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An den Grundfesten der Welt rütteln

  • Ronald Keusch
  • vor 2 Tagen
  • 7 Min. Lesezeit

Über das Buch „Anarchie – jetzt oder nie!“ von Sylvie-Sophie Schindler




Sylvie-Sophie Schindler: Anarchie - jetzt oder nie!

Wer von dem Titel des Buches angesprochen wird und eine fundamentale Kritik an dem bestehenden Parteien-System in Deutschland erwartet, der wird in keiner Weise enttäuscht. „Anarchie – jetzt oder nie!“ von Sylvie-Sophie Schindler aus dem Westend-Verlag ist eine fulminante Abrechnung mit dem herrschenden Regierungssystem. Die Demokratie steht am Abgrund. Lüge und Korruption, Inkompetenz und Bürgerverachtung der Politiker sind an der Tagesordnung und das Buch stellt sich dar als ein radikaler Aufruf zu einem neuen, herrschaftsfreien Miteinander. Sylvie-Sophie Schindler ist eine in Oberbayern aufgewachsene Journalistin, die in der Süddeutschen Zeitung begann und jahrelang als Lokalreporterin für den Münchner Merkur tätig war. Sie ist philosophisch und pädagogisch ausgebildet, arbeitete als Journalistin auch beim Stern, der Bunten und dem Tagesspiegel und agiert auch als Schauspielerin und Moderatorin.

Schon beim Lesen der Widmung der Autorin auf der ersten Buch-Seite wird dem Leser klar: Hier hat er keines der üblichen Politik-Bücher in der Hand. Schindler dankt darin bekannte Persönlichkeiten, „die die Anarchistin in mir lebendig hielten und halten“, wie Thomas Bernhard, Friedrich Nietzsche und Albert Camus. Diese Namen signalisieren schon, dass Schindlers Kritik am aktuellen System philosophische Tiefe hat. Und sie dankt den Whistleblowern Julian Assange und Edward Snowden, deren Unerschrockenheit bei der Veröffentlichung von Kriegsverbrechen und der globalen digitalen Massenüberwachung westlicher Geheimdienste auch für sie ein Vorbild ist.

Im einleitenden Kapitel, übrigens mit der bezeichnenden Überschrift „Ohne Vorwort. Ohne Couch.“ spricht die Autorin ihre Leser direkt mit der Frage an, ob es Hoffnungsgründe oder Enttäuschungsgründe waren, die zu ihrem Buch geführt haben. Und dann folgt die Warnung: „Hier wird an den Grundfesten der Welt, in der Sie es sich bisher eingerichtet haben, gerüttelt. Und das bekommt nun mal nicht jedem.“ Und mit gehöriger Ironie, die sich übrigens durch das ganze Buch zieht, ergänzt sie: „Selbst zu Nebenwirkungen wird Sie weder Ihr Arzt noch Apotheker beraten können. …Wer auf der Couch sitzen bleiben will, möge das tun. Kein Zwang.“

Viel Zustimmung ist der Autorin sicher, wenn sie die derzeitige Situation schildert: „Krise stapelt sich auf Krise, tragfähige Lösungen sind ausverkauft, bei humanistischen Werten gibt es erhebliche Lieferprobleme, es droht ein spektakulärer Zivilisationskollaps“ (S. 9-10).

Hier das jüngste Beispiel, das es gar nicht ins Buch von Schindler geschafft hat.  Glatteis ist jetzt vor allem in Berlin politisch, erreicht wirklich jeden Berliner, mit Ausnahme der Politiker, die mit ihren Dienstwagen kutschiert werden. Wochenlang nicht willens und fähig sein, in einer Millionenstadt für sichere Gehwege zu sorgen, bedeutet: Eine Stadt, die solche Zustände duldet, hat sich aufgegeben, ein Land mit einer solchen Hauptstadt, hat kapituliert. Das Glatteis bringt es an den Tag. Niemandem außerhalb Deutschlands ist begreiflich zu machen, woran die Hauptstadt der größten europäischen Wirtschaft scheitert. Zunächst nach langem Warten ausnahmsweise Erlaubnis von Streusalz, dann erfolgreiche Klage vom NABU dagegen – und all das wird vom Bürger finanziert. Berlin macht sich lächerlich und zeigt den Bürgern den Mittelfinger. Die Inkompetenz regiert, die Bürger werden verachtet, und die Rutschpartie scheint kein Ende zu nehmen.

Es hat schon einen gewissen Unterhaltungswert, wenn die Autorin und Journalistin große Scheinwerfer auf das politische System richtet. Sie findet es schlimm, wenn ein Gewöhnungseffekt eintritt. „Wir denken, es sei normal, dass wir von früh bis spät drangsaliert werden, mit Regeln und Verboten, mit Anwohnerparkzonen und öffentlichen Kameras …Das Gängeln in Zahlen ausgedrückt: Zum Stichtag 24. Mai 2024 sind in Deutschland auf Bundesebene 1.797 Gesetze mit 52.401 Einzelnormen sowie 2.866 Rechtsverordnungen mit 44.475 Einzelnormen gültig gewesen. … Dass ausgerechnet eine sogenannte liberale Demokratie an Überbürokratie erkrankt ist, ist in sich widersprüchlich“ (S. 31).

