Schwanenwerder. Trauminsel am Wannsee
Aktualisiert: vor 32 Minuten
Autor Frank Schüttig erzählt die wechselvolle Geschichte dieser Havel-Insel
Blick auf die Havel bei Schwanenwerder Foto: HOSPES Evangelisch-Tagen GmbH

Schwanenwerder, die geheimnisumwitterte Insel am Wannsee, ist schon seit mehr als einem Jahrhundert Berlins nobelste und glamouröseste Adresse. Seit der Gründerzeit ließ sich hier im Südwesten der Hauptstadt nieder, wer dem hektischen Treiben in der Metropole entfliehen und sich mit seiner Familie den Traum vom idyllischen Leben auf dem luxuriösen Landsitz am Wasser erfüllen wollte. Und wer die Mittel dafür hatte. Denn leisten konnten sich die großzügigen Seegrundstücke in der exklusiven, 1882 vom erfolgreichen Berliner Petroleumlampenfabrikanten Friedrich Wilhelm Wessel gegründeten Villenkolonie nur wenige: Betuchte Bankiers und wohlhabende Industrielle, Kaufhauskönige wie Berthold Israel und Rudolf Karstadt, prominente Filmstars wie Lída Baarová und Gustav Fröhlich.
Links: Inselstraße 20-22, eine der ältesten Gründerzeitvillen, heute Gästehaus der Gesellschaft für berufsbildende Maßnahmen
Rechts: Inselstraße – die einzige Straße auf Schwanenwerder Fotos: Frank Schüttig
Jüdische Eigentümer wurden nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in die Emigration getrieben, meist gingen sie in die Schweiz, nach England oder in die USA. Ihre Villen mussten sie – oft weit unter Wert – verkaufen. Auf Schwanenwerder siedelten sich NS-Größen wie Propagandaminister Joseph Goebbels, Hitlers Leibarzt Theo Morell und Stararchitekt und Rüstungsminister Albert Speer an.
Immer blieb die Insel ein Refugium für eine kleine elitäre Oberschicht. In der ersten deutschen Ausgabe des Monopoly-Spiels von 1936 war Schwanenwerder mit 8000 Reichsmark Berlins teuerste Adresse. Nach Kriegsende residierten auf der Insel der Oberbefehlshaber der US-Besatzungstruppen und spätere US-Präsident Dwight D. Eisenhower und Lucius D. Clay, der „Vater der Berliner Luftbrücke“.
Inselstraße 27/28, ehemalige Bankiersvilla aus dem Jahr 1928, heute Evangelische Bildungsstätte auf Schwanenwerder
Foto: HOSPES Evangelisch-Tagen GmbH

Inselstraße 24-26, Wohnhaus von Axel Cäsar Springer, gebaut in den 60er Jahren
Foto: Unternehmensarchiv Axel Springer SE

Danach wurde es stiller um Schwanenwerder, die Insel verfiel in einen langen Dornröschenschlaf. Einige verwaiste Grundstücke wurden für sommerliche Jugendfreizeitlager genutzt. Der erste prominente neue Inselbewohner war der Zeitungsverleger Axel Springer, der für sich und seine Frau Friede eine große Villa an der Nordspitze von Schwanenwerder bauen ließ, in die er illustre Gäste einlud.
Wer heute die kleine Brücke überquert, die das Festland mit der Trauminsel am Wannsee verbindet, taucht ein in eine Oase der Ruhe und sieht hinter Zäunen und Mauern Anwesen, von denen einige die gesellschaftlichen Verwerfungen des vorigen Jahrhunderts ahnen lassen.
