top of page

Der höchstgefährliche Historiker

Claudia Keusch
vor 18 Stunden
6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 2 Stunden

Über das neue Buch von Daniele Ganser „Kampf der Giganten - Warum China und Russland die globale Vorherrschaft der USA ablehnen“




Daniele Ganser: "Kampf der Giganten"

Der staatstragende „Relotius“-Spiegel verteilte jüngst im Wahlkampf auf seinem Titelblatt an einen Oppositionspolitiker das Etikett, höchstgefährlich zu sein, und machte sich damit auf Grund der dünnen Faktenlage gepaart mit effekthascherischem Boulevardjournalismus höchstlächerlich. Der international hochangesehene Schweizer Historiker Daniele Ganser hat jetzt das Buch vorgelegt „Kampf der Giganten – Warum China und Russland die globale Vorherrschaft der USA ablehnen“. Mit diesem Buch, erschienen im Westend Verlag, avanciert Daniele Ganser tatsächlich zu einem wirklich höchstgefährlichen Historiker, der die Realität der internationalen Lage mit wissenschaftlicher Analyse und einer Fülle von spannenden Zahlen und Fakten darstellt. Höchstgefährlich ist sein Buch vor allem für alle Propagandisten in Politik und Medien, die diese Wirklichkeit nicht zur Kenntnis nehmen wollen.

Schon im Vorwort wird eine illustre Zahl an international anerkannten Analysten und Autoren aufgelistet und ein 38-seitiges Quellenverzeichnis komplettiert das Buch, in dem Halbwahrheiten, Lügen und das Verschweigen von Tatsachen und Zusammenhängen kompetent und unaufgeregt entlarvt werden. Der Schweizer Historiker präsentiert seine Sicht auf die zerfallende US-geführte unipolare Weltordnung und die durch den Aufstieg neuer Großmächte entstehende multipolare Weltordnung.

Die ersten vier Kapitelüberschriften signalisieren dem Leser die Schwerpunkte des Buches: „China: Der Aufstieg zur Weltmacht“, „Russland: Warum Moskau dem Westen misstraut“, „Ukraine: Gefangen im Stellvertreterkrieg“ sowie „Deutschland: Ein Land in Kriegsgefahr“. Es folgen dann drei weitere Kapitel zu Israel und dem Genozid in Gaza, zu den USA und zum Iran-Krieg. Selbst der Zeitgenosse, der von sich glaubt, über diese Themenfelder und die Zusammenhänge ausreichend Bescheid zu wissen, wird sich, wie auch der Autor der Rezension selbst, korrigieren müssen. Er erfährt eine große Zahl von Fakten, die er bisher nicht oder nicht vollständig für seine Urteilsfindung zur Verfügung hatte.

Diese Einschätzung gilt besonders für China, das zu den größten Wirtschaftsmächten der Welt zählt, mit 1,4 Milliarden Einwohnern zusammen mit Indien das bevölkerungsreichste Land ist, einen ständigen Sitz im UNO-Sicherheitsrat hat, und im Besitz von Atomwaffen ist. Dazu Ganser in Kapitel „China: Der Aufstieg zur Weltmacht“: „Doch vielen Menschen im Westen ist China unbekannt, da die Medien kaum darüber berichten. Der Blick der Europäer geht traditionsgemäß nicht nach Peking, sondern über den Atlantik nach Westen“ (S.16). Und auch über die Sprache gibt es keine Verbindung zwischen Europa und China. Schon allein der spannende Exkurs des Historikers auf mehr als 50 Seiten über die frühe und neuere Geschichte des Reichs der Mitte verspricht dem Leser eine Menge Erkenntnisgewinn.


Bronzekessel mit Bajonettspuren in der Verbotenen Stadt

Bronzekessel mit Bajonettspuren in der Verbotenen Stadt

Wer weiß schon, dass China um das Jahr 1400 eine Segelschiff-Handelsflotte von 300 Schiffen betrieben hat, darunter große Segelschiffe mit 9 Masten und 120 Meter Länge, und aus Afrika Giraffen importierte. Und Autor Ganser erinnert an das Flaggschiff “Santa Maria“ von Christoph Kolumbus mit 3 Masten und 20 Meter Länge, mit dem er 1492 - knapp einhundert Jahre später - nach Amerika gelangte (S. 24). China führte den Buchdruck und Papiergeld Jahrhunderte vor Europa ein, kannte den Kompass und hatte das Schießpulver. Wie viele deutsche Leser wissen etwas über die sogenannten Opiumkriege, zwei Kolonialkriege, die von Großbritannien und Frankreich im 19. Jahrhundert gegen China geführt wurden. Und im Jahr 1900 wurde „mit entsetzlichen Morden, Brennen und Rauben“ die Hauptstadt Peking durch westliche Söldner erobert (S.34). Noch heute sind in der Verbotenen Stadt in Peking an den großen ehemals vergoldeten bronzenen Wasserkesseln die tiefen Spuren von Bajonetten zu sehen, mit denen die westlichen Krieger das Blattgold als Kriegsbeute abkratzten.   