Da stellt die Autorin an die Quasi Monarchen, wie sie die Politiker bezeichnet, die Frage: „Ob ihnen klar ist, dass sie unsere Angestellten sind? Dass sie die Bereitschaft brauchen, uns zu dienen? Bisher hat das nicht geklappt. Unser Steuergeld nehmen sie gerne, unsere Interessen sind ihnen egal. Sie setzen auf Marschflugkörper, XXL-Schulden und Top-Styling, während sie an skandalösen Mietpreisen, steigender Armut und sozialen Missständen lässig vorbeischlendern“ (S. 38). Die Autorin macht sich über die Mainstream-Medien lustig, wenn sie in ihren Redaktionen rätseln: „ ‚Was sollen wir tun?‘ … ‚Wir verlieren die Menschen, wie kann man sie wieder zurückholen?‘ Sie sagen das so, als handele es sich um Tiger, die aus einem Zoo ausgebrochen sind“ (S. 43).

Sylvie-Sophie Schindler kommt dann zu dem Schluss, dass die Regierungen immer wieder bewiesen, dass es zu ihren allerliebsten Hobbies gehört, die Verfassung auf ihre Weise zu interpretieren und gegen sie zu verstoßen. Und ihr bedrückendes Fazit lautet: Besonders beliebt ist die Nichtachtung des Grundsatzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Das humanitäre Totalversagen während der Pandemie-Jahre blieb, wie wir alle wissen, bis heute ohne ernsthafte Konsequenzen.

Die niederschmetternde Kritik der Autorin am Politischen System lautet „Die Politik hatte ihre Chance – und hat alles gründlich vermasselt. Deren Vertreter können sich abstrampeln, wie sie wollen, sie wirken nur umso unglaubwürdiger. Sie können es nicht, sie kümmern sich nicht, sie gestalten nicht – und wir müssen endlich aufhören, ihnen zu folgen“ (S. 51). Diese Worte werden bei nicht wenigen Lesern Zustimmung ernten. Zumal jeder, der klar im Kopf ist, tagtäglich spürt: „Die Sprache von Politik ist einbetoniert, die Phrase regiert, alles ist erwartbar. … Und bedenken wir nur, wie massiv unser Gehirn und Herz mit Polit-Müll zugeschüttet werden, allein durch den dauernden Konsum von Nachrichten. Niemand wird dazu gezwungen, niemand muss sich das antun. Dennoch, für Millionen Menschen strukturiert sich so der Tag, sie fressen Nachrichten in sich rein, sie fressen und fressen.“  Und die freche Journalistin setzt den unzähligen journalistischen Bildern, hier noch eins obendrauf. „Wer sich davon inspiriert fühlt, der fühlt sich wahrscheinlich auch nach der Begegnung mit einer Winkekatze erleuchtet“ (S. 52).

Ebenfalls werden die Rechts-Links-Schablonen in der Politik mit der Debatten-Hysterie scharf kritisiert, bei der jede Position, die man einnimmt, sofort eingeordnet wird. Und das hat zur Folge, dass es überhaupt nicht mehr möglich sei, eine Haltung zu vertreten, ohne ein politisches Etikett aufgedrückt zu bekommen. Obendrauf komme das gehirnabschnürende Klima politischer Korrektheit, das vor allem von linksgrünen Kreisen forciert wird. Und die Autorin unterstreicht, dass sie keine Genderformen anwendet. „Ich tue das, weil ich die Sprache liebe, mir also fernliegt, sie mit unnützen Sternchen, Doppelpunkten und Unterstrichen zu vergewaltigen“ (S. 57).

Hinzu kommt, dass Parteien, Politik und Staat nicht untätig sind. Mit immer subtileren und raffinierteren Methoden werden die Bürger gelenkt, kontrolliert und bevormundet. Das wurde mit den Corona-Maßnahmen auf eine ganz neue Stufe gehoben. So erlebte es auch die Autorin bei Demonstrationen: „Der Bürger mit der Kerze in der Hand, ist der größte Verbrecher im ganzen Land - man wünschte, es wäre Satire“ (S. 74). Eine Demokratie, die gar keine ist, ist ohnehin das Beste, was den Mächtigen passieren kann. Das befand schon der Psychologen Rainer Mausfeld in seinem Buch „Hybris und Nemesis“: So sei die „Erzeugung einer Illusion von Demokratie die kostengünstigste Revolutionspraxis im Kapitalismus“ (S. 75). Und die Nachricht an alle „Demokratie-Retter“: „Eine wahre Demokratie hatten wir nie, beziehungsweise wenn, dann ist sie längst vorbei“ (S. 78).