Frank Schüttig: Schwanenwerder. Trauminsel am Wannsee
BeBra Verlag, Berlin 2026, 160 Seiten, 20,- Euro
Auszug aus dem Buch von Frank Schüttig „Schwanenwerder. Trauminsel am Wannsee“ ![]() Die „Goldenen“ Zwanziger
Wer damals mit seiner Familie auf Schwanenwerder lebte, wollte und konnte die Inselidylle an der Havel in Ruhe genießen. Die Bewohner der vornehmen Villenkolonie liebten ihre exklusive Abgeschiedenheit, blieben unter sich und verzichteten gern auf jede Art von Publicity. Die neugierige Öffentlichkeit sollte möglichst draußen bleiben. Zugang erhielt nur, wer eingeladen war. Einen aufschlussreichen Einblick ins luxuriöse Leben der damaligen Zeit auf Schwanenwerder vermittelt der Roman „A Princess in Berlin“, der 1980 in den USA herauskam und unter dem Titel „Berliner Reigen“ auch auf Deutsch erschienen ist. Sein Autor, der amerikanische Rechtsanwalt und Romancier Arthur R. G. Solmssen, geboren 1928 in New York, hatte einige Jahre seiner frühen Kindheit in Berlin verbracht. Vom mondänen Dasein in der großbürgerlichen Villa seines Onkels Georg Solmssen und der Geschichte seiner Familie ließ er sich zu seinem lesenswerten Roman inspirieren, der diese Zeiten auf Schwanenwerder wieder lebendig werden lässt. „Etwa zwanzig Leute saßen in Korbstühlen, auf mehrere Zirkel verteilt, die Frauen trugen geblümte Sommerkleider und Sommerhüte, die Männer zumeist gedeckte Straßenanzüge. Zwei Dienstmädchen mit Schürze und Häubchen reichten Tabletts mit Kuchen und Gebäck herum“, schreibt Solmssen über einen Sommernachmittag auf Schwanenwerder. Die Gäste waren Mitglieder der Familie, Geschäftspartner und Teilhaber, befreundete Bankiers, Nachbarn und einflussreiche Politiker. „Im funkelnden weißen Speisezimmer hatte man eine lange Tafel gedeckt. Tischtücher, Silber und Kristallgläser, ungeheure, mit Wolken weißer Tulpen gefüllte Vasen, durch die offenen Glastüren hereinflutendes Sonnenlicht, ein Blick auf Wasser, Segel und Himmel.“ Wenn man in einem solchen Palast sitze, lässt der Autor einen der staunenden Gäste sagen, könne man sich „das Elend der arbeitenden Bevölkerung gar nicht vorstellen“.
Einer der ersten prominenten Neusiedler, der nach dem verheerenden Weltkrieg auf der Bildfläche von Schwanenwerder erschien, war ein weiterer Bankier: Dr. Oscar Schlitter. 1922, noch während der Inflation, die viele Berliner in tiefe Verzweiflung stürzte, ließ sich der wohlhabende Mittfünfziger auf der Parzelle Nr. 10 an der Ostseite der Insel nieder. Schlitters stattliches Anwesen auf Schwanenwerder hatte eine Grundstücksfläche von rund 7.700 Quadratmetern. Außer dem zweigeschossigen Landhaus mit dem für die damalige Zeit charakteristischen Walmdach ließ er sich von der bekannten Firma F. & H. Wessel ein Gärtnerhaus, eine Garage und ein Bootshaus bauen. 1923 kam noch eine Tankanlage für 3.000 Liter Benzin hinzu, die allerdings 1931 wieder abgerissen wurde. Welche Limousinen und Cabriolets dort betankt wurden, wissen wir nicht. Das 50.000 Quadratmeter große Seegrundstück Inselstraße 38/40/42 auf der sonnenreichen Westseite von Schwanenwerder erwarb 1922 der Fabrikant Heinrich Brückmann, Generaldirektor der Gesellschaft für Maschinenfabrikation mbH. Brückmann ließ sich darauf seinen großzügigen „Amselhof“ bauen. Neben der Villa umfasste das Anwesen ein Wirtschaftsgebäude, ein Gewächshaus und ein Bootshaus. Doch der wohlhabende Bauherr konnte die eindrucksvollen Sonnenuntergänge an der Havel nur noch wenige Jahre genießen. Er starb schon 1929. Seine Witwe Selma veräußerte den „Amselhof“ 1930 für die stolze Summe von 950.000 Reichsmark an Rudolph Karstadt, den Gründer des Warenhauskonzerns Karstadt, der hier mit Frau und Tochter