Noch viel dramatischer und dem deutschen Leser näher ist das Kapitel, dessen Überschrift den Leitfaden darstellt: „Russland: Warum Moskau dem Westen misstraut“. Hier beginnt der Historiker mit der Spaltung von Europa im Kalten Krieg in der Periode von 1947 bis 1991. Nach dieser Etappe steht dann im Mittelpunkt der klare Wortbruch des Westens gegenüber Russland, dass es keine Osterweiterung der NATO geben werde. Historiker Ganser dokumentiert die vielfachen Zusagen beispielsweise beginnend durch die Außenminister der USA-Regierung James Baker und durch Hans-Dietrich Genscher aus der Helmut-Kohl-Regierung. „Die historischen Quellen zeigen eindeutig, dass der Westen gegenüber Moskau mündlich versprochen hatte, die NATO nach der Wiedervereinigung von Deutschland nicht auszudehnen. Gerade Deutschland, das von der Wiedervereinigung am meisten profitierte, wäre dazu verpflichtet, ehrlich auf diese damaligen Zusagen zurückzublicken“ (S. 80). Stattdessen gefallen sich bis heute die führenden Politiker wie der derzeitige deutsche Außenminister Johann Wadephuhl darin, immer wieder diese Zusagen, die allerdings nicht schriftlich in Verträgen fixiert wurden, lautstark zu leugnen. Diese Politiker und ihre Hofberichterstatter stellen Falschbehauptungen auf! Das ist eine höfliche Formulierung für das Verbreiten von Lügen.

Aus diesem Vertrauensbruch wuchs mit den einsetzenden NATO-Erweiterungswellen das Misstrauen der russischen Regierung, das durch die Euromaidan Operation unter falscher Flagge weiter verstärkt wurde. Ein großer Vorzug des Ganser-Buches besteht gerade darin, dass der Historiker zu diesem Putsch in der Ukraine im Jahr 2014 sehr intensiv recherchiert hat. Ganser kommt zu dem Fazit, dass „…auf der Basis der verfügbaren Quellen dies als ein Putsch durch die USA eingestuft werden muss, mit Beteiligung von rechtsextremen Ukrainern mit dem Ziel, die Ukraine in die NATO zu ziehen.“  Zugleich warnt Ganser: „Aber die Russen werden das nicht zulassen.“ (S. 108/9)

Was über den Putsch akribisch und ausführlich belegt wird, findet im Kapitel „Ukraine: Gefangen im Stellvertreterkrieg“ eine dramatische Fortsetzung. Im Zusammenhang mit Friedensgesprächen zwischen Russland und der Ukraine in Istanbul deckt der Historiker eine Inszenierung von Gräuelpropaganda im Ort Butscha gegen Russland auf, die die Ergebnisse der Friedensgespräche erfolgreich torpedieren. Trotz dieser offensichtlichen Fälschungen über angebliche Kriegsverbrechen, die Ganser als Propagandalügen aufdeckt, wird von deutschen Politikern und den Medien weiterhin die Butscha-Mär emsig verbreitet (S. 148).

Ein besonderes Kapitel nimmt für den deutschen Leser sein eigenes Land ein. Aber ist es noch sein Land, in dem er lebt, arbeitet, wählt und mitbestimmt? Die Überschrift des Kapitels von Ganser lautet: „Deutschland: Ein Land in Kriegsgefahr“. Bereits im ersten Satz erfährt der Leser: „Deutschland ist der wichtigste Militärstützpunkt der USA in Europa, daher geriet das Land in eine gefährliche Situation, als sich der Bürgerkrieg in der Ukraine im Februar 2022 zu einem internationalen Krieg ausweitete“ (S. 155). Und obwohl die Mehrheit der Bevölkerung eine direkte oder indirekte Beteiligung an einem Krieg mit Russland ablehnt, so Ganser, nutzen die USA die Air Base Ramstein in Rheinland-Pfalz als Umschlagplatz für Waffen und Munition, im bayrischen Grafenwöhr werden durch die USA ukrainische Soldaten ausgebildet, in Wiesbaden werden Satellitenbilder für Angriffe auf Russland ausgewertet und Angriffe mit ATACMS-Raketen koordiniert, im bayrischen Schrobenhausen werden Angriffsdrohnen produziert und an die Ukraine geliefert. Der russischen Politologe Sergei Karaganow fordert daraufhin den Einsatz von Atomwaffen gegen Deutschland (S. 155). Auf den folgenden Seiten legt Ganser ausführlich die Faktenlage zur Sprengung der Nord Stream Pipelines (S. 165-177), der Abspaltung des Donbass (S. 177-179), der direkten Angriffe von ATCMS-Raketen und Drohnen auf Russland – immer unter direkter Beteiligung der USA (S. 179-188) sowie des Treffens von Trump und Putin in Alaska (S. 188-193) dar.

