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Das Buch der Stunde - Frieden ist Arbeit

  • Ronald Keusch
  • vor 2 Tagen
  • 6 Min. Lesezeit

Über das Gesprächs-Buch „Frieden - Wie geht das?“ von Klaus von Dohnanyi und Erich Vad




Klaus von Dohnanyi, Erich Vad: Frieden - wie geht das?

Für viele ist das derzeitige Kriegsgeheul in den deutschen Massenmedien von sogenannten Experten nicht mehr erträglich. Das Thema der Kriegstüchtigkeit und das Ankurbeln der Kriegswirtschaft kriecht scheinbar unaufhaltsam in die Öffentlichkeit. „Panzer statt Autos“, „Rüstungsindustrie in Champagnerlaune“, „Kriegstüchtiges Gesundheitssystem“, feindliche Drohnen allüberall und der barbarische Russe steht bald vor der Tür. Aber wer sich über die derzeit tatsächlich angespannte politische Situation in Europa informieren will, und das muss und sollte jeder in Deutschland tun, dem hat der Westend Verlag eine Möglichkeit gegeben mit dem Buch „Frieden - Wie geht das?“. Darin suchen die Autoren Dr. Klaus von Dohnanyi und Dr. Erich Vad nach einem Weg aus den heute wachsenden Kriegsgefahren zu friedlichen Lösungen.

Ihr gemeinsames Buch beweist nachdrücklich, es gibt sie noch, profilierteste Politikerstimmen der Deutschen Nachkriegszeit wie Klaus von Dohnanyi, Mitglied der SPD seit 1957. Der promovierte Jurist mit Studien an der Columbia- und der Stanford-University in den USA hatte zahlreiche politische Ämter inne, so als Staatsminister im Auswärtigen Amt und als Erster Bürgermeister von Hamburg, und er ist Autor zahlreicher Bücher. Autor Dr. Erich Vad ist ein erfahrener und international anerkannter militär-politischer Experte, der lange Jahre als Gruppenleiter im Bundeskanzleramt, Sekretär des Bundessicherheitsrates und militärpolitischer Berater der damaligen Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel tätig war. Und im Unterschied zum früheren Dienstrang von Kriegsminister Boris Pistorius, der einst Obergefreiter in der Bundeswehr war, ist Vad Brigadegeneral a.D. Beide Autoren haben bereits 2025 ein Handbuch „Krieg oder Frieden. Deutschland vor der Entscheidung“, ebenfalls im Westend Verlag veröffentlicht. Dass beide Autoren sich schon nach so kurzer Zeit wieder diesem Thema Krieg und Frieden widmen, erklärt der Verlagstext in nur vier Worten, die hoffentlich immer mehr Leser verstehen: „Das Buch der Stunde.“  Die Texte wurden laut Vorwort sogar noch bis Anfang Mai 2026 durch die Autoren aktualisiert.

Der große Vorzug dieses Buches besteht darin, dass beide Autoren im Gespräch Klartext reden, ohne Wenn und Aber und ohne Propaganda-Pirouetten. So lautet ihr Urteil schon zu Beginn ihres Gespräches, dass gegenwärtig die undifferenzierte Kriegsrhetorik und Kriegstreiberei in Deutschland und teilweise in ganz Europa nicht zu überhören ist. Vad: „Aus meiner Sicht haben sich Deutschland und auch Europa politisch für den Kurs der Eskalation mit Blick auf Russland entschieden. Der deutlichste Ausdruck für mich ist die Bereitschaft, die Ukraine in die EU aufzunehmen.“ …Dohnanyi: „Das sehe ich genauso, Herr Vad. Wir sind meiner Meinung nach in einer typischen Situation, in der wir in die Interessenlage der Ukraine, in ihre Auseinandersetzung mit Russland hineingezogen werden sollen.“ Überschrieben ist dieser erste Gesprächsabschnitt „Die EU darf nicht zur ‚Geisel‘ der Ukraine werden“ (S. 11). Diese Prämisse zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Gespräch.

