der Staatsgründung des Mongolischen Reiches begangen. „Obwohl Dschingis Khan selbst unbegrenzte Macht hatte, schätzte er das Wissen und die Wissenschaft, hörte den Rat der Weisen und versuchte, ihre Vorschläge umzusetzen.“ (S. 36) Es werden viele unbekannte Seiten dieses Herrschers beleuchtet mit Quellen beispielsweise von Marco Polo und Gesprächen mit vielen heutigen Historikern und Altertumsforschern. Das ist nicht allein etwas für die Allgemeinbildung eines interessierten Lesers zur Menschheitsgeschichte. Das mongolische Reich war im 13. Jahrhundert in seiner Ausdehnung wesentlich größer als das Römische Reich, von dem durch Hollywood-Sandalenfilme einige oberflächliche Kenntnis vermittelt wurde. Das Buch liefert profundes Wissen und beschreibt die Naturschönheiten und die Gastfreundschaft der Mongolen. Damit wird es auch jene Touristen zusätzlich motivieren, ihren nachhaltig orientierten Aktiv-Urlaub in Berglandschaften, Steppen und Wüsten der Nachfahren von Dschingis Khan zu machen.


Wie weltweit insgesamt hatte auch die Mongolei durch die Maßnahmen der Corona-Pandemie einen extremen Rückgang im Tourismus zu erleiden. Während vor fünf Jahren immerhin noch eine knappe halbe Million Besucher zu verzeichnen waren, lag die Zahl 2020 bei nur noch etwa 70.000.

Auch die jüngere Geschichte der Mongolei mit 70 Jahren sozialistischer Entwicklung wird vom Autor lebendig, selbstbewusst und ohne ideologische Scheuklappen erzählt. Dabei lässt er kein Kapitel aus wie die Stalinzeit, unter deren Repressionen vor allem die in ihrer Religion des Buddhismus nach tibetanischem Ritus lebenden Mongolen zu leiden hatten. Vielfältige Einblicke gibt er über jene Zeit, als er selbst in seinem Heimatland Mongolei und auch seiner Wahl-Heimat Deutschland, in die Politik geht. Eine „who is who" Fotogalerie zeigt ihn als Botschafter einträchtig mit der deutschen Politik-Prominenz von den damaligen Ministerinnen Ursula von der Leyen und Manuela Schwesig bis zum Bundespräsidenten Johannes Rau. Mit viel Schmunzeln erzählt Dendev Terbishdagva von seiner Akkreditierung als Botschafter der Mongolei im Amtssitz des Bundespräsidenten Johannes Rau. Es war für ihn Ehrensache, in der Nationaltracht der Mongolen aufzutreten, zu der ein fast schwertlanges Messer gehörte, das mit einer langen Kette am Gürtel befestigt war. Die Mitarbeiter der Protokollabteilung des Auswertigen Amtes waren besorgt und meinten, dass sie nicht mal eine Nagelfeile erlauben würden. Aber der Mongole erklärte den deutschen Beamten, dass ohne Messer seine Nationaltracht unvollständig sei, dass damit Respekt bezeugt wird und ein lang am Gürtel herabhängendes Messer die friedliche Absicht symbolisiere. Bundespräsident Rau empfing den künftigen Botschafter der Mongolei in vollständiger Tracht – mit Messer. (S.284ff.)


Später als Vizeminister für Landwirtschaft und sogar zeitweilig als Vizepremierminister erlebte er aber auch die Schattenseiten der Marktwirtschaft für sein Land. Über mehrere Jahrzehnte aufgebaute Industriekombinate z.B. für die Fleischverarbeitung wurden in wenigen Jahren zerstört, weil man sich an die Empfehlungen der Weltbank und des IWF gehalten hat, den Staat auf ein Minimum zurückzufahren. Vor allem in seinem letzten Buchkapitel „Rückkehr in die Welt“ bekennt sich der studierte Ingenieur zu seiner Lebensmaxime. Forschen, lesen, untersuchen und niederschreiben, sich mit Weisen und Wissenschaftlern treffen, in der großen Bibliothek der Welt zu Hause fühlen. Und er urteilt in seinem Buch sehr ehrlich und kritisch über die herrschende Politik seines Landes, das er als „Weideland der Korruption“ (S. 440) bezeichnet. In den letzten 30 Jahren erlebte die Mongolei 16 Regierungswechsel. „Die Instabilität und Arbeitsunfähigkeit der Regierung hängen von den politischen Spießbürgern ab, welche die ausländischen Scharlatane, die Beutesucher, freizügig bedienen.“ (S.457) Als Moderator Ewald König bei der Vorstellung den derzeitigen Botschafter Dr. Birvaa Mandakhbileg fragte, ob er denn das Buch schon gelesen und es unterschiedliche Bewertungen gebe, antwortete der Botschafter verschmitzt lächelnd: Ich bin einig in der Denkweise mit dem Autor und es gebe nur zwei Unterschiede zwischen ihnen. Der Autor ist erstens vom Lande, also ein Land-Ei und kann reiten und ich bin in der Großstadt Ulan Bator aufgewachsen und zweitens ist er neun Jahre älter.


Zwei mutige und selbstbewusste Vertreter der Mongolei. Das Buch ist nur zu empfehlen. Für all diejenigen, die die Nachfahren im Land des Dschingis Khan touristisch bereisen wollen, aber auch für die Politiker in Deutschland. Sie können lernen, in welcher Weise man sich kritisch und konstruktiv ganz souverän mit dem Kurs seines Landes auseinandersetzen kann.



Buch: Dendev Terbishdagva; Im Jahr des roten Affen. Ein Nomade zwische Jurte und Brandenburger Tor. Verlag Neues Leben, Eulenspiegel Verlagsgruppe Buchverlage GmbH, Berlin; 1. Auflage 2020