einzog. Rudolph Karstadt war gelernter Einzelhandelskaufmann. Geboren 1856 im mecklenburgischen Grevesmühlen nördlich von Schwerin, hatte er im Mai 1881 in der Hansestadt Wismar sein erstes „Manufactur-, Confections- und Tuchgeschäft“ eröffnet. Karstadts Erfolgsrezept waren günstige Festpreise für die Kunden, die vorher um jeden einzelnen Preis hatten feilschen müssen. Seine Ware bezog er - wenn möglich ohne Zwischenhändler - direkt von den Herstellern. Kleider für seine Warenhäuser ließ er in eigenen Konfektionsbetrieben schneidern. In Lübeck folgte schon 1884 das zweite Karstadt-Haus. Dann ging es Schlag auf Schlag. Rudolph Karstadt übernahm ein gutes Dutzend Geschäfte seines verschuldeten Bruders Ernst und eröffnete 1912 an der Mönckebergstraße in der Hamburger City sein erstes Großwarenhaus mit einer Verkaufsfläche von rund 10.000 Quadratmetern. Noch einige Nummern größer war das berühmte Karstadt-Kaufhaus am Hermannplatz in Berlin-Neukölln mit seinen beiden markanten, 56 Meter hohen Türmen, das 1929 feierlich eingeweiht wurde. Ende der 1920er Jahre war Karstadt mit 89 Filialen, 27 Fabriken und mehr als 29.000 Angestellten Europas größter Warenhauskonzern. Das Wachstum des Kaufhaus-Imperiums schien keine Grenzen zu kennen. Doch dann kam der jähe Absturz. In der großen Weltwirtschaftskrise Anfang der 1930er Jahre fehlte den Kunden plötzlich das Geld. Der Absatz brach dramatisch ein und zwang den erfolgsverwöhnten Konzern in die Knie. Als persönlich haftender Gesellschafter verlor Rudolph Karstadt den größten Teil seines Vermögens. Er war gezwungen, das von ihm selbst gegründete Unternehmen zu verlassen und zog sich nach Schwerin zurück. Sein prächtiges Anwesen auf Schwanenwerder, das er gerade erst erworben hatte, musste er aufgeben. Es wurde unter Zwangsverwaltung gestellt und 1937 geteilt. Der Kaufhauskönig Rudolph Karstadt starb während des Krieges, 1944, als verarmter und vereinsamter Mann in Schwerin. Mehr als die Hälfte der 15 Anwesen auf Schwanenwerder, die Ende der 1920er im Berliner Adressbuch verzeichnet waren, gehörten jüdischen Eigentümern. Einer von ihnen war der erfolgreiche Maschinenbau- und Elektroingenieur Dr. Friedrich Eichberg, der 1922 das Wassergrundstück Inselstraße 32 mit der umgebauten und erweiterten „Villa Schwanenburg“ übernahm, das vorher mehrfach den Besitzer gewechselt hatte. Eichberg, geboren 1875 in Wien, arbeitete für die Union Electricitäts-Gesellschaft, die 1904 mit der AEG fusionierte. Der ehrgeizige Ingenieur stieg in den AEG-Vorstand auf, später saß er im Aufsichtsrat des Berliner Unternehmens. Eichberg war Miterfinder des patentierten Winter-Eichberg-Motors, des ersten gebrauchsfähigen Elektromotors für die Bahnelektrifizierung mit Einphasen-Wechselstrom. Die ersten Versuchstriebwagen mit dem neuartigen Motor fuhren auf der Strecke Schöneweide-Spindlersfeld in Berlin. Wenige Jahre später kamen die neuen Motoren auch auf der Stubaitalbahn in Tirol zum Einsatz. Um als Jude der nationalsozialistischen Verfolgung zu entkommen, emigrierte Dr. Friedrich Eichberg 1938 in die USA. Er starb 1941 in Ann Arbor, Michigan. Aus einer jüdischen Familie kam auch der Textilkaufmann Alfred Gugenheim, Mitinhaber der blühenden Krefelder Seidenweberei Michels & Cie. und des gleichnamigen Textilkaufhauses in der Leipziger Straße mit einer Niederlassung am Kurfürstendamm. Das Geschäft bot nicht nur hochwertige Seide, Samt und edle Spitze an, sondern auch elegante Krawatten, Kleider- und Möbelstoffe. Gugenheim, Jahrgang 1891, hatte nach seiner kaufmännischen Ausbildung in Berlin berufliche Erfahrungen in New York und London gesammelt, bevor er nach Deutschland zurückkehrte. 