Auch die unmittelbaren Konsequenzen werden diskutiert mit aller Klarheit: „Eine Ukraine in der EU würde jede Aussöhnung mit Russland in der Zukunft blockieren. Und diese Aussöhnung wäre doch entscheidend für die Zukunft Europas“, so Dohnanyi. Und Vad ergänzt: „Man kann und sollte die europäische Sicherheit nicht gegen Russland organisieren, sondern in jedem Fall mit Russland …“ (S.13 und 16)  Und er nimmt das Ziel vorweg: „Wir müssen … wieder dahin, wo Reagan und Gorbatschow waren: Frieden zu schaffen über systemische Gegensätze hinaus, bei Ausgleich von möglicherweise widerstrebenden Interessen der Beteiligten. Die beiden Staatsmänner haben immerhin den Kalten Krieg beendet.“ (S.19/20)

Alle weiteren Abschnitte im Gespräch sind mit Überschriften versehen, die dem Leser eine Orientierung geben. Da steht dann „Kriegswirtschaft rechnet sich nicht“ oder „In einem europäischen Krieg ist Deutschland Drehscheibe und Aufmarschgebiet“. Und immer wird im Text an historische Ereignisse erinnert. Wie zum Beispiel von General Vad, der 2008 die damalige Kanzlerin Merkel zum ersten Gelöbnis junger Bundeswehrsoldaten vor dem Reichstag begleitete, auf dem der frühere Bundeskanzler aus der SPD Helmut Schmidt eine bewegende Rede hielt. Mit Blick auf sein eigenes Gelöbnis als Rekrut der Wehrmacht versicherte Schmidt an einer Stelle seiner Rede in sehr persönlichen Worten: „Dieser Staat wird Euch nicht missbrauchen.“ Dieser Satz habe Vad bis zum heutigen Tag nachdenklich gemacht und er verstehe erst jetzt die ganze Tragweite dieser Worte, „wenn uns einige glauben machen wollen, wir müssten beim Irankrieg mitmachen oder im Ukrainekrieg all in gehen, oder die behaupten, die Sicherheit Deutschlands werde angeblich am Hindukusch, in Mali, am Dnepr, im Indopazifik oder sonst wo verteidigt. … Das Friedensgebot des Grundgesetzes sieht nicht vor, dass deutsche Streitkräfte als militärisches Mittel der Macht- und Einflusspolitik weltweit eingesetzt werden, sondern nur als Ultima Ratio zur Verteidigung, zur Landes- und Bündnisverteidigung.“ (S.61/62)

Beide Autoren warnen „Krieg hat immer die Tendenz zur Eskalation“. Und Erich Vad stellt mit Blick auf die junge Generation fest: „Wer glaubt, dass der nächste große Krieg ohne Blutvergießen im Cyberwar wie eine Art ‚War Gaming‘ geführt werden wird, ausgetragen von uniformierten Hackern und Nerds, liegt falsch.“ (S. 113)  In allen Kriegen werde dazu aufgerufen, es ginge um legitime und menschliche Ziele und „Wahrheiten“, die es rechtfertigen, dass sich Menschen dafür gegenseitig töten. Und Vad zitiert den berühmten Satz des Schriftstellers Erich Maria Remarque, der als junger Soldat den ersten Weltkrieg selbst erlebte: „Ich dachte immer, jeder Mensch sei gegen den Krieg, bis ich herausfand, dass es welche gibt, die dafür sind, besonders die, die nicht hingehen müssen.“ (S. 115)

Beide Gesprächspartner warnen unisono davor, dass es in jedem Krieg Leute gibt, die daraus ein Geschäft machen und davon profitieren. Und Erich Vad konkretisiert: „Von daher bildet der ‚militärisch-industrielle‘ Komplex, gegen dessen immensen Einfluss auf die Politik sich der US-Präsident und frühere General Dwight D. Eisenhower zum Ende seiner Amtszeit wandte, bis zum heutigen Tage eine nicht zu unterschätzende Gefahr, wenn es um Frieden und Kriegsverhinderung geht.“ Dass der Militär Erich Vad keinen naiven Pazifismus-Träumereien anhängt, zeigt seine klare Aussage: „Andererseits ist Kriegsvorbereitung unumgänglich, wenn es um eine funktionierende Landesverteidigung geht.“ (S. 117) Im Gesprächsverlauf erfährt der Leser, dass Erich Vad seine Doktorarbeit zum Hauptwerk „Vom Kriege“ von Carl von Clausewitz geschrieben hat. Das ist sehr hilfreich für seine Argumentation, denn   wichtige Hauptaussagen des preußischen Militärwissenschaftlers haben bis heute ihre Gültigkeit bewiesen.