Im Überschwang der Kritik an politischen Systemen hat die Münchner Autorin bei einer historischen Bewertung der deutschen Nachkriegsgeschichte des 2. Weltkrieges eine falsche Bewertung getroffen. So richtig es ist, dass in der Zeit der Adenauer-Regierung in den 50er Jahren sich die Führungsspitze des Bundeskriminalamtes (BKA) nahezu komplett aus ehemaligen Gestapo-Beamten und SS-Führern zusammensetzte, ist der ergänzende lapidare Satz „In der DDR dasselbe Spiel“ für Sicherheitsgremien nachweislich historisch unzutreffend und leichtfertig daher geschrieben (S.81). An dieser Stelle eine Anmerkung an Autorin und Verlag. Es hätte dem Essay und seiner Ausstrahlung gutgetan, wenn der Leser im Buch in einem Quellen- und Literaturverzeichnis nachschlagen könnte.

So sehr viele Leser der Autorin in ihrer scharfzüngigen Analyse der gegenwärtigen politischen Situation folgen werden, es bleibt doch die Frage, ob der Ausweg in anarchischen gemeinschaftlichen Konzepten zu suchen ist. „Bis heute gilt Anarchie als das große Schreckgespenst“, konstatiert Schindler. Sie vergleicht das mit Angstmacherei von Eltern gegenüber abtrünnigen Kindern und setzt fort. „Wir sollen brav nach ihren ideologischen Parametern funktionieren und keinesfalls auf die Idee kommen, dass wir ohne sie besser leben könnten. Bloß keine Autonomie, bloß keine Souveränität“ (S. 50). Und die Position der Autorin wird allgemein umrissen: Anarchie wird gebraucht, „um als Mensch ganz zu uns selbst zu kommen. Sie ist mehr als nur eine Option, sie ist unsere einzige Rettung“ (S. 58).

Allerdings werden dem Leser doch einige Bedenken kommen, wenn man sich Beispiele des Aufbaus hierarchiefreier Einheiten auf einer selbstverwalteten und freiwilligen Basis mit selbstverantwortlichen kooperierenden Menschen vor Augen führt, also von Gemeinschaften, die ohne Politik und Staat auskommen. Was vielleicht noch auf der Ebene von Hausgemeinschaften funktioniert, die über die Kehrwoche oder die Gestaltung des Vorgartens entscheiden, wird bei gesamtgesellschaftlichen Aufgaben fragwürdig. Und Schindler konstatiert selbst: Dazu brauche es einen langen Atem, vielleicht 25 oder vielleicht 80 oder vielleicht auch 300 Jahre. Da müssen die riesigen Politiker- und Beamten-Heerscharen aller Ländern wohl derzeit um ihre Pöstchen keine Angst haben.

Bei ihrer Suche nach einem neuen Gesellschaftsmodell wird die Autorin am Ende ihres Buches bei der französischen Science-Fiction-Filmkomödie „Der grüne Planet“ aus dem Jahr 1996 fündig. Da tauchen aus dem Kosmos menschenähnliche Wesen auf, die Lichtjahre von der Erde entfernt leben. Sie planen ihre interstellaren Reisen, aber zur Erde will keiner, weil dort zu viele rückständige Unzumutbarkeiten existieren wie sinnlose Kriege, zu viele Chefs und Präsidenten, kein Miteinander, der Stärkere nimmt sich die Macht. Auf dem grünen Planeten gibt es weder Arm und Reich, noch Kriege und Konflikte. Man lebt in Frieden und Harmonie miteinander, ohne Geldsystem, eben Science-Fiction-like (S. 90/91).

Am Ende des Buches muss die Autorin eingestehen, dass die praktisch Veranlagten (aber nicht nur die) mit den Hufen scharren und fragen: Was ist nun konkret zu tun mit dem Wirtschaftssystem, mit den Zahlungsmitteln, mit der Infrastruktur. Es überrascht niemanden, dass die Autorin keine Anleitung aus dem Ärmel schütteln wird. Um mögliche Gesellschaftsmodelle in der Zukunft zu betrachten, sollte zunächst eine grundlegende kritische Analyse der derzeitig weltweit herrschenden Politik- und Herrschaft-Modelle erfolgen. Dazu hat dieses 110 Seiten Essay einen überaus anregenden Beitrag geleistet und könnte die dringenden Diskussionen anstoßen. Dafür müssen die Mainstream-Medien einmal über ihren Schatten springen und dürfen das Buch nicht ignorieren. Und mancher Zeitgenosse müsste zunächst seine Couch verlassen und egal, ob aus Hoffnungs- oder Enttäuschungsgründen, zu dem Buch greifen. Denn die Anarchie - so ein Credo des Buches - ist die größte Liebeserklärung an den selbstbestimmten Menschen.

 

 

 

Sylvie-Sophie Schindler

Anarchie - jetzt oder nie!

Westend Verlag

112 Seiten

Erschienen am 16. Februar 2026

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