1928/29 ließ er sich auf einem kleineren Grundstück an der Ostseite von Schwanenwerder, Inselstraße 6, einen zweigeschossigen Sommersitz mit Flachdach und Garage bauen. Gugenheims neue Villa gilt als Beispiel für eine Form der Berliner Villenarchitektur der 1920er Jahre, die von Fachleuten als „expressionistischer Rokoko“ bezeichnet wird. 1934 kaufte das Haus der Autohändler Eduard Winter. Der gebürtige Rostocker hatte als 40-jähriger Kaufmann 1925 sein erstes Geschäft in Berlin Unter den Linden eröffnet und damit begonnen, amerikanische Wagen der Marken Buick, Oldsmobile, Chevrolet und Cadillac zu importieren. Nach Kriegsende wurde er in Berlin ein erfolgreicher VW- und Porschehändler. Sein Haus auf Schwanenwerder nutzte er wahrscheinlich noch bis Ende der 1950er Jahre. Eine der schillerndsten Figuren der damaligen Zeit war Julius Barmat, der sich Mitte der 1920er Jahre auf dem Grundstück Inselstraße 12/14 niederließ und die Villa bewohnte, die der Chirurg Prof. Dr. med. Fedor Krause für sich hatte bauen lassen. Barmat war Hauptanteilseigner einer Ein- und Ausfuhrgesellschaft namens Amexima. Daneben hatte er ein unübersehbares Wirtschaftsimperium aufgebaut, zu dem Banken, Versicherungen und Industriebetriebe gehörten. Außerdem war er an Brikett- und Papierfabriken, Sägewerken und Reedereien beteiligt. Der 1890 in der Nähe von Kiew im zaristischen Russland geborene Barmat kam aus einer jüdischen Familie und war der älteste von fünf Brüdern. Judko, wie er ursprünglich hieß, wanderte nach Holland aus, wo er in Rotterdam zunächst als Bankangestellter arbeitete und seinen Vornamen in Julius änderte. Er handelte mit Tulpenzwiebeln, Klavieren und Diamanten. Für diese Geschäfte gründete er seine Firma Amsterdamsche Export en Import Matschappij (Amexima). Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs soll er schon mehr als 900.000 Gulden auf dem Konto gehabt haben. Während des Krieges entdeckte Barmat ein neues profitables Geschäftsfeld: die Lieferung von Lebensmitteln nach Deutschland unter Umgehung der Sanktionen der westlichen Kriegsgegner. Er wurde Mitglied der Sozialdemokratischen Partei und traf führende SPD-Politiker wie Otto Wels und Hermann Müller, die ihm ein Dauervisum für Deutschland und lukrative Aufträge besorgten. Barmat revanchierte sich bei seinen neuen Freunden mit Einladungen in seine Villa auf Schwanenwerder, die er mit seiner holländischen Frau und seinem Sohn Herschel bewohnte. Legendär wurden die exzessiven Parties in der Villa der Barmat-Brüder, die Schwanenwerder für einige Jahre den Namen „Barmatwerder“ einbrachten. Gemeinsam mit seinem Bruder Henry spezialisierte sich der stets elegant gekleidete und gewinnend auftretende Mann auf unseriöse Kreditgeschäfte. Doch dann platzte die Blase. In der Neujahrsnacht 1925 rückte ein Großaufgebot von 500 Berliner Polizisten auf Schwanenwerder an, umstellte die Villa und verhaftete die kriminellen Brüder. Der Gesamtschaden, den die Barmats angerichtet hatten, soll sich auf eine Summe zwischen 70 und 80 Millionen Reichsmark belaufen haben. Hauptgeschädigte war die Preußische Staatsbank, die den Kreditbetrügern 34 Millionen Reichsmark geliehen hatte. Anfang 1927 begann der Prozess, der sich mehr als ein Jahr hinzog. Julius Barmat wurde zu elf Monaten Gefängnis verurteilt, die Untersuchungshaft wurde ihm zum Teil angerechnet. Nach der Haftentlassung ging er zurück nach Amsterdam. Barmat starb im Januar 1938 in einem Untersuchungsgefängnis in Brüssel, wo er wegen eines anderen Delikts einsaß. Die leerstehende Barmat-Villa kaufte 1926 der Bankier Samuel Goldschmidt, der Direktor des Bankhauses Goldschmidt-Rothschild. |





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