Selbstverständlich gehört zu einem solchen lebendigen Gespräch, dass die beiden Gesprächspartner auch manchmal unterschiedliche Positionen vertreten. Beispielsweise im Kapitel „Das Interesse am Frieden muss höher sein als das Interesse am Krieg“, wenn Erich Vad meint, dass häufig unterschätzt wird, was ein Krieg in Europa für die hochentwickelten dicht besiedelten Industriegesellschaften bedeuten würde, das gilt insbesondere für Deutschland, das sich erkennbar auf einen kommenden Krieg als Aufmarschgebiet und logistische Basis vorbereitet. Klaus von Dohnanyi teilt diese eher pessimistische Beurteilung und Prognose nicht und führt aus: „Ich bin da optimistischer und glaube auch radikaler als Sie und hoffe immer noch auf Einsicht und politische Vernunft bei den Akteuren.“ (S. 133)

Immer wieder steht die fixe Idee der Kriegspropaganda im Mittelpunkt, dass Russland die ganze Ukraine erobern und die NATO angreifen wolle. „Da hilft ein Blick auf die aktuellen militärischen Kräfteverhältnisse weiter“, so der Ratschlag von Erich Vad. „Russland bräuchte vermutlich für einen groß angelegten Angriff auf NATO-Europa … die drei- bis fünffache Überlegenheit, um militärisch erfolgreich zu sein.“ Und er erinnert daran, dass allein Polen an seiner Ostgrenze - ohne NATO-Verstärkungskräfte gerechnet – eine stattliche dreifache militärische Überlegenheit hat. „Angesichts dieser militärischen Kräfteverhältnisses ist eine akute Bedrohung der NATO und des Baltikums durch Russland weit hergeholt, abgesehen davon, dass es doch keinerlei zuverlässige diesbezügliche politische Absichtserklärungen Russlands gibt.“ (S. 146)

Auf die immer wieder aufkommende Frage des Buchtitels „Frieden - Wie geht das?“ wird im Gespräch zunächst auch der Gedanke diskutiert, dass es perspektivisch Ziel sein sollte, Europa schrittweise aus der Abhängigkeit von den geopolitischen Interessen der USA herauszuführen. Und Klaus von Dohnanyi hält es für richtig und eine interessante Vision, wenn Deutschland eine neutrale Position einnehmen kann. Aber gleichzeitig muss er einräumen: „Heute wäre angesichts der engen Verflechtung Deutschlands mit der NATO und der EU ein Austritt aus den Bündnisverpflichtungen hin zur Neutralität ebenso wünschenswert wie illusorisch.“ (S. 165)

Das letzte Kapitel des Buches ist mit „Frieden ist Arbeit“ überschrieben. Und die Autoren fragen besorgt: Wie kommt es in Deutschland, gerade im Zusammenhang mit dem Ukrainekrieg, zu dieser von den Leitmedien so willfährig und auf breiter Front vermittelten erschreckenden Kriegsbegeisterung, „zu dieser regelrechten Renaissance von uniformer Anpassung und Duckmäusertum, zu diesem unwidersprochenen, nicht hinterfragten moralischen Größenwahn so ganz im Stile von Heinrich Manns Der Untertan?“ (S. 170)

Zu ihrem Resümee gehört, dass in Deutschland endlich eine echte außenpolitische Debatte geführt werden muss, die diesen Namen auch verdient. Die Autoren kommen zum Schluss auf die Anfangsfrage zurück, wie es sein kann, dass sich Europa und Deutschland immer wieder von Selenskyj in Geiselhaft nehmen lassen. Dohnanyi dazu: „Es ist allein in Selenskyjs Hand, Frieden mit Russland zu machen, aber stattdessen versucht er immer wieder, den Krieg auszuweiten und Europa oder die USA in das Kriegsgeschehen hineinzuziehen. … Vielen ist das nicht klar, welche gravierende Frage, eine Frage letztlich von Krieg oder Frieden, die Aufnahme der Ukraine in die EU ist.“ (S. 168/169)  Und Erich Vad formuliert weiter: „Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass wir mit der Aufnahme der Ukraine einen europäischen Krieg auslösen. Viele unterschätzen nämlich die Bindewirkung der Beistandsverpflichtung nach Artikel 42 des EU-Vertrages.“ (S. 172)  

Der letzte Satz der Autoren Dohnanyi und Vad lautet: Frieden ist Arbeit.

 

 

Erich Vad, Klaus von Dohnanyi: Frieden - Wie geht das?

Westend Verlag, Erschienen am 08.06.2026, 160 Seiten                                                                        

 

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