Im Buch wird der ehemalige Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen zu den vielen US-Militärbasen in Deutschland, die zum Ziel von russischen Angriffen werden könnten, wie folgt zitiert: „Wir sind der größte US-Flugzeugträger, auf dem 80 Millionen Eingeborene leben. Warum sollen wir uns einer solchen Gefahr aussetzen?“ Und dann seine für viele erschütternde Feststellung: „Wir gehen wie Schlafwandler in einen Konflikt mit Russland“ (S. 159).

Es kommen auch sehr viele mahnende Stimmen zu Wort, die von den herrschenden Kreisen und ihren medialen Lautsprechern gern stumm geschaltet werden. Dazu zählt der deutsche Brigadegeneral Erich Vad, viele Jahre militärischer Berater der Bundeskanzlerin Angela Merkel mit seiner Warnung: „Wir machen im Moment sehr viel Kriegsrhetorik. Wenn wir den dritten Weltkrieg nicht wollen, müssen wir früher oder später aus dieser militärischen Eskalationslogik raus und Verhandlungen aufnehmen“ (S. 165).

Ebenso aufrüttelnde und spannende Fakten und Dokumente werden vom Historiker Ganser zu den USA und dem Iran-Krieg dokumentiert und erläutert. Im Kapitel „USA: Die Macht des Dollar“ ruft Ganser den Lesern das folgende Bild zum Abstieg des Dollars und der wachsenden Verschuldung der USA in Erinnerung, das Reagan in seiner Rede zur Staatsverschuldung im US-Kongress malte. „Ein Stapel von 1000-Dollar-Scheinen von nur zehn Zentimetern Höhe macht seinen Besitzer bereits zum Millionär. Eine Billion Dollar hingegen entspräche einem Stapel von 1000-Dollar-Scheinen, der mehr als 100 Kilometer in den Himmel ragt.“ Ein hoher Stapel, wenn man bedenkt, dass die Verkehrsflugzeuge üblicherweise auf Höhen von 9 bis 12 Kilometern fliegen. Der Trend setzte sich über viele Etappen und Regierungszeiten von US-Präsidenten fort und die US-Staatsverschuldung kletterte bis 2026 auf über 39 Billionen Dollar (kein Schreibfehler) und übersteigt damit das amerikanische Brutto-Inlands-Produkt deutlich. Allein die Zinskosten beliefen sich 2025 auf 1 Billion Dollar (S. 234).

Im Ausblick am Ende des Buches beklagt der Historiker Ganser, dass immer wieder Kriege, in jüngster Zeit in der Ukraine, im Iran und in Gaza wie Wunden auf einem Körper nicht heilen wollen. Und er sieht einen Grund darin: „Weil wir oft in einem Gut-gegen-Böse-Narrativ verharren und uns weigern, die Probleme der anderen Seite zu begreifen“ (S. 300). Und Historiker Ganser betont, gerade wenn die drei Giganten USA, China und Russland in Stellvertreterkriegen aufeinanderprallen, dann wird die Lage besonders gefährlich. Und obwohl Ganser in dem Buch unzählige Beispiele aufführt, in denen Menschen Gewalt und mitunter Lügen eingesetzt haben, um ihre Ziele zu erreichen, darf es nicht, so seine Hoffnung, zur Schlussfolgerung führen, „dass wir als Menschheitsfamilie nicht fähig sind, friedlich zusammen zu leben.  Wir können es sehr wohl…“ Und als Beleg zitiert er den US-Präsidenten John F. Kennedy aus einer Rede im Jahr 1963 vor Studenten in Washington kurz vor seiner Ermordung durch den Deep State: „Unsere Probleme sind von Menschen geschaffen, deshalb können sie auch von Menschen gelöst werden“ (S. 302). Auch dieser Ausblick in Gansers Buch und sein Appell an die Friedensbewegung macht es für die Betreiber von Kriegstüchtigkeit in Deutschland zu einem höchstgefährlichen Buch.

 

Daniele Ganser: „Kampf der Giganten - Warum China und Russland die globale Vorherrschaft der USA ablehnen"

Westend Verlag, 350 Seiten, Erschienen am 14.09.2026


Kommentare


bottom of page